Geburt einer Weltreligion Und der Markt ist Gott geworden

Woran glauben wir, wenn wir "der Markt" sagen? An diesen empfindlichen, launischen, aber angeblich souveränen und allmächtigen Markt? Unser neues Schicksal? Ein zorniger Zwischenruf von "Gazette"-Autor Alois Weber.

Der Markt ist Gott geworden. Als übermächtiges Gegenüber sehen Menschen ihr Welt- und Heilsgeschehen im Markt bestimmt. Die Auswirkungen des Marktes bestimmen nicht nur Einzelschicksale, sondern den Zustand ganzer Gesellschaften. Der Markt ist inzwischen Weltreligion geworden, weil er als Weltmarkt eine globale Unterwerfung unter seine Glaubensmaximen verlangt.

Der Markt hat sich zu einem über den Menschen stehenden Wesen realisiert. Man spricht von ihm auf eine Art und Weise, dass die den Markt konstituierenden Bestandteile, d.h. die tausendfältigen Einzelentscheidungen der Marktteilnehmer, hinter einem ehrfurchtgebietenden Begriff verschwinden, der in Form eines Kollektivsingulars entzeitlicht und angebetet wird.

Nur der Glaube an Geschichte und Fortschritt vermochte es einst, die Form einer Immanenzreligion anzunehmen. Heute geschehen die Dinge aber nicht mehr im "Namen der Geschichte" oder "im Namen des Fortschritts", sondern eben im "Namen des Marktes". Wie selbstverständlich verbreitet sein Name Überzeugungskraft und Rechtfertigung.

Die Geschichts- und Fortschrittsreligionen des 19. Jahrhunderts bargen bereits die Marktreligion in sich. Sowohl der liberale Fortschrittsglaube als auch der historische Materialismus kündeten von der Macht des Ökonomischen und bereiteten den neuen Glauben vor. Der neue Glaube erlangt seine volle Reife, sobald der Markt und seine Gesetze als unverbrüchlich geltende Naturerscheinungen auftreten. Nun erst gewinnt er diese anonyme, unpersönliche und unangreifbare Macht, von der alles abhängt, der man sich anpassen, der man sich als Diener unterwerfen muss. Der Markt verlangt eine adäquate Lebensweise. Was sollte er anderes sein als der neue Gott des weltökonomischen Zeitalters?

Wer bestehen will, muss sich den Gesetzen des neuen Gottes unterwerfen; wer in den politischen Diskursen noch kompetent mitreden will, der muss sich als Gläubiger des Marktes erweisen, sonst gilt er als Spinner, Utopist oder irrelevanter Heide des alten Glaubens an die Steuerbarkeit, Regulierbarkeit und Gestaltbarkeit der Gesellschaft durch staatliche Vorgaben. Die Macht des neuen Gottes offenbart sich gerade in der Unvorhersehbarkeit seiner Wirkungen, seiner anarchischen Schwankungen und undurchsichtigen Entscheidungen, manchmal ist er der deus absconditus, manchmal der deus praesens.

Was wäre ein gültigerer Ausweis der göttlichen Macht als regeldurchbrechende Souveränität? Die Kirchengeschichte ist voll davon. Der erste Verrat des christlichen Gottes war seine Parusieverweigerung, da er nach seiner Kreuzigung nicht wiederkam. Der Gott kam nicht, aber die Religion bestand weiter. Heute ahnen wir bereits, was der Markt uns verweigert, welche Launen er hat, welche Not er herbeiführen kann; doch nicht der Glaube an ihn verschwindet, sondern seine Theologie wird nur umso komplexer.

Der Markt hat seine Theologen und ist ein Projekt religiösen Eifers. Manche geben vor, ihn genau zu kennen, auf ihn einzuwirken, ihm den Lauf künftiger Entwicklungen zu entlocken. Doch auch ihre Lehren haben Konjunkturen, werden dogmatisiert, verschwinden und tauchen in neuem Gewand wieder auf. Auch sie selbst sind nicht vor ihrem eigenen Gott gefeit und unterliegen dem Markt, dem Markt der Meinungen und den abweichenden, in Form von Berechnungen dargebotenen Ideologien.

