Kommentar zur Einwanderung Heute ist ein Feiertag!

Wir gedenken der Kriege, wir bejubeln den Mauerfall. Aber dass Migration seit 50 Jahren unser Land prägt, wird von der Politik nicht wirklich gewürdigt - das ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Wir sollten den heutigen Tag feiern.
Armando Rodrigues de Sa 1964: Einmillionster "Gastarbeiter"

Armando Rodrigues de Sa 1964: Einmillionster "Gastarbeiter"

Foto: A9999 DB dpa/ dpa

Es mag schwerfallen. Bitte verabschieden Sie sich für einen Moment von einigen allzu gern benutzten Begriffen aus den Waffenkammern der bundesdeutschen Verbal-Auseinandersetzung: von Multikulti, von Einwanderungsland, von Gutmensch, Kopftuch und Parallelgesellschaft. Es geht an dieser Stelle nicht darum, was Sie oder der Autor dieses Textes über Migranten denken - oder gar darum, ob wir uns gegenseitig für Sozialromantiker, Herrenmenschen, verkappte Nazis oder die nützlichen Idioten muslimischer Hassprediger halten.

Es geht darum, wie kluge, zukunftsgerichtete und entsprechend langfristig gedachte Symbolpolitik aussehen könnte.

Heute ist der 10. September. Morgen erinnern wir uns an die Attentate des 11. September. Vor zehn Tagen, am 1. September, haben wir des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gedacht. Am 9. November werden wir des Mauerfalls vor 25 Jahren gedenken - und es gab 2014 viele weitere Gedenktage. Der 10. September ist nicht dabei.

Dabei ist dieser Tag für die Gesellschaft der Bundesrepublik von ebensolcher Bedeutung.

Heute vor 50 Jahren, am 10. September 1964, stieg auf dem Bahnhof von Köln-Deutz der Portugiese Armando Rodrigues de Sa aus dem Zug. Feierlich begrüßt und mit einem Mofa beschenkt, war er der einmillionste jener Arbeitsmigranten in die Nachkriegsrepublik, die so beschönigend wie ausgrenzend "Gastarbeiter" genannt wurden. Beschönigend, weil ein Gutteil dieser Menschen nicht ganz so gut behandelt wurde, wie es Gästen gebührt. Ausgrenzend, weil dieses Wort ja auch deutlich machte, dass all die Männer und Frauen, die man geholt hatte, um am bundesdeutschen Wirtschaftswunder mitzuarbeiten, alsbald wieder zu verschwinden hätten.

Es kam anders: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts haben mittlerweile 16,3 Millionen Menschen in Deutschland  einen sogenannten Migrationshintergrund. Nationale Wurzeln, Sozialstruktur, kulturelle wie religiöse und politische Orientierung sind deutlich vielfältiger als 1964. Eines aber hat sich nicht geändert: Auf eine nachhaltige Geste der Anerkennung von offizieller Seite müssen die Migranten in Deutschland bis heute warten.

Stabilität durch hellsichtige Innenpolitik

Stellvertretend für die Schwierigkeiten der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft im Umgang mit Einwanderern steht kein Satz so, wie der des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Er hatte 2010 gesagt: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland" - und damit entschiedenen Widerspruch provoziert.

Auch sein Nachfolger Joachim Gauck hat sich davon distanziert. Gauck interpretiert die deutsche Rolle zunehmend als die eines außenpolitisch, im Zweifel auch militärisch aktiven Players im globalen Spiel der Kräfte. Auch auf europäischer Ebene dominiert der Gedanke, die Welt da draußen abwehren und bändigen zu müssen: im Inneren erlebt der überkommen geglaubte Rückzug in die nationale Wagenburg seine Renaissance, an ihren Außengrenzen hat sich die EU in eine Festung verwandelt.

Was Gauck und mit ihm die vielen anderen bundesdeutschen Politiker vergessen, die Migranten entweder für ein Problem halten oder doch für eine vernachlässigbare Größe im innenpolitischen Gefüge: Stabilität entsteht nicht nur durch robuste Außenpolitik, sondern auch durch hellsichtige Innenpolitik.

Viel zu lang hat die bundesdeutsche Öffentlichkeit Migranten das Gefühl gegeben, ein Problem zu sein: zuerst geduldet, dann mühevoll akzeptiert.

Wenn wir Zuwanderer, ihre Kinder und Enkelkinder und den ökonomischen wie kulturellen Beitrag, den sie für dieses Land geleistet haben, endlich ernst nehmen; wenn wir feststellen, dass dieser 10. September 1964, als der Tag, an dem Migration als gesellschaftlich relevanter Faktor manifest wurde, unser Land mindestens ebenso geprägt hat wie der Mauerfall; wenn wir den Migranten und den Deutschen mit Migrationshintergrund in der Folge endlich jene Anerkennung zukommen lassen, die sie verdient haben - dann fördern wir eine positive Identifikation mit den Werten der westlichen Demokratie auch bei jenen, die aus Kulturkreisen kommen, in denen dies nicht selbstverständlich ist.

Eine derartige Integration ist der Stabilität nicht nur unseres Gemeinwesens, sondern auch unserer Sicherheit mindestens ebenso dienlich wie Panzerfäuste gegen den "Islamischen Staat".

Es wäre ganz einfach: Erklären wir den 10. September zum Feiertag - oder zumindest zu einem wichtigen, nationalen Gedenktag der Migration.

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