Gedenken an Politkowskaja "Leben für die Wahrheit"

Ein Jahr ist es her, dass die Kreml-Kritikerin Anna Politkowskaja vor ihrer Haustür von Unbekannten erschossen wurde. Am Reportermahnmal von Bayeux erinnerte die französische Regierung an die russische Journalistin und ehrte sie für ihren Einsatz für die Pressefreiheit.

Aus Bayeux berichtet


"Wer frei sein will, muss auch für die anderen die Freiheit wollen": Mit den Worten der Schriftstellerin Simone de Beauvoir, in Stein gefasst am "Reporterdenkmal" von Bayeux, erinnert Rama Yade an die Journalistin Anna Politkowskaja. Ein Jahr nachdem die Reporterin von unbekannten Tätern in Moskau ermordet wurde, ehrt Frankreichs Staatssekretärin für Menschenrechte die Russin mit einem Gebinde am "Memorial des Reporters". Yade findet die treffenden Worte für eine Frau, die für die "Freiheit und die Wahrheit kämpfte und dafür mit dem eigenen Leben gezahlt hat.

Anna Politkowskaja: Ihr Name gehört zu den 1889 Kollegen, die auf 23 schlichten Stelen eingraviert sind. Fotografen, Journalisten, TV-Produzenten und Übersetzer, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Ausübung ihres Berufes getötet wurden, oder Redakteure und Autoren, die umgebracht wurden wegen kritischer Kommentare oder unliebsamer Informationen.

Der Platz für das "Memorial des Reporters" liegt eingebettet in hügeliges Grün vor den Toren der Stadt. Das Mahnmal, das einzige seiner Art in Europa, das auf Initiative der "Reporter ohne Grenzen" und der Stadt Bayeux geschaffen wurde, soll ein Zeichen sein gegen das Vergessen, ein Aufbegehren gegen die Diktatoren und Unterdrücker. "Es ist der einzige Ort auf der ganzen Welt, wo der Name meines Mannes in Stein geschrieben ist", sagt Michèle Montas, die Witwe des haitianischen Journalisten Jean Dominique, der von den Schergen des Regimes gemeuchelt wurde.

Symbolbeladener Ort

Die Geografie des Gedenkens kommt symbolbeladen daher, neben dem "Museum für die Schlacht der Normandie" und dem britischen Soldatenfriedhof, wo 4144 Gefallene des Zweiten Weltkrieges begraben sind – in einer strengen Symmetrie langer Reihen von Steinen und Kreuzen, die das Grauen des Krieges beinahe vergessen lässt. Und hier, gleich daneben, sind seit vergangenem Jahr die Vorkämpfer für die Pressefreiheit verewigt.

Die symbolische Geste der Staatssekretärin vor der Stele für das Jahr 2006 – mit 83 getöteten Journalisten besonders mörderisch - beschließt das einwöchige Programm rund um den "Preis für Kriegsreporter", mit dem Bayeux und das Departement Calvados seit 14 Jahren Berichterstattung von den Fronten internationaler Konflikte auszeichnet: "Weil Freiheit ein zerbrechliches Gut ist, für das wir immer eintreten müssen", so Patrick Gomont. Der Bürgermeister versteht die Auszeichnung daher nicht nur als Ehrung für mutige Journalisten, die mit Reportagen, Fotos, Radioberichten und Fernsehstorys "die Wahrheit verbreiten". Mit Schülerdiskussionen, Lesungen, Filmvorführungen und einer kleinen Buchmesse richtet sich der "Bayeux-Preis" auch an die lokale Öffentlichkeit - als pädagogische Übung in Pressefreiheit.

Daher stellt die Nachrichtenagentur Reuters hier eine renommierte Bilderschau vor, der deutsche Fotoreporter Thomas Dworzak zeigt eine Auswahl seiner Kriegsreportagen. Der Schwerpunkt der Filme und Debatten gilt in diesem Jahr jedoch dem Gedenken an die russische Kollegin. Makabre Koinzidenz: An dem Tag, an dem das Denkmal am 7. Oktober 2006 eingeweiht wird, trifft die Nachricht von der brutalen Ermordung Anna Politkowskajas ein.

Politkowskaja-Mord weiter ungeklärt

Die Redakteurin der Zeitung "Nowaja Gazeta" gehörte zu den wenigen russischen Journalisten, die konsequent und unerschrocken über den Krieg in Tschetschenien schrieben. Und oft ging ihr Engagement über pure Berichterstattung hinaus: Während ihrer 40 Reisen begleitete sie russische Mütter, die ihre Söhne in dem mörderischen Bürgerkrieg verloren hatten, bis vor Gericht. Und als Tschetschenen im September 2002 mitten in Moskau das Theater Dubrowka überfallen, verhandelt Politkowskaja zwischen den Geiselnehmern und der russischen Obrigkeit.

Es sind aber ihre Reportagen aus dem Alltag des Krieges und über die Brutalität der Militärs, die sie im Kreml zur verhassten Landesverräterin machen, selbst wenn sich Präsident Wladimir Putin später über den "minimalen Einfluss" der Journalistin mokierte. Im Ausland anerkannt und mehrfach geehrt für ihren Einsatz, bot ihre Prominenz jedoch keinen Schutz – Politkowskaja wurde vor ihrer Haustür erschossen.

Wer die heimlichen Drahtzieher des Mordes waren, ist bist heute ungeklärt, bedauert Staatsministerin Yade bei ihrer Ansprache am Mahnmal - trotz aller Versprechungen des Kreml für eine rückhaltlose und völlige Aufklärung des Verbrechens. "Anna Politkowskaja ist nicht vergessen", sagt Yade, "sie lebt in unseren Seelen und Herzen, ihr Name ist Freiheit."



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