Jede Religion braucht ihre Agenten und Trägerschichten. Jeder religiöse Glaube hat verschiedene Typen des Nachvollzugs im Leben: Priester, Mönche, Asketen, Intellektuelle, Propheten, Apostel, Wandercharismatiker, Gemeindeorganisatoren, Wunderheiler, Eremiten, Ketzer, Gelehrte, Professoren. Auch der Markt hat seine Propheten, Priester und Missionare: etwa Börsengurus, in der Hausse wie Heilige verehrt, in der Baisse wie Ketzer verdammt. Ferner gibt es die universitären Dogmatiker, die ihre Theologie eher im spröden Gewand wissenschaftlicher Leitmaximen von den Kathedern verkünden. Auch da haben sich Glaubensrichtungen, wenn nicht gar Sekten gebildet. Dann gibt es die modernen Wanderapostel, die dem Gottesvolk verkünden, wie man sein ganzes Leben, seine Einstellung, seine Haltung ändern muss, um erfolgreicher Marktteilnehmer zu sein. Prosperität, Reichtum und Erfolg sind die Zeichen Gottes, dass man zu den Auserwählten gehört. Ihnen gehört das Himmelreich bereits auf Erden.

Der Übergang von einem Phänomen mannigfaltiger Tauschbeziehungen zwischen Menschen zu einem Phänomen religiöser Verehrung zeigt sich besonders dort, wo man nicht mehr "am Markt" oder "auf dem Markt" sagt, sondern wo der Markt zu einem selbstständigen, überhöhten und wirkungsmächtigen Subjekt wird, der das Schicksal aller Menschen bestimmt: ehrfurchtsvoll harrt man seiner Entscheidung, dem Glücklichen teilt er Gewinn zu, die anderen bestraft er für ihre Torheit. "Der Markt gibt vor ...", "der Markt hat entschieden ...", "der Markt regiert ...". Kurz: Der Markt herrscht, ist unergründlich, und keiner kann ihn verleugnen. Im Markt zu bestehen wird zum Sinn des Lebens.

Jeder Priester weiß, eine Religion muss geformt, überwacht, reingehalten und stets von neuem verkündigt werden. Gleichzeitig muss so getan werden, als wäre das angebetete höchste Wesen unabhängig von einem. Im Glaubensvollzug wird es verselbständigt. Dann steht es da, anbetungswürdig, auf die Ewigkeit getrimmt und unerschüttert von den Schwankungen des Alltags. In seiner Entzeitlichung scheint es immun geworden gegen seine eigenen Anhänger.

Jeder Marketingexperte und Marktstratege weiß, es ist ein mühsamer Prozess, dass sich Verkäufer und Käufer überhaupt finden, Märkte müssen erst einmal geschaffen werden. Der Markt hat also Geschichte. Jeder Gott hat eine Biografie. Märkte mussten erobert, Ressourcen ausgebeutet, Bedürfnisse hervorgerufen werden. Doch ist der Markt erst einmal etabliert, wird seine mühsame Geschichte überwiegend vergessen. Der Markt ist da, ist selbstverständlich, ist ewig und hat seine eigenen, quasi-natürlichen Gesetze, die man befolgen muss. Der ökonomische Heide kann nur noch in der selbstgeschaffenen autarken Subsistenzwirtschaft leben, will er sich treu bleiben und den Gott des Marktes verleugnen. Andernfalls bleibt er ein peinlicher Rufer in der Wüste, bestenfalls geduldet und milde belächelt.

Der neue Gott hat seine Tempel, seine Kirchen, und jeder weiß, die Banken haben längst die anderen Gotteshäuser in ihrer architektonischen Präsenz überragt. Gott spricht nicht mehr aus einem brennenden Ölbaum. Das flammende Geschrei im Börsengebetssaal verschwindet allmählich hinter dem verwirrenden Zeichengewirr auf Computerbildschirmen. Y- und X-Achse, an denen sich das Weltmarktgeschehen kurvenreich abzeichnet, bilden das Kreuz der neuen Verkündigung.

Jede Religion hat ihre Gegner, zumeist in einer anderen Religion. Der neue Gott hat die erste Phase als ecclesia triumphans gerade hinter sich. Der Kommunismus kann als eine Art Protestantismus innerhalb des Kapitalismus verstanden werden. Er hatte seine eigene Kirche, eigene Symbole und Rituale, Sekten und Unterkirchen. Aber etwas war er nie: Er entwickelte keine Eigenständigkeit in dem Sinne, dass er es vermocht hätte, sich von seinem ursprünglichen Gegner und Feindbild zu lösen. Er war eben nur eine Glaubensabspaltung, kein Lebens- und Weltentwurf mit autonomen und autochthonen Wurzeln. Warum dieser einst so mächtige Glaubensstrom versickert, sollen andere klären. Fest steht, eine Weltmacht ist diese Kirche nicht mehr.

Hat der neue Gott also noch Gegner? Lesen Sie hier weiter.

