Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Pöbeln, aber präzise

"Idioten" ist eine beliebte Bezeichnung für Rechte und Rassisten - doch sie trifft nicht zu. Denn ihnen mangelt es nicht unbedingt an Bildung oder Intelligenz, sondern an Moral.

Wohin man auch guckt, überall sind Idioten. Könnte man zumindest meinen, so viel, wie überall gerade über Idioten geschimpft wird. Ich mache das selbst ständig, aber es ist nicht gut: Es ist faul, zu kurz gedacht und am Ende sehr dumm.

Dabei kann es so lässig wirken. Vielleicht fing der derzeitige Idiotenfrühling mit etwas Coolem an, wie so vieles. "Haltet euch fern von den Idioten!", das war die Botschaft eines SZ-Interviews mit Lemmy Kilmister , das kurz nach seinem Tod Ende Dezember noch mal veröffentlicht wurde. Er erklärte darin ziemlich genau, was er mit "Idioten" oder "Arschlöchern" meinte, und damit war er ein ganzes Stück feinsinniger als viele andere, die derzeit von Idioten oder Dummheit sprechen.

Dummheit ist eine tricky Eigenschaft, weil sie sich immer wieder entzieht. Wen meint man, wenn man von Dummen spricht? Die mit wenig IQ? Oder wenig Bildung? Die, die zu schnell Schlüsse ziehen, weil sie zu faul zum Denken sind? Oder die, die falsche Schlüsse ziehen? Schwierig. "Die einzige Bevölkerungsgruppe, die man risikolos beleidigen kann, sind die Dummen. Da fühlt sich nie einer angegriffen", schrieb Ronja von Rönne neulich auf Twitter . Niemand schrieb: "Doch, ich."

"Es gibt mehr Sterne als Idioten"

Es ist en vogue, Leute dumm zu nennen, oder eben Idioten; oft im Zusammenhang mit Rassismus und/oder dem Internet. "Es gibt mehr Sterne als Idioten" heißt das neue Buch des ganz wunderbaren Zeichners Meta Bene, und das klingt schön und beruhigend, denn Sterne sind romantisch und Idioten immer die anderen.

Sascha Lobo schrieb vor Kurzem einen Hilferuf, man solle ihn nicht mit den dummen Leuten im Internet alleinlassen. Er sprach von "Flächenidiotie in den sozialen Medien" und Pegida als "Phänomen der schieren Dummheit". Axel Hacke schrieb im SZ-Magazin  im November eine Kolumne über die Dummheit des IS, und im Januar gleich noch eine über Dummheit als Seuche im Internet . "Extra3" schreibt  von "Idioten, denen das Schicksal der vielen Flüchtlinge am Arsch vorbeigeht", und der ehemalige "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer sagte gerade erst in einem Interview  über Menschen, die von "Lügenpresse" sprechen: "Das sind Spinner! Was ich auf meine Onlinekolumne als Reaktion kriege, besteht zu einem befremdlichen Teil aus unsäglich dummer, anonymer Pöbelei."

Über-die-AfD-reden fasten

Wenn man über Idioten redet, dann kommt man kaum umhin, auch über die AfD zu sprechen, aber ich versuche, das nicht zu tun, denn ich faste Über-die-AfD-reden. (Es ist so wohltuend, ich kann es nur empfehlen: Ich bin nach nur einer Woche schon viel ausgeglichener, ich schlafe gut und bin schön wie der Frühling.) Aber ich brauche gar nicht selbst über die AfD zu reden, mir reichen für heute die anderen, die über die AfD reden.

Die Facebookseite "AfD-Watch" verbreitet ein Bild, auf dem die Partei "Angebot für Dumme"  genannt wird. Und der "Tagesspiegel"-Chefredakteur macht sich über die AfD-Wähler lustig , die in einer Umfrage meinten, sie hätten kein Verständnis für - nun ja - AfD-Wähler: "Das dürfte so ziemlich genau der Anteil derjenigen Parteifreunde sein, die bei Facebook ihre Bildung mit 'Baumschule' angeben...".

Apropos Bildung. Man könnte, wenn es um Idioten geht, auf die griechische Wortherkunft verweisen. Das Wort "idiotes" bezog sich auf Privatpersonen, die sich gerade nicht in öffentliche Angelegenheiten mischten, und später war "Idiotie" ein Begriff, der sich auf geistige Behinderung bezog. In beiden Sinnen meint man "Idiot" heute offenbar nicht mehr. Heute meint man damit einfach einen dummen Menschen. Aber was heißt das?

