Castorf-Premiere in Berlin Er raubt uns den Verstand

Frank Castorf inszeniert am Berliner Ensemble "Galileo Galilei": Das Universum versinkt im Dreck, Brechts Theaterwelt geht glamourös in Stücke, aber an der Errichtung einer neuen scheitert der Regisseur.

Jürgen Holtz und Jeanne Balibar
Matthias Horn

Jürgen Holtz und Jeanne Balibar


Nach der ersten Viertelstunde denkt man, es wird ein großer Abend. Jürgen Holtz steht auf der Bühne des Berliner Ensembles und spielt Bertolt Brechts " Galileo Galilei". Nackt. Ganz nackt.

Der große Schauspieler Jürgen Holtz, der Mitte der Sechziger erstmals auf Berliner Brettern stand und damals auch mit dem Brecht-Schüler Benno Besson gearbeitet hat, ist 86 Jahre alt. Er steht vorne an der Rampe, sein Körper erzählt von der gnadenlosen Macht der Schwerkraft, aber Holtz spielt souverän gegen sie an. Er breitet die Arme aus, als wollte er die Welt umfassen, seine Augen leuchten, während er von der "neuen Zeit" schwärmt, die nun, 1609, für die Wissenschaft angebrochen sei.

Mit präziser Betonung und heiterem Optimismus in der Stimme erzählt er von der großen Lust, "die Ursachen aller Dinge zu erforschen" und schwärmt von der "Macht des Zweifels". Von einer Zeit, in der die Empirie über den Glauben siegen wird. Die Kirche wird Galilei eines Besseren belehren: Angesichts der Folterinstrumente der Inquisition wird er seine Erkenntnisse über die Sonne als Zentrum des Universums widerrufen. Aber das liegt zu diesem Zeitpunkt noch ein paar Stunden vor uns.

Frank Castorf ist der Regisseur dieses Abends, den er "Galileo Galilei. Das Theater und die Pest" genannt hat, "von und nach Bertolt Brecht". Castorf inszeniert nach seinem Abgang von der Berliner Volksbühne nun zum zweiten Mal am von Brecht gegründeten Berliner Ensemble.

Wo sind die Urinstinkte der Zuschauer?

Und er wäre nicht Castorf, wenn er Brechts Auseinandersetzung mit der modernen Wissenschaft, ein Plädoyer für ihre Unabhängigkeit von kapitalistischen Interessen und ideologischen Einflüssen einerseits und ein Appell an die Verantwortung der Wissenschaftler für die Gesellschaft andererseits, so stehen lassen würde. Der Regisseur und sein Dramaturg Frank Raddatz machen ein Stück über die Grenzen der Aufklärung daraus, indem sie Brechts Werk (in dem auch eine Pest-Epidemie vorkommt) kombinieren mit dem Traktat "Das Theater und die Pest" des französischen Theater-Querdenkers Antonin Artaud.

Brecht und Artaud auf der Bühne zusammenbringen zu wollen, ist ungefähr so, als wollte man den Welle-Teilchen-Dualismus der Quantenphysik auflösen. Brechts episches Theater ist (in der Theorie) extrem kopfgesteuert, es verlangt die emotionale Distanzierung des Zuschauers vom Geschehen auf der Bühne; Artaud forderte dagegen vom Theater, ganz grob gesagt, den aufklärerischen Impuls hinter sich zu lassen und den Zuschauer bei seinen verschütteten Urinstinkten zu packen. Wobei der Zeitgeist ja wieder in Richtung Artaud geht: Der Mensch, so die Erkenntnis, lebt nicht vom Verstand allein.

Im Grunde arbeitet sich Castorf am Brecht-Artaud-Dualismus schon seit Jahrzehnten ab - komplexe Gedankengänge über exzessive Spielleidenschaft nicht nur im Bewusstsein, sondern auch im Unterbewusstsein der Zuschauer zu verankern.

Natürlich muss auf der Bühne auch gekackt werden

Auch in seinem "Galileo Galilei" geht es drastischer zu als von Brecht vorgesehen. Da kackt Andreas Döhler als Galileis Freund Sagredo in einen Eimer, und Stefanie Reinsperger (als Galileis pragmatisch-derbe Haushälterin) isst dann genüsslich den Inhalt auf. Später sticht sie sich und Galileis Tochter Virginia (Sina Martens) die blutig-eitrigen Pestbeulen auf, dazu dürfen die beiden hysterisch kreischen. Übertönt werden sie allenfalls vom Stöhnen Jeanne Balibars, die zeitweise die Rolle des Galilei übernimmt, auf der Folterbank.

