Christian Buß

"Bild"-Zeitung auf Randalierer-Jagd Journalismus wie im Wilden Westen

Die "Bild"-Zeitung lässt ihre Leser nach mutmaßlichen G20-Randalierern suchen - obwohl die Behörden nach denen gar nicht fahnden. Da hat jemand den Rechtsstaat nicht verstanden.
"Bild"-Ausgaben von Montag und Dienstag (Pixelung durch SPIEGEL ONLINE)

"Bild"-Ausgaben von Montag und Dienstag (Pixelung durch SPIEGEL ONLINE)

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es gibt den Rechtsstaat. Und es gibt den Wilden Westen. Im Rechtsstaat herrscht die Gewaltenteilung. Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive sind voneinander getrennte Gewalten. Der Journalismus wird vierte Gewalt genannt, da er die drei anderen kritisch begleiten soll. Im Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung. Nicht so im Wilden Westen, da knüpft man denjenigen, von dem man glaubt, er habe einem das Pferd geklaut, am nächsten Baum auf, da ist jeder Cowboy Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive in Personalunion.

Die "Bild"-Zeitung ist mit ihrem Journalismus nun im Wilden Westen angekommen. Die Redaktion begnügt sich nicht mehr damit, vierte Gewalt zu sein, sie übernimmt die drei anderen gleich mit.

Die Seite eins der Montagsausgabe gestalteten die Blattmacher wie ein offizielles Fahndungsgesuch: Als gäbe es bereits einen richterlichen Beschluss, wurden unter der Überschrift "Gesucht!" Menschen gezeigt, die während des G20-Gipfels randaliert haben sollen. Vermummte mit Steinen in der Hand, Punks mit in Wurfposition gebrachten Cola- und Bierflaschen, eine junge Frau, die nach "Bild"-Informationen zwei gestohlene Kindersektflaschen aus einem verwüsteten Supermarkt trägt. 18 Personen wurden insgesamt von der Zeitung an den Pranger gestellt, Gesichtspartien sind auf allen Bildern deutlich zu erkennen.

An diesem Dienstag meldete die Zeitung dann unter der Überschrift "Gestellt!" Vollzug. Einer der gezeigten Steinewerfer hatte sich gemeldet. "Er heißt Kevin, ist 19 und wohnt bei seiner Oma", wissen die "Bild"-Journalisten zu berichten.

Der Coup Kevin könnte für die "Bild"-Zeitung noch zu einem Problem werden. Generell werden die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen hoch eingestuft, nur wenn schwere Straftaten vorliegen, dürfen sie zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben werden. Ein einfacher Flaschenwurf wäre in der Regel keine schwere Straftat, zwei geklaute Sektflaschen sind es schon gar nicht. Zudem muss auch für die von der "Bild"-Zeitung in kompromittierenden Posen gezeigten Personen die Unschuldsvermutung gelten.

Das findet "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch nicht, über Twitter verteidigte sie ihre die Gewaltenteilung aushebelnden "Wanted"-Plakate. Sie erklärte, dass das Persönlichkeitsrecht in diesem Fall hinter dem berechtigten öffentlichen Interesse zurücktrete. Als blase sie den Rauch vom Colt, fügte sie im Cowgirl-Duktus hinzu: "Merke: keine Steine, keine Titelseite."

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Von behördlicher Seite gibt es keine Legitimation für die "Bild"-Verfolgungsjagd. Die Hamburger Ermittler erklärten auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung", sie hätten die "Bild"-Journalisten zu keinem Zeitpunkt um Mithilfe gebeten . Und weil die Personen eben nicht offiziell zur Fahndung ausgeschrieben sind, könnte die eigenmächtige "Bild"-Fahndungsaktion strafrechtliche Konsequenzen haben. Verstößt sie doch gegen das Recht am eigenen Bild.

Setzt sich einer der Betreffenden zur Wehr, könnten sich demnächst die Gerichte mit der Paralleljustiz des Boulevardblattes beschäftigen. Der Rechtsstaat hegt sie alle wieder ein, auch die Wild-West-Journalisten der "Bild"-Zeitung.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch habe in einem Tweet erklärt , dass die Unschuldsvermutung hinter dem berechtigten öffentlichen Interesse zurücktrete. Tatsächlich meint Frau Koch in dem Tweet, dass das Persönlichkeitsrecht hinter dem berechtigten öffentlichen Interesse zurücktrete. Wir haben die Stelle entsprechend geändert.