Wie man zu Flüchtlingen steht, ist eine Frage von Menschlichkeit

"Dumm ist der, der Dummes tut", sagt Forrest Gumps Mutter. Nun ist es aber gar nicht dumm, die Ruinen von Palmyra wegzusprengen, Mexikaner pauschal als drogenhandelnde Vergewaltiger zu bezeichnen oder Flüchtlingen zu wünschen, sie sollten im Meer ertrinken oder an der Grenze erschossen werden. Es ist falsch und böse und hässlich, aber nicht dumm: Wer das tut, ist kein Idiot, sondern ein schlechter Mensch. Es gibt keine Gleichung, die man lösen muss und am Ende kommt "refugees welcome" raus: Wie man zu Flüchtlingen steht, ist keine Frage der Logik oder des Intellekts, sondern eine von Menschlichkeit und Moral.

Und das ist der Haken: Moral ist kompliziert und unsexy. Sie taugt nicht als schnelles fancy Distinktions-Accessoire wie Bildung oder vermeintliche Bildung. Leute fotografieren sich vor Bücherregalen, aber nicht vor - ja, was? Eben. Mit Moral kann man keine Selfies machen. Man muss sie praktizieren.

Mely Kiyak schreibt: "Wir haben es verlernt, das Leid der anderen zu unserem Leid zu machen. Diese Denkleistung ist aber die wichtigste Voraussetzung für Solidarität."  Das ist wie alles, was Mely Kiyak schreibt, richtig - nur, dass es nicht um eine Denkleistung geht. Eher eine Fühlleistung. Es heißt doch Einfühlung, nicht Eindenkung.

Sich beim Schimpfen Mühe geben

Im Herbst schrieb ich, dass es gefährlich ist, wenn man Nazis für ihre Rechtschreibfehler und ihre Blödheit auslacht. Inzwischen glaube ich, es ist noch viel dringlicher geworden, sich Mühe zu geben beim Schimpfen. Es hilft nicht, Leute einfach nur als Idioten zu bezeichnen, und es hilft oft auch wenig, ihnen pauschal Rassismus oder Sexismus vorzuwerfen. Das ist nicht gründlich genug. Es ist, als sage man: Guck, du machst alles falsch, du stehst für das Gegenteil aller Werte, für die ich kämpfe; du und ich, wir sind wie die Dinos aus "In einem Land vor unserer Zeit", als die Erde auseinanderbricht und Mutterdino ist auf der einen Seite und die Kinderdinos auf der anderen - das ist so furchtbar, das darf nicht passieren.

Das heißt aber nicht, dass man nicht klar und hart sein soll - man soll genau das. Klar wie ein verdammter Bergsee und hart wie ebenjener See, wenn er zufriert. Aber nicht so kalt! So kompliziert ist es.

Präzise pöbeln

"Der Kampf gegen Scharfmacher und Ausgrenzer ist nicht mit Scharfmacherei und Ausgrenzung zu gewinnen", schrieb Benjamin Bidder hier am Mittwoch in einem Kommentar. Das stimmt. Aber mit Radikalität und Distanzierung schon. Es ist gut, wenn man gegen Populisten oder Rassisten pöbelt, aber man muss präzise pöbeln. Tucholsky schrieb: "Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf."  Und genau das ist der Auftrag. Denn wenn man sich schon auf seine Intelligenz berufen möchte - und das tut man, indem man andere dumm nennt -, sollte man sie auch so weit ausreizen, wie es eben geht, und das bedeutet, differenziert zu kritisieren.

Und viele Leute fühlen das, aber sie sind zu faul. Warum finden viele Dunja Hayali und Anja Reschke so cool, wenn sie sich über Hass äußern oder über Lügenpressevorwürfe ? Weil die sich selbst und ihre Arbeit ernst nehmen - aber andere Menschen eben auch. Sie machen es sich nicht einfach. Sie geben zu, dass Dinge kompliziert sind, und machen trotzdem weiter. Und das bedeutet nicht unbedingt, Bildung zu zeigen, sondern Haltung: Und die ist nicht im Gehirn, sondern im Herzen. Wem das zu hippiemäßig ist, okay, geschenkt - besser ein Hippie als ein arroganter Dödel. Peace.

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