G-8-Runde bei Illner Geißler! Attac! Attacke!

CDU-Mann Geißler, "Tote Hosen"-Sänger Campino und Bayerns Innenminister Beckstein: Wenn das nicht der Gipfel des Talk-Entertainments war! Über G8 lernte man wenig Neues, dafür um so mehr über das aktivistische Potential alter Polit-Recken.

München - Ohne Zweifel ist Heiner Geißler die Hauptattraktion in Maybrit Illners politischer Fragerunde an diesem Abend, eine Woche vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm. Der Ex-CDU-Generalsekretär ist vor kurzem dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten - und sein wohl prominentestes Mitglied in Deutschland.

Campino, Beckstein, Illner, Geißler, Freiberg: Kritik an den "Uninformierten"

Campino, Beckstein, Illner, Geißler, Freiberg: Kritik an den "Uninformierten"

Foto: Svea Pietschmann / ZDF

Es ist gerade ein paar Stunden her, da hat der polternde Polit-Rentner Geißler vor Berliner Journalisten für Aufsehen gesorgt: Was Attac vertrete, das sei "im Grunde kompatibel mit dem Grundsatzprogramm der CDU". Na dann: Nieder mit dem Zaun von Heiligendamm, Kanzlerin Angela Merkel, nebenbei ja auch Vorsitzende dieser kompatiblen CDU, wird sie alle in die Arme schließen, die Globalisierungskritiker aus nah und fern.

Geißler also. Der darf in einer G-8-Runde des ZDF nicht fehlen. Gleich gegenüber vom Neu-Attacisten sitzt Günther Beckstein. Der ist alles andere als Attac. Nämlich bayerischer Innenminister. Außerdem Mitglied der CSU, der Schwesterpartei der kompatiblen Christdemokraten. Von Schwesternschaft ist an diesem Abend im ZDF-Hauptstadtstudio aber nicht wirklich viel zu spüren.

Zänkische Zaungäste

Denn Geißler und Beckstein fechten ihren Strauß von Beginn an aus. "Wäre Attac auch was für Sie?", fragt Illner gemeinerweise den Minister aus Bayern. Schöner Einstieg. Und Beckstein, liberaler als man in Berlin denken mag: "Wenn sich Attac glasklar von Gewalt distanzieren würde", dann könne er sich das vorstellen.

Beim Gewalt-Wort spitzt Heiner Geißler aber den Mund, seine faltig-gegerbte Gesichtshaut strafft sich zusehends: Er sei für sein Attac-Engagement bisher von "uninformierten Leuten" kritisiert worden - nun stelle sich heraus, "der Kollege Beckstein ist wohl auch nicht informiert". Später wird sich Beckstein beim früheren Familienminister Geißler mit den Worten revanchieren, dass er sich aufrege, wenn einer, "der verantwortlicher Minister war, so daherredet".

Thema der Sendung ist übrigens: "Razzien und Randale - Wie weit dürfen Staat und Demonstranten gehen?" Maybrit Illner moderiert eine Diskussion über Zäune und 16.000 Polizisten davor, über möglicherweise Gewaltbereite unter den bis zu 100.000 Demonstranten. Darüber kann sie mit den Gästen Günther Beckstein und Konrad Freiberg, dem Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, kenntnisreich diskutieren.

Freiberg etwa antwortet schlagfertig auf Illners Frage nach der Möglichkeit des Abräumens eines möglichen Sitzblockierers Geißler: "Natürlich könnte ich das, wenn er im Weg sitzt." Freiberg wirbt um Verständnis für die schwierige Situation der Polizisten in Heiligendamm, sie müssten sowohl die Demonstration als auch den Tagungsort schützen.

Politik des bösen Blicks

Aber die anderen Gäste wollen eher übers vorgegebene Thema hinaus diskutieren, Grundsätzliches zum Thema G8 sagen. Das mag die Diskussion ein wenig verwirren, öffnet den Zuschauern aber einen Blick über die fachsimpelnde Zaun- und Stacheldrahtdiskussion hinaus.

