Grundstein für Kunst-Berlin Als sich die Künstler selber halfen

Kunst machen ist eine Sache, Kunst verkaufen eine andere. In West-Berlin gründeten 1964 Künstler einfach selbst eine Galerie. Eine Ausstellung erinnert nun an Großgörschen 35, einen der Orte, an dem die Kunststadt Berlin ihren Anfang nahm.

Von Mareike Nieberding


Markus Lüpertz schuldet der Galerie Großgörschen 35 immer noch 275 DM. Seit 1965, fast fünfzig Jahre. Die Tabelle, in der seine Schulden mit Kuli notiert sind, liegt nun in einer Vitrine der Ausstellung "Großgörschen 35 - Aufbruch zur Kunststadt Berlin 1964" im Haus am Kleistpark in Berlin Schöneberg.

Nur 500 Meter von den ehemaligen Räumen in der Großgörschenstraße 35 entfernt, in der Lüpertz mit Meisterschülern und Absolventen der damaligen Hochschule für bildende Künste Berlin (einem Vorläufer der heutigen UdK) wie K.H. Hödicke, Lambert Maria Wintersberger und Arnulf Spengler im Juni 1964 die erste deutsche Selbsthilfegalerie eröffnete.

Mitten in einem West-Berlin, das fast zwanzig Jahre nach dem Krieg und nur drei Jahre nach dem Mauerbau zwar künstlerisch noch eine Brache war, aber auch ein Ort, der Überlebenswillen und Erfindergeist herausforderte. Es kam was in Bewegung im Berlin der frühen Sechziger: 1963 zeigte Georg Baselitz in einer der wenigen West-Berliner Galerien, bei Werner & Katz auf dem Kurfürstendamm, sein Gemälde "Die große Nacht im Eimer", das einen kümmerlichen Mann beim Masturbieren zeigt und Baselitz, dem Herausforderer des faschistischen Vaters, ein Gerichtsverfahren einbrachte. Die Berliner Kunsthochschule spuckte eine Menge guter Leute aus. Doch das Geld mit der Kunst wurde in Köln, Düsseldorf und Stuttgart verdient.

Ordentlich Rabatz

So entschieden die ehemaligen Kommilitonen und Freunde Lüpertz, Hödicke, Wintersberger, Spengler und Co. beim Hähnchenessen im "Wienerwald", die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Im Juni 1964 musste jedes der 15 Gründungsmitglieder eine Anzahlung von 30 DM leisten und daraufhin jeden Monat 15 DM Miete zahlen.

Damit war Großgörschen 35 finanziert, ein Raum, in dem sie arbeiten, ausprobieren, ausstellen, streiten konnten, Gäste wie Friederike Mayröcker oder Peter Handke zum Lesen einluden und ordentlich Rabatz machten, in der Hoffnung, das irgendein westdeutscher Galerist sich in ihren Hinterhof verirren möge, um einen von ihnen unter Vertrag zu nehmen. Hilfe zur Selbsthilfe eben. So legten die Großgörschener den Grundstein für das Kunst-Berlin von heute, die Stadt der Freiräume und Aneignung, der DIY-Mentalität, der Projekträume und Pop-up-Galerien.

Die Ausstellung "Großgörschen 35 - Aufbruch zur Kunststadt Berlin 1964" im Haus am Kleistpark zeigt das erste Jahr der Galerie - fünf Räume mit Werken der Gründungsmitglieder, darunter der "Fries für Liebhaber" von Ulrich Baehr, der, abgemalt von einer Propaganda-Aufnahme, die NS-Zeit in ultramarinblauen Physiognomien und Gesten erzählt oder eine Collage aus Zeichnungen, Zeitschriftenausrissen und Malerei von Peter Sorge, die bereits die Auseinandersetzung mit der Pop-Art zeigt. Dazu Fotos, Ausstellungsplakate, Rezensionen, Druckgrafiken und Gästebücher.

"Wir haben uns entschieden, nur das erste Jahr zu zeigen, weil da einerseits noch eine große Offenheit herrschte. Und andererseits alle Gründungsmitglieder der Meinung waren, dass in der Kunst nun was Neues passieren müsse. Dass die Abstraktion vorbei sei", sagt Eckhardt Gillen, Kurator der Ausstellung. Denn es stand von Anfang an fest, dass Großgörschen 35 keine Künstlergruppe im programmatischen Sinne sein sollte. Man wollte kein Manifest, nicht gemeinsam eine neue Kunst propagieren.

Prügelei vor der Puszta-Stube

Doch beim Rundgang wird schnell klar, wie groß die Herausforderung gewesen sein muss, so viele unterschiedliche Stile und Ansätze unter einem Dach zu vereinen: ein Rest Abstraktion, Informel, Realismus, Figuration, Pop-Art. Der große Krach ließ nicht lange auf sich warten - Auslöser war eine fast dadaistisch anmutende bemalte Glasscheibe von Hödicke (die leider nicht in der Ausstellung zu sehen ist), die in dieser von realistischen Malern bevölkerten Galerie heiß diskutiert wurde.

Franz Rudolf Knubel und Bernd Koberling prügelten sich wegen der Scheibe sogar vor der Stammkneipe der Gruppe, der Puszta-Stube. Die Scheibe führte zu einem gebrochenen Mittelhandknochen und einer Menge Unmut wie man im großzügigen Katalog zu Großgörschen 35 nachlesen kann.

Die Ausstellung endet mit der ersten Retrospektive im Jahr 1965. 1968 löste sich die Galerie auf. Lüpertz hatte da schon seit drei Jahren keine Miete mehr bezahlt.


Ausstellung "Großgörschen 35 - Aufbruch zur Kunststadt Berlin", Haus am Kleistpark, Berlin, vom 6. Juni bis zum 10. August 2014



insgesamt 2 Beiträge
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madcostelloartist 10.06.2014
1. Puszta-Stube
Diese Puszta-Stube, gibt es diese Kneipe immer noch in Berlin?
spon_2395228 12.06.2014
2.
Liebe/r madcostelloartist, ich glaube nicht. Die Puszta-Stube, in der Lüpertz kellnerte und die Großgörschener verkehrten, war in der Nähe der heutigen UDK. Da gibt es leider keine mehr. Herzlich, Mareike Nieberding
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