Gebaute Träume Zum Tod von Friedensreich Hundertwasser

Er war ein Bürgerschreck und das erste Enfant Terrible der Nachkriegskunst. Ein Grünbewegter, ein Frauenliebhaber und ein großer Moralist. Als junger Maler war Friedensreich Hundertwasser, auch wenn das die Kunstszene heute nur schamhaft zugibt, einer der wichtigsten österreichischen Nachkriegskünstler.

Von Johanna Hofleitner


Friedensreich Hundertwasser
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Friedensreich Hundertwasser

Friedrich Stowasser (1928-2000), wie er mit bürgerlichem Namen hieß, verließ die Kunst-Akademie 1948 nach nur drei Monaten, um statt dessen lieber nach Italien und Frankreich zu reisen und sich fortan Friedensreich Hundertwasser zu nennen. Nomen est omen! Er malte, um die Welt zu verbessern und Fenster in eine paradiesische "Parallelwelt" aufzustoßen. Mit seiner ornamentalen Zeichensprache schien er sich in eine Reihe mit den Vertretern des Jugendstils zu stellen. Aber anders als etwa der berühmteste Wiener Geometriker, Gustav Klimt, erklärte Hundertwasser die Spirale 1953 zum Lieblingssymbol, weil sie organisch, irregulär, vegetativ wie die Natur war. Wenn er in eines seiner farbenprächtigen Bilder mal Vierecke setzte, waren sie bestimmt aus dem Winkel. Gerade Linien ("Werkzeuge des Teufels") und rechte Winkel duldete der Exzentriker ausschließlich hinsichtlich des Bildformats.

Im Lauf der Sechziger wollte Hundertwasser seine Bilder immer drastischer als reformerische Botschaften verstanden wissen, die von "gesunder Architektur" und ökologischen Visionen erzählten. 1968 ergriff er das Wort, ließ anlässlich seiner Nacktrede gegen Rationalismus in der Architektur vor der Wiener Vizebürgermeisterin die Hosen runter und wandte sich fortan einer "besseren" Gestaltung der Umwelt zu. Trat er anfänglich für die malerische Verschönerung und Begrünung von Dächern, Fassaden und Fenstern ein, so folgten lange noch vor der Grünbewegung Feldzüge für Humusklos und Klärpflanzen. Dass er sich ab Mitte der Siebziger zunehmend mit der Gestaltung von Briefmarken, Fahnen, Flugzeugen, Telefonwertkarten, Seidentüchern und Nummernschildern abgab, nahm ihm die Kunstszene übel.

Der Skandal war perfekt, als er seine Visionen von Häusern mit Zwiebeldächern, unregelmäßigen Wandelgängen, unebenen Fußböden, baumbewachsenen Dächern und Spontanvegetation zu vermarkten begann. Den Anfang bildete das wider "scholastische Architektur" errichtete Hundertwasserhaus (1977-1986). Als wollte er sämtliche Schnittpunkte des urbanen Zusammenlebens besetzen, entstanden nun eins nach dem andern: eine Kirche, eine Kindertagesstätte, ein Autobahnrasthaus, eine Wohnlage "Unterm Regenturm", eine andere "In der Wiesen", ein Thermendorf. 1988 ließ sich er sich sogar zur Gestaltung einer Müllverbrennungsanlage hinreißen. "Ein Maler träumt von Häusern und einer schönen Architektur, in der der Mensch frei ist", formulierte er einmal sein Credo - und durfte schließen: "und dieser Traum wird Wirklichkeit". Ein Denkmal zu Lebzeiten setzte Hundertwasser sich mit dem Museum "KunstHausWien", wo eine ganze Etage seinem Schaffen reserviert ist. Als letzte Ruhe bestimmte der Doppelstaatsbürger seinen Landsitz in Neuseeland. Dort will er nach Aussage seines Managers Joram Harel "im Garten der glücklichen Toten ökologisch begraben werden".



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