Da ist zum Beispiel Campino, Sänger der "Toten Hosen" und auch schon 44 Jahre alt. Er gibt den angry young man und damit den kongenialen Gegenpart zum angry old man Geißler, der sagt, es würden die Brandanschläge von Hamburg "den friedlichen Demonstranten von Heiligendamm in die Schuhe" geschoben. Campino kann Geißlers Wandlung noch nicht so ganz glauben. Am Anfang sendet er nur böse Blicke in alle Richtungen aus und hält die Augenbrauen konstant in einem 45-Grad-Winkel abfallend zur Nasenwurzel hin.

"Käse", sei der G-8-Gipfel mit all seinen Sicherheitsmaßnahmen, platzt es irgendwann aus ihm heraus: "Wie viele Berichte davon müssen wir uns noch anhören, bis sich diese Leute auf irgend einer Insel oder einem Boot treffen?" Es wäre "sinnvoll, über Afrika und den Klimawandel zu reden", doch die Medien seien "doch alle geil auf diese Bilder, die wollen doch keine friedlichen Demonstranten mit ner Kerze". Vom Publikum bekommt Campino ziemlich viel Applaus - wie Fans der "Toten Hosen" sehen die Leute auf Illners Zuschauerbänken allerdings nicht gerade aus: Meist Mittfünfziger, gedeckte Farben, Wildlederjacken, Brillen mit Goldrand. Campino ist plötzlich mehrheitsfähig im deutschen Kleinbürgertum. Das sagt eine ganze Menge über die Meinung der Bevölkerung zum Thema G8.

Abtauchen auf Helgoland

Campino bringt die Runde ab von der reinen Sicherheitsdiskussion. Mit Beckstein entspinnen sich dabei überraschende Wortgefechte. Wenn der Sänger sagt, die G-8-Staaten sollten erstmal ihre Klimaschutz-Versprechen erfüllen, bevor auf dem Gipfel wieder nur darüber diskutiert wird, wendet der Minister ein, er kenne noch gar keine Versprechen der russischen oder amerikanischen Regierung: "Deshalb ist es doch notwendig, ein Gespräch zu führen."

Das sieht Campino dann doch auch so, aber treffen könne man sich ja vielleicht auf Helgoland statt am Festland. Beckstein: "Heiligendamm ist doch jetzt auch schon wie eine Insel" - Campino: "Aber auf Helgoland gäbe es nur protestierende Schwimmer" - Beckstein: "Es waren doch Ex-Kanzler Schröder und die Grünen, die damals nach Heiligendamm eingeladen haben."

Ein schöner Schlagabtausch, den Maybrit Illner dann aber für einen Gang ins Publikum unterbricht, um mit Frauke Banse, der Sprecherin von "Block G8" zu plauschen. Banses Truppe möchte die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm blockieren, dafür haben sie auch schon Trainings absolviert. Wohl auch rhetorische. Denn Frau Banse rattert gleich los: "Acht Staaten maßen sich an, über die Welt zu bestimmen." Kleiner Gedankensprung. "Hier in der BRD" sei es schon zu sehen: Auslagerungen bei der Telekom, ein Gesundheitssystem, das sich nicht alle leisten könnten. Illner fügt mit einem Lächeln an: "Sie sagen noch BRD, mittlerweile ist es aber Deutschland." Es ist der Tiefpunkt des Abends.

Aber das macht nichts. Illners Mischung war gut: Beckstein, Campino, Geißler haben die Debatte angeführt. Und Letzterer darf am Ende auch noch was in Attac-Diktion sagen: Das gegenwärtige Wirtschaftssystem sei "nicht konsensfähig" und "undemokratisch", es müsse ersetzt werden durch eine neue Wirtschaftsordnung. Noch mal zur Erinnerung: Der Mann war CDU-Generalsekretär. Der Zuschauer mag an die aktuellen Unionsgeneräle denken, an Ronald Pofalla und Markus Söder. Was werden die in 20 Jahren von sich geben? Zur Revolution aufrufen?

Mit diesen doch arg revolutionären Gedanken entlässt uns das ZDF dann sanft in die Nacht.

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