Fußball-Kommentare im TV Mystiker und Kriegsmetaphoriker

Fußball, das lehrt diese WM aufs Neue, ist eines der letzten Rätsel der Zivilisation. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ergingen sich in den vergangenen vier Wochen Dutzende Experten im TV über das Mysterium - mit äußerst wechselhaftem Unterhaltungswert.


Fußball, das wissen wir nicht erst seit der Weltmeisterschaft, obwohl sie es uns einmal mehr plastisch veranschaulichte, ist ein Mysterium, vielleicht eines der letzten, die der Welt geblieben sind. Alles und doch gar nichts kann man hineinprojizieren in den Lauf der Kugel, die schon lange nicht mehr aus Leder gemacht ist. Spaltpilz genauso wie Brücke zwischen den Völkern, doch stets unerklärlich, das ist der Fußball. War es nicht jener Umstand, der den großen österreichischen Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein einst in vorausahnender Weisheit formulieren ließ: "Die Welt ist alles, was der Ball ist"?

Die Unergründlichkeit des rollenden Mythos provoziert. Alles und jeden. Über Fußball muss geredet werden. Weil das Rätsel noch immer nicht gelöst ist wie das menschliche Genom, forschen vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten mit der Akribie der wahrhaften Enthusiasten. Viele Weise waren geladen worden vor die Mikrophone. Und sie suchten und suchten.

Hervorgetan im Forscherwettstreit hat sich das ZDF, das die Expedition ins Reich der Bälle gleich mit einem ganzen Stab von Experten unternahm. Es hat den der Regeln kundigen Schweizer Urs Meier geladen hat, ehedem eine der absoluten Spitzenpfeifen unter den weltbesten Referees. Meier weiß, was nicht alle begriffen haben, dass das Abbild unseres Lebens nach strengen Vorgaben zu gestalten ist.

Und er ist in diesen Tagen noch immer der Anwalt der Arbiter, der regelnden Geister, die er gegen die harten Interventionen des Fußball-Schulmeisters Jürgen "Kloppo" Klopp, einem Meister des uneigentlichen Sprechens, verteidigt. Klopp malt Striche auf eine Tafel, fabuliert von Laufwegen zum Erfolg und lanciert ganz nebenbei seine Bewerbung für das Amt des Bundestrainers – womit er endlich nicht die theoretische, aber zumindest die praktische Deutungshoheit in allen Fachfragen beanspruchen könnte.

Johannes B. Kerner, das Bärchen unter den wackeren Expediteuren, moderiert die sinnstiftende Runde in seinen Pausen von der Spielkommentierung. Und angesichts der bösen Invasoren, von denen die ARD-Frontreporter Steffen Simon und Reinhold Beckmann anlässlich blanker Fußballspiele berichten, hätte man es kaum für möglich gehalten, dass man sich nach dem Kommentator Kerner zurücksehnt. Er, der seine Zuhörer trotz brutalen Schlachtengetümmels auf dem Rasen zumindest in der Sicherheit wiegt, nicht augenblicklich und handgreiflich hineingezogen zu werden.

Beckmann und Simon, das sind die Kriegsmetaphoriker im Zirkel der Gralssucher des Fußballs. Würden sie nicht heute, sondern im Hochmittelalter an die Fronten der Zeit ziehen, sie hätten sich als Chronisten im Range eines Großneffen Wolfram von Eschenbachs einen Namen gemacht. Panik zirkuliert im ganzen Land, wenn der Argentinier als solcher zum Elfmeterpunkt trabt und Beckmann das Land teilhaben lässt an der Verdichtung des gelebten Dramas. Dann ist alles Fußball, was die Welt ist.

Weil es nach Jens Lehmanns Großtaten aber "Adios Amigos" hieß und das dicke Ende erst in der ARD gegen Italien kam, tat sich die Bühne noch einmal auf. Ein Fall für zwei, für Günter Netzer und Gerhard Delling. Netzer, einer der letzten Mystiker, der noch immer seiner als Spieler vorgelebten Maxime gehorcht (wenig sprechen, viel sagen), hat die Essenz des Spiels wohl am ehesten begriffen.

