Polizeiübergriff in Galveston Die rassistischen Staaten von Amerika

Ein Schwarzer an einem Strick - das Bild aus Galveston schockiert die USA. Es ist ein Beweisfoto dafür, dass weißes Herrendenken Teile des Landes heute noch fast genauso prägt wie zu Zeiten der Sklaverei.

Ein Kommentar von


Kann ein Land eine DNA haben? Geht es nach der Nobelpreisträgerin Toni Morrison, ja. Sie habe immer gedacht, dass Rückstände des Rassismus Teil der DNA ihres Landes seien, sagte die US-amerikanische Schriftstellerin 2012 in einem Interview.

Toni Morrison ist am Montag gestorben. Die "New York Times" würdigte sie als "herausragende Romanautorin", weltweit schlossen sich die Feuilletons an, würdigten die einzige Afroamerikanerin, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Die Bestsellerautorin. Ein Symbol für den Wandel ihres Landes, für den gesellschaftlichen Fortschritt.

Doch am gleichen Tag, als der Tod von Toni Morrison bekannt wurde, ging eine andere Nachricht durch die sozialen Netzwerke. Ein Foto. Darauf zu sehen der 43-jährige Donald Neely. Er wird im texanischen Galveston auf offener Straße von der Polizei abgeführt. Die Hände auf den Rücken gefesselt. Eskortiert von zwei Beamten hoch zu Ross. Neely ist schwarz. Die beiden Polizisten sind weiß. Und der eine der beiden Polizisten führt Neely wie ein Stück Vieh an einem Strick.

Es hat viele Übergriffe von US-Polizisten gegen Afroamerikaner gegeben in den vergangenen Jahren. Es hat viele Tote gegeben. Eine Statistik besagt, dass das Risiko von der Polizei getötet zu werden für einen Schwarzen 3,7 mal so hoch ist, wie für einen Weißen.

Donald Neely aber lebt. Zu einem historischen Foto wird das Bild aus Galveston nicht, weil hier der nächste von über 500 durch die US-Polizei getöteten Afroamerikanern allein in diesem Jahr zu beklagen wäre. Und auch nicht unbedingt dadurch, weil es ein weiterer Beleg dafür wäre, welche Auswüchse der Alltagsrassismus in den USA unter einem Präsidenten annimmt, der diesen Rassismus mit Tweets und Reden allzu häufig auch noch befeuert.

Zu einem historischen Foto wird das Bild aus Galveston, weil es in seiner Symbolik und Klarheit nicht eindringlicher sein könnte. Ein Schwarzer am Strick. Zwei Weiße zu Pferd. Es ist eine Aufnahme, von der man geglaubt hatte, dass man sie nie wieder sehen muss. Ein Bild wie aus der Vergangenheit. Ein Bild, das vor hundert Jahren noch bittere Realität war, im 19. Jahrhundert erst recht. Hier die Herren. Weiß. Hier der Sklave. Schwarz.

Aber 2019?

"Strange Fruit" heißt ein berühmtes Lied der Sängerin Billie Holiday, sie hat es 1939 aufgenommen. Eigentlich eine wunderschöne Ballade. Wenn man nicht auf den Text hört. "Southern Trees bear a strange fruit" heißt es da, die Bäume der Südstaaten tragen seltsame Früchte: "Black bodies swinging in the southern breeze", schwarze Leichen baumeln im Wind des Südens. Es geht um Lynchmorde, um Schwarze, die an Bäumen aufgeknüpft wurden - mit Strick um den Hals.

Toni Morrison war acht Jahre alt, als Billie Holiday dieses Lied gesungen hat. Sie hat sie noch miterlebt, die Zeit, als der Ku-Klux-Klan im Süden der USA nahezu ungehindert auftreten konnte. Die Zeit der Lynchmorde. Die Zeit des Stricks. Und sie hat über diese Jahre geschrieben und mit ihren Romanen dazu beigetragen, diese Zeit zu beschreiben und zu überwinden.

