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Von Beruf Kunstfälscher Die drei da Vincis von Neukölln

Echte Originale, diese Fälscher: Von Berlin aus beliefern die Gebrüder Posin solvente Kunden in der ganzen Welt mit Kopien berühmter Gemälde. Die drei Exilrussen sind auf sehr professionelle Weise ein wenig schräg, denn auch gute PR-Arbeit gehört zum Geschäft. Und das läuft prächtig.
Von Robert Ackermann

Sie hatten schon eine Audienz beim Papst, und ihre Kunden sind gemeinhin gut betucht. Doch den Erfolg sieht man den Posin-Brüdern nicht an. Ihre Gesichter sind hager, faltig und von grauen Bärten bedeckt. Sie tragen verwaschene Holzfällerhemden, Lederwesten und Schlaghosen, als sei die Zeit stehengelieben, irgendwann in den Siebzigern.

Die drei Männer sind Originale, die ihr Geld mit Fälschungen verdienen - mit Fälschungen, die zu den besten der Welt gehören. Van Goghs "Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr", Franz Marcs "Der Tiger" oder da Vincis "Mona Lisa" - all diese Bilder stehen und hängen an den Wänden des Kunstsalons Posin in Berlin. Sie sind so nah am Original, dass wohl selbst viele Experten Schwierigkeiten hätten, sie von den echten Stücken zu unterscheiden.

"Fälscher ist für uns kein Schimpfwort", sagt Michael Posin mit starkem russischem Akzent. "Wir betrachten unsere Bilder als Kunst, nicht als Handwerk", ergänzt Eugen Posin und zieht an einer Zigarette. Mit ihrem Bruder Semjon rekonstruieren sie die Bilder nahezu aller großen Meister der letzten Jahrhunderte.

Ganz legal, so sagen sie, denn alle Kopien werden auf der Rückseite gekennzeichnet und haben eine andere Größe als die Originale. Mit illegalen Kopien, wie sie der verurteilte Kölner Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi jahrelang in Umlauf brachte, wollen sie nichts zu tun haben. Verkauft werden dürfen sie überdies nur, wenn der Maler schon 70 Jahre tot ist.

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Neuköllner Kunstfälscher-Brüder Posin: Serienweise falsche Meisterwerke

Foto: MARCO-URBAN.DE

Nur einmal - vor rund zehn Jahren - habe jemand versucht, ihre Kopien des britischen Romantikers William Turner als Originale loszuschlagen, nachdem er sie auf eine alte Leinwand übertragen habe, erzählt Eugen. Das sei aber aufgeflogen - ohne Folgen für die Posins.

Geboren in den vierziger Jahren, lernen die Posin-Brüder ihr Handwerk an der Kunsthochschule in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Weil sie als Künstler nicht mit dem kommunistischen Regime kooperieren, sahen sie sich gezwungen auszuwandern. Nach Stationen in Paris, London und Wien landen sie schließlich in Berlin. Seit über zehn Jahren betreiben sie hier nun ihren eigenen Salon.

"Wir versetzen uns in die Künstler hinein"

Der erinnert mehr an einen verrauchten Trödelladen als an eine Galerie: alte Möbel, Deckenplatten aus Styropor, roter Teppichboden der einfachsten Sorte. Vom tiefsten Berlin-Neukölln aus, wo es noch keine hippen Szenebars und luxuriös sanierten Lofts gibt, liefern die Posins Bilder in die ganze Welt.

"Jede unserer Kopien muss eine Seele haben. Wir versuchen nicht einfach die Oberfläche, die Farben zu kopieren. Wir versetzen uns in den Künstler hinein, wir arbeiten im gleichen Tempo, deswegen betrachten wir unsere Gemälde als neugeborene Bilder", erklärt Semjon Posin die Erfolgsformel. Zu jedem Werk studieren die Brüder die Historie, sagen sie.

Man merkt den drei Männern an, dass sie um ihre Wirkung wissen. Ihre Antworten klingen trotz - oder gerade wegen? - ihres schwer verständlichen Akzents wie wohldurchdachte Statements, die Reporter gleich niederschreiben können. Schon einige waren in den letzten Jahren im Neuköllner Laden, sie haben die Posins bekannt gemacht. Jürgen Trittin gab sogar mal ein Interview in ihrem Salon - und die Zeitschrift "Cicero" engagierte sie, um ein Coverbild zu zeichnen.

Je größer der Ruhm, desto größer der Kundenkreis - das wissen die Brüder. Sie verdienen gutes Geld. Wer eine Kopie bestellt, zahlt dafür zwischen 1500 und 10.000 Euro. Die Posins beherrschen die Stile einiger Künstler so perfekt, dass sie sogar neue Bilder malen können. Ein von ihnen neu komponiertes Bild im Stil des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner beispielsweise verkauften sie an einen Kunden, der partout nicht glauben wollte, dass das dann eben doch kein echter Kirchner sei.

Ein besonderer Fan der Posins ist der Brandenburger Hotelier und Unternehmer Gerold Schellstede. "Wenn man so malt wie die Brüder, hat das schon etwas von einem Genie", sagt er. Schellstede hat den Brüdern im Ort Großräschen ein Mini-Museum gewidmet. Über 100 Bilder hängen hier in einem Vier-Sterne-Hotel. Sein besonderer Schatz: eine falsche "Mona Lisa", die wie ihr Original im Pariser Louvre von einer Glasvitrine geschützt wird. Über drei Jahre hat Schellstede auf sie gewartet. "Die Brüder waren mit ihrer ersten Variante nicht zufrieden und haben das Bild neu begonnen", sagt er.

Darauf angesprochen reagieren die Posins etwas verschnupft: "Das halten wir für eine Legende", sagen sie und schweigen. Man hat eben seine Fälscherehre.

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