Die Nachfragen seines kongenialen Lehrlings Delling, inzwischen im rotzig-pubertären Stadium des jungen Hochbegabten angekommen, erwidert er nach bald einem Jahrzehnt gemeinsamen Strebens entweder mit dem milden Lächeln des alten Meisters oder der Kratzbürstigkeit einer alternden Gouvernante. Das qualifiziert beide Dank ihrer Kombinationssicherheit auf engstem verbalen Raum mindestens fürs Endspiel - womit sie den Fußballfreund Wittgenstein zumindest in einem Punkt widerlegt haben: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Ihrem Beispiel folgen viele. Günter Grass ist jüngst als Anhänger gesichtet worden. Und auch der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit macht sich Gedanken um die Aufgabe der alten Leute nicht nur in der Gesellschaft, sondern in Gestalt von Zinedine Zidane auf dem Fußballplatz (was womöglich auf das Gleiche hinausläuft). Somit machen die beiden großen Geister endlich Schluss mit der Koalition der Schweiger, die sozialkritische Exegeten wie Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen und Hans Fallada unbeteiligt ließ in der Deutung des schönen Fußballspiels.

Was aber ist Fußball wirklich? Vielleicht doch "nur ein Spiel" (Gennaro Gattuso), dessen tatsächliche Bedeutungslosigkeit manche der Exegeten nach noch Höherem streben lässt? Denn Beckmann, das verrät sein Jargon als Front-Metaphoriker, will in Wahrheit nur ins nächste Krisengebiet. Und Simon will sein willfähriger Kabelträger sein, um endlich von jenen Schauplätzen zu berichten zu können, die die Welt erschüttern. Die Forderung einer jüngst im Internet lancierten Aktion "Stoppt Beckmann" dürfte indes ein frommer Wunsch bleiben: Der ARD-Cheftaktiker ist unwiderruflich für den finalen Endkampf nominiert.

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SimTobUn, 03.06.2006
1.
ist es nicht so, dass man oft erst unmittelbar vor anpfiff einschaltet? es kann einem doch echt die laune verderben, wenn dort ein gescheiterter late night moderator sitzt und zu jedem müll seinen mist abgibt, und damit es seriöser wirkt sitzt auch noch ein fußball-experte, der zwar keine ahnung vom modernen fußball hat, aber alles um sich herum kritisiert. und dann sollen fußballfans mit dem omen des herrn netzer noch freude am spiel haben? nach dem spiel schaltet dann ja auch fast jeder weg. entweder ist man total deprimiert und hat kein bock herrn netzers geschwätz anzuhören oder der fan it überglücklich und will feiern. Also Herr Netzer: Wenn sie doch immer alles besser wissen, warum sind sie dann kein team-coach, bzw, trainer?
radde, 03.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Gehören auch Sie zu den TV-Zuschauern, die den Ton abstellen, wenn Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann, Fritz von Thurn und Taxis und Co. auf Sendung gehen? Oder werden die TV-Experten Ihrer Meinung nach zu hart kritisiert? ---Zitatende--- ...nur in wirklichen Extremfällen schalte ich mal den Ton aus - z.B. wenn Werner Hansch kommentiert :)
radde, 03.06.2006
3.
---Zitat von SimTobUn--- Also Herr Netzer: Wenn sie doch immer alles besser wissen, warum sind sie dann kein team-coach, bzw, trainer? ---Zitatende--- ...weil er als "Experte" im Duett mit Delling einfach wesentlich besser aufgehoben ist - ein lustiges Gespann, wie ich finde und vieles was er sagt ist ja auch fachlich gut.
Holperik, 03.06.2006
4.
Darum ist es auch wichtig, die genauen Anstoßzeiten zu kennen. Zwei Minuten vorher wird auf Sender gegangen, um die Aufstellung mitzubekommen, in der Halbzeit gehts aufs Klo, um dem unsäglichen Geblubber des Komikerduos Delling und Netzer zu entgehen(Haben die nicht mal den Grimme-Preis bekommen? Wofür eigentlich?), nach dem Spiel möglichst weit weg von der Glotze, der Franzl ist auch nicht unbedingt der Bringer,Urs Meyer, naja, ein bissi Mulikulti muss halt sein, der Klopp ist zwar recht kompetent, ätzt aber trotzdem, drum heißts für mich, lieber Vergnügen mit Freunden als schaudern mir Experten.
Stefan Möhler, 03.06.2006
5.
Ich kann mich noch an Heribert erinnern. Dagegen ist das Meiste heute erträglich. Der Hansch kann ja nicht alles machen, leider. Und was die "Experten" angeht. Ok, die kann man vergessen. Mit einer Ausnahme: Meier und Klopp. Die 2 sind absolute Spitze. Leider schafft es dann immer noch dieser Weihnachtsfeier-Legastheniker mit auf den Bildschirm und ruiniert alles. Das machen die wohl mit Absicht, getreu dem Motto: Du kannst nicht alles haben, das Glück, den Sonnenschein, zum...
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