Hat der neue Gott also noch Gegner? Da gibt es noch diese Protestaktionen von attac und ähnlichen Gruppen. Sie werden so lange scheitern und sich in Einzelaktionen verlieren, als sie eines nicht begriffen haben: Sie müssen erst einmal selbst Kirche werden und dabei ihre Unschuld verlieren. Auch wem das widerstrebt, wer die Massen gewinnen will, braucht nun einmal eine professionelle Organisation, einfache Symbole, wenige, aber dafür einprägsame Glaubenssätze (Zehn Gebote) und eine charismatische Führungspersönlichkeit, auf die man sich nach ihrem Tod noch berufen kann. Das alles fehlt diesen Protestbewegungen. Da helfen auch keine postmodernen Ideologeme. Man wird einfach nicht ernstgenommen.

Gibt es also aktuell eine Gegenreligion zum Gott Markt? Wer wird es schaffen, die Weltöffentlichkeit in seinen Bann zu ziehen? Wer verbreitet Angst und Schrecken bei den Anhängern der Marktreligion im Namen einer anderen Religion? Wo sind Menschen nicht bereit, sich der Lebensweise der modernen westlichen Marktreligion zu unterwerfen? Wir ahnen die Antwort bereits, aber begriffen haben wir sie noch nicht: Da gibt es Menschen, die sich opfern, weil sie an etwas völlig anderes glauben; die zu sterben bereit sind und im Versprechen auf ein Himmelreich selbst zur Waffe werden, um andere, möglichst viele, mit in den Tod zu reißen. Sie werfen ihr Leben weg, um mit letzter Gewalt für eine höhere Sache Zeugnis abzulegen, indem sie sich, Landsleute, insbesondere aber Ungläubige, Andersgläubige, Verräter, Westler töten.

Unsere eigene alte Glaubensgeschichte ist voll von solchen Ereignissen, wir haben es nur vergessen. Unsere Märtyrer sind zu Kunst erstarrt und zur Historie erkaltet. Sie stehen leblos in alten Kirchen oder Museen herum. Schauen wir noch einmal auf die Anfänge der Christenheit. Hervorgegangen aus der verzweifelten Situation in einer Weltgegend, die stets von irgendeiner Großmacht besetzt war und in der sich verschiedene radikalisierende Minderheiten das Ende der Welt herbeiwünschten, damit ein heiliges Königreich entstehe. Für den Glanz des Hellenismus, seine Kultstätten, Arenen und Prunkbauten, seine prassende Oberschicht, selbst für die Hohepriester der eigenen Religion hatten sie nur Verachtung. Zuletzt wollte man sich auch den Römern nicht unterwerfen, man setzte dem Imperium der Statthalter, des Kaisers ein anderes Imperium entgegen, ein Reich Gottes.

Sie galten aus der Sicht der Herrschenden alle als Terroristen - im damaligen Sprachgebrauch Räuber (lestai, latrones): Zeloten (Eiferer), wahrscheinlich hervorgegangen aus einer jüdischen Sekte, die den Römern die Steuerzahlung verweigerte; Sikarier (Dolchmörder), die auch Priester ermordeten, weil sie Verrat an der Religion begangen hatten, d.h. zu sehr mit den Besatzern sympathisierten; Essener, die eher quietistisch auf das Ende der Zeit warteten; und viele andere Grüppchen, über die wir heute (wie über Qumran) nur Vermutungen anstellen können; und eben Christen, die damals noch nicht so hießen, sondern Nazarener, Jesusleute, die bereit waren, für Ideen zu sterben, die kein normal gebildeter Zeitgenosse verstehen konnte, einen gekreuzigten Gott - ein unvorstellbarer Irrsinn für die Gebildeten damals. Wir wissen, was daraus geworden ist.

Bahnt er sich erneut an, ein Glaubenskampf, ein Glaubenskrieg? Nein, denn er ist schon da; es sind nur die zaghaften, ersten Vorläufer, tastende Versuche, die uns, die wir in über einem halben Jahrhundert Frieden aufgewachsen sind, aufscheuchen wie die Hühner. Aber das sind nur die ersten Versuche, Anfänge für das Zeitalter eines neuen Glaubenskampfes, Testversuche für Kommendes. Präsident Bush gibt vor, zu wissen, worum es geht. Er gibt sich als Gläubiger und lässt seine Reden von Theologen schreiben. Nein, es geht nicht bloß um Öl, dummes materialistisches Missverständnis. Sicherlich, darum geht es auch, denn Öl ist ein wichtiger Garant für das, worum es im Kern wirklich geht: Es geht um die Lebensweise, es geht um den Way of Life, um den American Way of Life, dem wir (nicht nur wir) im sogenannten Westen weitgehend anhängen und den wir überwiegend von amerikanischen Soldaten beschützen lassen. Die Weltmacht erklärt ihre Kriege im Kampf und den Schutz ihrer Lebensweise. Das ist ihre Mission, das legitimiert das Imperium.

