Gazette in der Krise De Niro rettet New Yorker Promi-Blatt

Lokalpatriotischer Akt: Die Society-Postille "New York Observer" schreibt seit Jahren rote Zahlen. Jetzt will Filmstar Robert De Niro das defizitäre Blatt kaufen. Wird sich das Klatschblatt nach der Übernahme durch das Showbiz seinen frivol-bissigen Stil erhalten?

Von , New York


New York - Es ist Zeit, ein heimliches Laster einzugestehen: Ich abonniere den "New York Observer". Jeden Mittwoch verschlinge ich das lachsfarbene Wochenblatt der Möchtegern-Society, jene defizitäre, anämische, doch unwiderstehliche Postille. Niemand facht das Lieblingshobby der New Yorker - sozialen Voyeurismus - besser an als der "Observer", mit seinen atemlos-ätzenden Rapports über jene Zirkel, an denen man selbst selten teilhat.

Titel-Grafik des "New York Observer: Wöchentlicher Blick in die Promi-Gemächer

Titel-Grafik des "New York Observer: Wöchentlicher Blick in die Promi-Gemächer

So berichtete der "Observer" gestern, dass an Long Islands Prominenten-Stränden Fett wieder in sei ("Die Männer haben sich von der Schreckensherrschaft der Flachbäuche befreit"), dass der Rathausreporter der "New York Times" zum Ingrimm der Kollegen in einem Jahr 422 Geschichten im Blatt gehabt habe und dass die einstige Heimstatt von Jackie Kennedy Onassis an der Fifth Avenue für 32 Millionen Dollar an - wen sonst? - einen Hedgefonds-Manager verkauft worden sei.

Doch fast hätte die wöchentliche Nabelschau ein jämmerliches Ende gefunden. Die Auflage des 1987 gegründeten "Observer" - aus dessen Sexkolumne auch der TV-Hit "Sex and the City" erwuchs - stagniert bei 50.000. Das Prestigeobjekt blutet Geld, angeblich rund zwei Millionen Dollar im Jahr.

Rückzug in die Bildhauerei

Seit Jahren sucht der exzentrische Verleger, Ex-Investmentbanker Arthur Carter, 74, einen Käufer für das Blatt mit den schmissigen Schlagzeilen ("John McCain ist der nächste Howard Dean"), weil er sich fortan auf die Bildhauerei konzentrieren will - bisher vergebens. Im Mai begannen interne E-Mails zu kursieren: Am Monatsende sei Schluss.

Jetzt aber ist ein unverhoffter Retter auf die Bildfläche getreten. Es ist einer der bekanntesten New Yorker, der prominenteste Kommunalaktivist seiner Geburtsstadt und für viele auch der großartigste Schauspieler seiner Zeit - Hollywood-Legende Robert De Niro.

Ein Verkauf des "Observer" an De Niro "steht unmittelbar bevor", berichtet der bestens informierte Medienkritiker Kurt Anderson jetzt im "New York Magazine". Gerüchte darüber kursieren bereits seit Mai, doch nun scheint die Sache offiziell zu sein. "Es ist perfekt", zitierte Anderson seinen alten Schulfreund, den "Observer"-Chefredakteur Peter Kaplan,  "Arthur ist begeistert".

Relatives Schnäppchen

Damit geht eine Odyssee zu Ende. Fast hätte Kaplan den "Observer" einmal an Conrad Black verkauft, den Londoner Pressezar, der in den USA wegen Millionenbetrugs unter Anklage steht. Ein anderes Mal wollte sich Milliardär Ron Perelman das Blatt schnappen, wohl um der bösen Berichterstattung über ihn ein Ende zu setzen. Selbst der "New York Times" wurde Begehr nachgesagt - aus ebensolchem Eigennutz: Kein Blatt hat das skandalöse Innenleben der "Times" so kenntnisreich und korrekt enthüllt wie der "Observer".

Schauspieler De Niro: New Yorker Lokalpatriot
REUTERS

Schauspieler De Niro: New Yorker Lokalpatriot

Es ist nicht das erste Mal, dass der 62-jährige Oscar-Preisträger Robert De Niro ("Taxi Driver") als Deus ex machina zur Rettung einer New Yorker Institution auftritt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September gründete der Pate aller Method Actors das Tribeca Film Festival, das das Viertel Tribeca nördlich von Ground Zero aus der Asche wiederauferstehen ließ. Er siedelte in Tribeca außerdem seine Produktionsfirma an und eröffnete drei Prominenten-Restaurants in der Ecke: "Tribeca Grill", "Nobu" und "Layla".

De Niro, so ist zu hören, soll das Klatschblatt als relatives Schnäppchen bekommen haben. Im Gegenzug wird er die künftigen Verluste tragen. Seine langjährigen Geschäftspartner sind auch wieder mit dabei: Produzentin Jane Rosenthal und deren Gatte, Großinvestor Craig Hatkoff. "Arthur hält sie für verwandte Geister", sagte Kaplan im "New York Magazine". "Sie haben eine sehr romantische Haltung zu New York."

"Ein bisschen wie Los Angeles"

Ist das der Grund, weshalb sich De Niro jetzt den "Observer" zulegt? Nostalgie für ein antikes Möbelstück der amerikanischen Medienwelt? Nikki Finke, einst Hollywood-Korrespondent der Zeitung, sieht es anders. "Stell dir vor, du bist über alle Maßen reich", sagt er. "Was machst du da noch als Zugabe? Du hast bereits den Privatjet, die schönen Frauen, die Wohnung in Paris. Nun, vielleicht kaufst du dir einfach eine Zeitung!"

Wie der neue Eigentümer den "Observer" (nicht verwandt mit dem britischen Namensvetter) verändern wird, bleibt zunächst offen. Die kleinformatige Zeitung wird ihrem Stammpublikum - der Durchschnittsleser hat ein Vermögen von 1,7 Millionen Dollar - sicher treu bleiben. Auch wenn Kaplan den "Observer" gerne als "verschwitzte, schmutzige Zeitung" tituliert, ist sein Anspruch zugleich elitär. Ein seltsamer Zwitter: hochnäsig, aber ein Underdog, typografisch antiquiert, aber ein moderner Society-Blog. In diesem Sinne ist De Niro der perfekte Partner - auch er pflegt ein zwiespältiges Verhältnis zur Schickeria-Szene.

Nicht alle freuen sich über den Wechsel des "Observer" in jene Gefilde, die er seziert. "Viel von der berüchtigten Frivolität könnte verschwinden", fürchtet Finke. Etwa Kritiken wie jener "Nachruf" auf Robert De Niro höchstselbst, den der "Observer" voriges Jahr abdruckte. Böser Titel: "Wo ist De Niro?"

Doch noch ist der "Observer" ausreichend schnippisch. So lässt er einen diese Woche an der Premieren-Party des Meryl-Streep-Films "The Devil Wears Prada" teilnehmen. Dort sichtete er Haus-Ikone Sarah Jessica Parker ("Sex and the City"), "in irgendwas Phantastischem, wie es ihre Art ist", nebst Schauspieler Oliver Platt, an dem "zwei kaum den Teenager-Jahren entkommene Twens hingen". Schauplatz: "Ein absolut enormer Dachgarten, irgendwie ein bisschen wie Los Angeles, mit raschelnden Palmen und so vielen halbfertigen Gebäuden ringsum, mit lauter Kränen. (Oder Miami? Wo waren wir?)"

Keine Angst. Dies war - dies ist -  eindeutig New York.



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