G-8-TV-Schmonzette Kommt kuscheln!

Globalisierungskritik auf die ganz sanfte Tour: Wie Julia Jentsch und Jan Josef Liefers in der Agitprop-Schmonzette "Frühstück mit einer Unbekannten" fingerschnippend die Welt verbessern.

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Der Zaun steht, die Bannmeile wurde per Gerichtsbeschluss etwas enger gezogen, Protestierende werden die Politiker so oder so kaum zu Gesicht bekommen. Wie schön mutet es da an, dass SAT.1 eine Woche vor dem G-8-Gipfel zumindest fiktional eine verliebte Globalisierungsgegnerin alle Absperrungen der Politik und der Gesellschaft überwinden lässt. Da steht die junge Frau dann irgendwann auf einem Sektempfang vor der Bundeskanzlerin und schnippt im Drei-Sekunden-Takt mit den Fingern so wie es Bono, Grönemeyer und Naidoo in den "Deine-Stimme-gegen-Armut"-Fernsehspots vorgemacht haben, um den Regierenden die Kindersterblichkeit in der Dritten Welt aufzuzeigen.

"Frühstück mit einer Unbekannten"-Darsteller Liefers, Jentsch: Charme-Offensive zum G-8-Gipfel
SAT.1/Stephan Rabold

"Frühstück mit einer Unbekannten"-Darsteller Liefers, Jentsch: Charme-Offensive zum G-8-Gipfel

Politische Aufklärung mit den Mitteln der romantischen Komödie – so ungeniert wird das ja eigentlich nur im angelsächsischen Kino betrieben, wo verknallte Präsidenten schon mal eine verantwortliche Sozialpolitik auf den Weg bringen oder Premierminister jungen Dingern in die geklinkerte britische Reihenhauswirklichkeit hinterher steigen. Es verwundert also nicht, dass "Frühstück mit einer Unbekannten" ein englisches Vorbild hat: Anlässlich des G-8-Gipfels in Gleneagles vor zwei Jahren hat die BBC die Geschichte bereits in Szene gesetzt; der fertige Film schaffte es dann immerhin unter dem hübschen Titel "G-8 auf Wolke sieben" in deutsche Videotheken. Das Buch stammte ja schließlich auch von Richard Curtis ("Notting Hill"), dem großen alten Mann der Brit-Schmonzette.

Die SAT.1-Adaption hält sich im Großen und Ganzen ans Original, gönnt sich aber auch ein paar Verweise auf den deutschen Politikbetrieb und den spezifischen Wirbel um Heiligendamm. Der vieldiskutierte Sicherheitszaun ist hier zum Beispiel ein großes Thema. Dass diese Barrikade der Mächtigen ein längst für sich selbst stehender und emotional aufgeladener Gegenstand der Populärkultur geworden ist, zeigt sich schon an der Tatsache, wie leichthändig ihn Regisseurin Maria von Heland ("Große Mädchen weinen nicht") als mögliches Liebeshindernis in ihre Politromanze integriert. So wird die junge Heldin, die sich in einen Mitarbeiter des Finanzministers verliebt hat, von dessen Chef jovial verwarnt: "Kümmern sie sich um den Sicherheitscheck! Wir wollen doch nicht, dass sie auf der falschen Seite des Zauns landen."

Ultra-sanftes Warm Up

Dass diese Staatsakt-Liebelei einigermaßen aufgeht, liegt auch an den Hauptdarstellern, die nicht allzu platt um die Sympathie des Zuschauers buhlen. Jan Josef Liefers spielt den linkischen Zahlenjongleur Laurens, der den Finanzminister bei dessen Verhandlungen Bevölkerungs- und Wirtschaftsdaten ins Ohr flüstert. Julia Jentsch ist die schüchterne Hebamme Gina, die als Geburtshelferin zupackend das Demographie-Problem lösen hilft. Beim Latte-Verkleckern in einer voll globalisierten internationalen Kaffeehauskette in der Hauptstadt lernen sich die beiden kennen, dann tölpeln sie eine Weile umeinander herum, bis der arme Polit-Tropf eine etwas fragwürdige Charme-Offensive startet: "Möchtest du mit mir auf den G-8-Gipfel gehen?"

Dieser trockene Witz trägt den Zuschauer durch einige Plattitüden und Peinlichkeiten des Filmes: Auf Iris Berben als penetrant zupackende Kanzlerin hätten wir ebenso gut verzichten können wie auf "Gaststar" Catherine Deneuve, die hier plötzlich aus dem Nichts und ohne jeden dramaturgischen Sinn im hoch gesicherten Hotelkomplex auftaucht, um der zarten Globalisierungsgegnerin für ihr Rückgrat zu gratulieren. Und dass sich am Ende sämtliche deutsche Regierungsmitglieder durch das Fingerschnippen der sympathischen Geburtshelferin ihrer Ideale besinnen und gegenüber den Amis ein stolzes Entwicklungshilfepaket durchsetzen, entbehrt natürlich jeder Plausibilität.

Als ultra-sanftes Warm-Up für den Run auf Heiligendamm geht die Agitprop-Schmonzette, die nicht viel wagt, aber auch nicht viel falsch macht, trotzdem auf: Kommt kuscheln!


"Frühstück mit einer Unbekannten", heute 20.15 Uhr, SAT.1



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