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Gentrifizierung in Berlin Mitte: Kultur zwischen Franchise

Foto: DDP

Gentrifizierung in Berlin Mitte Arm und sexy? Teuer und öde!

Der Immobilienmarkt macht dem Mythos Berlin Mitte den Garaus. Immer mehr Kulturinstitutionen schließen oder wandern ab. Jetzt muss auch die renommierte Fotogalerie c/o Berlin weichen - für einen schicken Hotelkomplex.

Eigentlich wollte er gar keine Galerie eröffnen. Doch dann entdeckte der Fotograf Stefan Erfurt im Jahre 2000 auf der Suche nach Räumen für eine Fotoausstellung der berühmten Agentur Magnum das leerstehende Postfuhramt in Berlin Mitte. Aus dem improvisierten Anfang ist eine internationale Erfolgsstory geworden. Dank guter Kontakte, etwa zur Starfotografin Annie Leibovitz, und eines unkonventionellen Managements wurde c/o Berlin zum Aushängeschild der boomenden Fotokunst. Große Namen wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson hat das Team an die Spree geholt.

Die Bilder weltbekannter Fotografen auf abgeblättertem Putz: Das steht für den Kontrast, den die Leute hier das "Berlin-Mitte-Gefühl" nennen. Aus unsaniert wird hip, aus improvisiert international, und dabei bleibt man glaubwürdig und unkommerziell. Die Galerie sei "ein typisches Kind von Mitte", sagen ihre Macher. Am Donnerstagabend feierte sie ihr zehnjähriges Bestehen.

Es wird wohl die letzte große Feier sein. Schon Ende März 2011 muss c/o Berlin raus aus dem denkmalgeschützten Gebäude an der Oranienburger Straße. Die israelische Investorengruppe Elad, die 2004 das legendäre Plaza Hotel in New York zu Luxuswohnungen umgebaut hat, hat das alte Postfuhramt gekauft. Ein Hotel und ein Einkaufszentrum sollen hier entstehen.

Kulturstaatssekretär André Schmitz bezweifelt jedoch, dass Elad in der Kürze der Zeit die nötigen Genehmigungen für die Pläne bekommen wird. Es sei "absurd und blödsinnig", der Fotogalerie für Ende März 2011 zu kündigen, wenn das neue Projekt nicht direkt anschließend begonnen werde, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Donnerstagabend bei der Jubiläumsfeier.

Einer der letzten originellen Orte

Der drohende Auszug der renommierten Galerie hat dennoch Folgen - denn damit droht der Stadtteil endgültig kulturell zu veröden. Auf dem Weg von der Oranienburger Straße Richtung Hackesche Höfe findet man neben blitzblank sanierten Gebäuden und schicken Designer-Stores schon heute kaum noch die Pioniere, die das Viertel einmal prägten. Zwischen Systemgastronomie und Franchising ist c/o Berlin einer der letzten originellen Anlaufpunkte.

Es ist der übliche Kreislauf, auch Gentrifizierung genannt: Wenn die Off-Galeristen, die Künstler und andere eigensinnige Geister eine Gegend als Wohngebiet interessant und zum touristischen Anziehungspunkt gemacht haben, kommen die Investoren. Und irgendwann müssen dann auch die Pioniere gehen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Oder weil ihre Standorte verkauft werden.

So geht es auch dem Kunsthaus Tacheles, schräg gegenüber von c/o, das mit seinen 30 Ateliers bis zu hundert Künstlern einen günstigen Produktionsort bietet. Es muss das Gebäude voraussichtlich bis Ende des Monats verlassen. Die HSH Nordbank möchte das Hausgrundstück versteigern.

"Rette deine Stadt!"