Balibar trägt dabei nicht viel mehr als zwei federgeschmückte Nippelaufkleber und einen String. Später darf sie sich immerhin einen schwarzen Federmantel überwerfen. Die wie immer extrem glamourösen Kostüme von Adriana Braga Peretzki, diesmal vorwiegend in Schwarz-Weiß, mit viel Gefunkel und Charleston-inspiriert, wirken wie eine Anti-These zu Brecht, ebenso die Aufbauten von Aleksandar Deni'c, der die Drehbühne überlädt u.a. mit einem überdimensionalen hölzernen Fernrohr, auf dem der venezianische Löwe thront, einem venezianisch geprägten Haus (Galilei dient steht anfangs im Dienst der Republik Venedig) und einem Kirchturm. Der Soundtrack reicht vom 17. Jahrhundert bis zu David Bowie.

Dazwischen versuchen Jeanne Balibar und Andreas Döhler, Artauds Sätze über die Parallelen zwischen Pest und Theater - entweder wird man geheilt, oder man geht daran zu Grunde - an den Zuschauer zu bringen, während sie mit kostümierten Skeletten einen beinah zärtlichen Tanz aufführen. Es ist eine mehr oder weniger systematische Überforderung der Sinne.

Kein' Bock auf Brecht

Mit der eigentlichen Stückhandlung dagegen scheint sich Castorf gelangweilt zu haben, etliche Brecht-Szenen wirken uninspiriert und schlecht geprobt. Castorfs altes Volksbühnenensemble hatte eine gewisse Routine darin, so etwas zu überspielen oder gar für sich zu nutzen, hier geht es zu Lasten der Schauspieler. Die Souffleuse muss, zum Teil aus der ersten Reihe, zum Teil auf der Bühne, bei Holtz über weite Strecken Schwerstarbeit leisten, und auch seinem eigenen, noch nicht volljährigem Sohn Rocco Mylord (als Galileis junger Assistent Andrea) mutet Castorf zu viel zu. Sein Welpencharme kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Spielweise ziemlich mechanisch ist.

Das Timing bleibt dabei auf der Strecke, was sich auch daran bemerkbar macht, dass der Abend statt der angepeilten fünf Stunden ganze sechs dauert, obwohl viele der langatmigen Dispute aus Brechts Stück radikal zusammengestrichen wurden.

Die ganze Inszenierung scheint aus losen Versatzstücken zu bestehen - und hat dabei auch tolle Momente. Etwa wenn Stefanie Reinsperger anfangs nur mit einem Apfel in der Hand und etwas Schlangengezischel auf die biblische Schöpfungsgeschichte verweist, quasi den Urkern des Verstand-Glaube-Dualismus, oder Wolfgang Michael ausruft, "der Mensch ist die Krone der Schöpfung", während er sich als Häuflein Elend im Staub wälzt. Überhaupt sind Wolfgang Michael und Aljoscha Stadelmann als Vertreter von Kurie und obrigkeitshöriger Wissenschaft ein großes Komiker-Duo.

Als es vorbei ist, sind alle erleichtert

Woran es liegt, dass einem die zweite Hälfte der Inszenierung zunächst weniger zäh vorkommt, das Hysterisch-Forcierte weniger aufgesetzt? Vielleicht ist das der Artaud-Effekt: Der Verstand ergibt sich, man liefert sich dem Geschehen erschöpft und etwas willenlos aus. Holtz hebt als Galilei ganz am Ende noch einmal zu einem großen Brecht-Monolog an, in dem er sein Versäumnis beklagt, die Wissenschaft nicht zu einer Selbstverpflichtung für den Dienst am Menschen gebracht zu haben, ähnlich dem hippokratischen Eid der Ärzte.

Dann trinkt Rocco Mylord als sein junger Assistent ein Glas Milch, ganz wie der Meister selbst am Anfang. Eine Art Staffelübergabe. Aber es sind dann doch alle erleichtert, als es vorbei ist.

"Galileo Galilei. Das Theater und die Pest". Nächste Vorstellungen am 20., 26., 27.1 sowie 10. und 16.2. im Berliner Ensemble, www.berliner-ensemble.de



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chrissi66 27.01.2019
1.
Castorf wie immer eine Zumutung. Ich weiß immer noch nicht, warum er so hoffiert wird. Mir tun die Schauspieler/innen Leid. In meinen Augen ist der Mann krank und leidet an Selbstüberschätzung.
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