Aber sie hat auch die Jahre danach erlebt. Den Kampf für Bürgerrechte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die langsamen Fortschritte, für die auch sie selbst stand. Und schließlich erst recht Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

Und trotzdem sprach sie wenige Jahre vor ihrem Tod von einer rassistischen DNA ihres Landes. Das Bild von Galveston gibt ihr recht. Aufgenommen nur einen Tag nach dem rassistischen Terroranschlag von El Paso wirkt es als Beweisfoto: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Land, das auf Rassismus aufgebaut worden ist, ein Land, in dem Polizisten einen Schwarzen trotz aller öffentlichen Rassismusdiskussionen noch immer in aller Selbstverständlichkeit mit dem Strick abführen.

Das Foto ist Ausdruck eines Landes, das die Sklaverei zwar 1865 abgeschafft hat, in dem die Schwarzen aber bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein mehr oder weniger rechtlos blieben. Ausdruck eines Landes, das den Rassismus, der dieses Land geprägt hat, bis heute nicht überwunden hat.

Er ist Teil seiner DNA.

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insgesamt 84 Beiträge
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rainer60 07.08.2019
1. erschütternd
man mag es nicht glauben das so etwas im 2019 in einem sogenannten zivilisiertem lande möglich ist. die usa als vorbild für die freihe welt " es war einmal".
muc7479 07.08.2019
2. Das Bild als SW passt in jedes Geschichtsbuch
Dass die Polizei in den USA eine andere Stellung in der Gesellschaft hat, ist bekannt. Diskussionen a la Für und Wider unterlässt man besser, aber dass einige Polizisten entweder komplett das Hirn abschalten bzw. wirklich meinen, the White race is superior over others, ist erschreckend. Die Herrenrasse zu Pferde und der Sklave an der Leine für wohl eine Kleinigkeit. Bei dem Bild kommen einem viele Fotos, Filme und Dokumenationen in den Sinn, wie es war vor einem halben Jahrhundert in den USA. Aus dem "war" wird leider immer klarer, dass es immernoch "ist" ist. Die beiden Polizisten gehören entlassen. Fremdschämen seitens vieler normalen und anderdenkenden Amerikaner reicht leider nicht mehr. Auf die Strasse und endlich dem Anheizer den Stuhl wegnehmen.
claus7447 07.08.2019
3. Der Ku-Klux-Klan lässt grüßen!
USA - wie tief musst Du noch sinken! Irgendwie habe ich das Gefühl - unter diesem Präsidenten brechen alle Dämme! Man wird jetzt wieder sagen: ja das ist ebenso, Rassismus gab es schon immer in den Staaten - ABER: dieser Präsident macht ihn wieder salonfähig! Seine verlogenen und hohlen Teleprompter Reden könnte er sich sparen! Dieser Präsident ist ekelhaft - wie die Tat der Polizisten!
dasfred 07.08.2019
4. Was ging im Kopf der Polizisten rum
Die sind dort aufgewachsen und haben alle Diskussionen um Rassismus hautnah mitbekommen. Wie kann man sich da in der heutigen Zeit noch aufs Pferd setzen und die Zeit der Sklaverei vollkommen ausblenden? Ist es Gedankenlosigkeit oder Vorsatz, sich so der Öffentlichkeit und der überall vorhandenen Kameras zu präsentieren? USA sind ein Vielvölkerstaat. Da kann es nur zu Spannungen kommen, wenn sich eine Gruppe nach oben absetzt. Auch, wenn bei uns ebenfalls nicht alles zum besten steht, aber die Polizei weiß wenigstens größtenteils, was gar nicht geht.
Papazaca 07.08.2019
5. Ja, das ist leider die traurige Wahrheit.
Ein Land, das viele Sklaven gekauft hat. Irgend wann wurden die Sklaven befreit. Bürger wie alle anderen wurden sie aber bis heute nicht. Und heute, mit einem "Rassisten in Chief" als Präsidenten, bestätigen diese Bilder alle Vorurteile. Eine traurige Wahrheit. Aber in den USA gab es immer Hoffnung. Und das macht dann doch den Unterschied aus.
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