Dieser Way of Life ist das Werk eines voraussetzungsvollen Glaubens an den Markt als Gott. Er bietet Freiheiten, Wahlchancen, erzeugt Warenfetischismus, bietet Lebensziele, stiftet Karrieren. Der Markt macht Sinn. Er erzwingt eine spezifische Lebensweise, speist sich aus dem Glauben an bestimmte Wertvorstellungen und Überzeugungen, bei denen offen oder unterschwellig geleugnet wird, dass sie nicht überall und für jeden selbstverständlich sind.

Da sich der Markt als Gott und seine Anhänger gerade erst allem und jedem überlegen glaubten, können sie noch gar nicht so recht glauben, dass der American Way of Life möglicherweise nicht für jeden das Endziel der Menschheit, das "Ende der Geschichte" darstellt. Da bringt es auch nichts, die Gegner als "mittelalterlich" oder "rückständig" zu karikieren. Da meinen es einige wirklich ernst und halten uns für heuchlerische, ungläubige Hurenböcke, Ausgeburten der Hölle, die von Werten reden, wenn sie den Markt meinen. Die wollen einfach nicht akzeptieren, wie unsere Frauen herumlaufen, wie wir reden, was unsere Medien für Bilder ausstrahlen; sie verachten unser Weltbild und predigen gegen unseren Lebenweise an. Sie halten uns für Tiere, die mit gespaltener Zunge reden.

Sie testen unseren Glauben, sie erproben die Anfälligkeit unseres Glaubens, des Glaubens an die Ware, den Preis, den Konsum, an Angebot und Nachfrage, kurz: an den Markt. Haben wir etwas entgegenzusetzen? Unser Gott, dieser Markt, ist anfällig. Seine Erprobung durch Anschläge und Terror bringt etwas Schreckliches zu Tage, nicht nur die unschuldigen Toten: seine Anfälligkeit, seine mögliche Unbeständigkeit. Dieser Markt, seine Tempel, seine Institutionen und Priester brauchen Straßen, Schiffe, Computer, Pipelines, elektrische Leitungen. Dieser neue Gott, er kommt schnell ins Wanken, ist sehr nervös, reagiert empfindlich.

Das Schlimmste: Da stellt es sich heraus, dass dieser Gott doch eine Geschichte hat, dass er kein unangreifbares, höchstes, unabhängiges Wesen ist. Dieser Gott hat eine zivilisatorische, technologische Vorgeschichte. Das ist nichts Besonderes. Aber dieser Gott Markt ist von so vielem abhängig, ist so angreifbar, ein richtiges Sensibelchen. Zwar ist er inzwischen umgreifend und weltumspannend, aber dadurch auch kompliziert und empfindlich.

Sind wir in unserer postheroischen Glaubenskultur bereit, unseren Gott zu verteidigen, stehen wir für ihn ein? Was passiert mit unserem Gott? Welcher Gott wird sich am Ende als der Stärkere erweisen? Da gab es schon einmal ein Zeitalter der Glaubenskriege. Das haben wir in Europa bereits durchgemacht. Vielleicht ein Drittel der Bevölkerung hat es gekostet. Am Ende all der Bürgerkriege stand der absolute monarchische Staat. Da musste sich eine Staatsgewalt herausbilden, um all die streitenden Parteien niederzuhalten.

Was wird in hundert Jahren sein? Der absolute Weltstaat? Eine Macht, die uns zusammenzwingt, damit wir uns nicht gegenseitig vernichten. Wer wird all die gewaltbereiten Irren im Zaum halten? Wer schützt die U-Bahnen, die Banken, die Börsen, die Häfen, die Flugzeuge, die Industrien, die Speicher, die Kommunikationsnetze, die Moden, die Waren? Wer schützt uns? Wir sind anfälliger geworden, je mehr die Ansprüche mit unserem Way of Life gewachsen sind.

Wenn das alles überwacht und geschützt werden muss, weil es um die Verteidigung der Lebensweise geht, was werden wir dann für einen Staat haben, was wird die Freiheit dann sein? War das liberale Zeitalter nur eine kurze, fröhliche Zäsur, eine kleine Loveparade in der Weltgeschichte, eine beschauliche Phase vor dem totalen Weltüberwachungsstaat? Geht unsere Lebensweise im Schutz dieser Lebensweise verloren?

Der neue Gott Markt ist möglicherweise sterblich. Oder er schrumpft auf ein Maß, mit dem mehrere Religionen leben können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.