Anfang der neunziger Jahre nahmen Kunstschaffende das ehemalige Kaufhaus im Ostteil Berlins ein. Es wurde ein Magnet für Künstler aus aller Welt. Und irgendwann kamen auch die Touristen. Über 300.000 Besucher zieht das Tacheles heute jährlich an. Ist es der Verlierer des eigenen Erfolgs? "Sicher sind wir über die Jahre auch ein Wirtschafts- und Imagefaktor geworden, aber wir sind immer noch ein sehr realer Ort", sagt Linda Cerna, Sprecherin des Tacheles. "Bei uns erlebt man sie, diese spezielle Andersartigkeit der Stadt."

Billiger Raum und ein spannendes Umfeld lockten im Berlin der Nachwendezeit kulturelle Nischenprojekte nach Mitte. Heute stehen viele von ihnen vor dem Aus. Als letzte Woche 5000 Menschen unter dem Motto "Rette deine Stadt!" gegen Gentrifizierung und "Kulturkahlschlag" demonstrierten, waren neben dem Tacheles auch das Acud und der Schokoladen e.V. dabei. Zwei weitere Off-Kultur-Originale, die von der Schließung bedroht sind.

Dabei schmückt sich nicht zuletzt auch die Berliner Politik mit dem guten alten Mitte-Feeling. Die Jubiläumsausstellung von c/o steht unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Klaus Wowereit. Doch will die Stadt ihr Image als Kunst- und Kulturhauptstadt behalten, muss sie dem Ausverkauf öfter einen Riegel vorschieben.

Nicht ewig arm und sexy bleiben

"Lebenswerte Kulturräume werden durch eine auf den Tourismus ausgerichtete Infrastruktur verdrängt, weil Stadtentwicklung heute unter einem Verwertungsdiktat steht", sagt der Berliner Soziologe Andrej Holm, Betreiber des viel gelesenen "Gentrification Blog" . "Eingreifen müssen hätte die Politik schon vor 20 Jahren, durch Eingriffe in den Bodenmarkt. Wenn die Politiker heute öffentlich bedauern, dass Kultureinrichtungen weichen müssen, ist das nur noch amüsant", meint Holm.

"Im Moment ziehen die Kreativen weiter nach Neukölln und Richtung Potsdamer Straße in Schöneberg. Dort kann noch niemand 15 Euro Miete pro Quadratmeter verlangen", sagt Nicolas Jeissing, Geschäftsführer der Immobilienfirma Engel & Völkers in Berlin. Kulturinstitutionen haben die Wahl: Entweder sie kompensieren die steigenden Preise durch eine Professionalisierung und Kommerzialisierung ihrer Arbeit, oder sie ziehen weiter. Und lassen das Spiel von Neuem beginnen.

Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz

c/o Berlin hat die enge Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz in den vergangenen Jahren erfolgreich bestanden. Das dreiköpfige Führungsteam des Museums hat die anspruchsvollen Fotoausstellungen komplett durch Eintrittsgelder und Sponsoren, ganz ohne öffentliche Fördergelder finanziert. Die Annie-Leibovitz-Ausstellung im Jahr 2009 lockte weit über 100.000 Besucher ins Postfuhramt und ließ die Galerie sogar schwarze Zahlen schreiben. Doch ohne einen attraktiven Standort wie den in der Oranienburger Straße wird das Finanzierungsmodell in Zukunft nicht mehr funktionieren.

"Erfolgreich können wir langfristig nur sein, wenn wir unternehmerisch denken", sagt c/o-Sprecher Mirko Nowak. Die Suche nach einer neuen Immobilie hat begonnen. "Aber wir wollen kein Spielball der Investoren mehr sein", sagt Nowak. c/o Berlin will zentral in Mitte bleiben. Nur so könnten sie ihre Ziele weiter verwirklichen: Ein offenes Haus sein und ein zentraler Anziehungspunkt, der Kunst zugänglich macht.

Unter dieser Voraussetzung findet Mirko Nowak es auch völlig in Ordnung, von der Stadt Berlin als Touristenmagnet benutzt zu werden. "In einem kommerzialisierten Umfeld können wir nur so bestehen. Doch wenn wir schon Marketingarbeit betreiben, dann muss die Stadt auch was zurückgeben."