S.P.O.N. - Der Kritiker Brei und Sülze

Schauen Sie mal, dann verstehen Sie nichts: Gerade jetzt in Krisenzeiten müssten ARD und ZDF Stellung zum Weltgeschehen beziehen und Widersprüche deutlich machen. Stattdessen verharren "heute" und "Tagesschau" in Nachrichtenroutine.

Das deutsche Nachrichtenfernsehen ist der Tetrapak des Journalismus: Die Welt wird ordentlich, quadratisch und schmutzfrei verpackt, damit sie länger hält.

Hellblau ist diese Verpackung bei der "Tagesschau", mittelblau bei "heute" - Blau beruhigt, Blau schafft Vertrauen, Blau will nichts verändern, Blau ist sachlich, offen, gut: Es kann dir nichts passieren, das ist die blaue Botschaft.

Präsentiert werden die Tetrapak-Nachrichten von Tetrapak-Menschen, die zwar aussehen wie Menschen, sich aber nicht verhalten wie Menschen, nicht reden wie Menschen, nicht denken wie Menschen. Sie sind die Sachwalter unserer Panik.

Und das, was sie sagen, ist ja auch immer schrecklich: Kriege, Massaker, Krisen, Entführungen, Missbrauch. Irgendwer muss mal entschieden haben, dass das Nachrichten sind, das tragische Unglück neben der Parlamentsdebatte: Es herrscht im Grunde der permanente Notstand.

Die Aufgabe der Nachrichten ist es nun, diesen Notstand einerseits zu inszenieren und andererseits zu meistern: Die Kluft ist groß zwischen der offensichtlichen Irrationalität von vielem, worüber sie berichten, und der vorgeschobenen Objektivität, mit der sie das tun. Es herrscht, mit anderen Worten, eine große Diskrepanz zwischen dem, was sie sagen, und dem, wie sie es sagen. Genau um diese Diskrepanz geht es.

Ein Zittern auf der Oberfläche der Dinge

Sie ist das merkwürdige Machtmittel dieser Art von Nachrichten, bei denen es nicht um das Neue geht, sondern um das Alte, das Erwartbare, das Immergleiche - den steten Strom von Kriegen und Katastrophen. Sie sind ein Ritual, diese Nachrichten, sie sollen Ruhe schaffen, was auf widersinnige Weise gerade durch die Aneinanderreihung von möglichst viel Unglück geschieht.

Wir gondeln am Rande der Rationalität, sagen diese Nachrichten, und wenn wir nicht aufpassen, reißt alles auf, bricht alles ein, endet die Welt, wie wir sie kennen. Dagegen setzen sie ihr Weltbild der Neutralität, was natürlich auch nur eine Ideologie ist wie alle anderen, dieser Gleichmut, mit der hier noch das Schlimmste verkündet wird: Objektivität, Schimäre der Moderne.

Vertrauen geht da in jedem Fall vor Veränderung - als ob sich die Bürger fürchten müssten, wenn sie die Wahrheit erfahren. Aber was wäre denn diese Wahrheit? Im Fernsehen haben sie eine einfache Antwort: Die Wahrheit ist, wenn ein Politiker aus einem Auto steigt, in Brüssel oder in Berlin zum Beispiel, wenn er mit ernstem Gesicht und am besten mit ein paar Akten unter dem Arm auf die Kameras zugeht und ein paar Worte sagt. Die Wahrheit ist ein Zittern auf der Oberfläche der Dinge.

Es ist eine weitgehend geschlossene Geschichte, die da präsentiert wird mit der größtmöglichen Autorität - gerade bei der "Tagesschau", die fast schon einschüchtert: Der Zuschauer weiß nicht genau, was für eine Geschichte da erzählt wird, er kennt den Anfang nicht und auch nicht das Ende, er versucht, ein paar Worte und Wendungen zu verstehen, aber vor allem nimmt er die geschlossene Form wahr, die ihn in die Passivität drängt und in die Rolle des Rezipienten.

Wahrheit auf Wahrheit prallen lassen

Wenn der Bundespräsident also sagt, die Bundeskanzlerin müsse ihre Politik besser erklären jetzt in der Krise, klarmachen, was sie will für Deutschland und Europa, dann ist das natürlich einerseits richtig: Er meint damit vor allem Merkel, er meint sicher auch sich, er meint aber auch die Medien, die besser erklären müssen, die eine Erzählung finden müssen für das, was gerade passiert. Aber die Herausforderung speziell für die Medien besteht in diesem Fall ja darin, dass sie diese komplexe Geschichte so erzählen müssen, dass die Widersprüche deutlich werden. Eine Geschichte also mit vielen Brüchen und vielen Perspektiven.

Im Grunde müssen sie Wahrheit auf Wahrheit prallen lassen, weil ja gerade diese Krise gezeigt hat, dass weder die Wahrheiten der Ökonomen noch der Politiker Bestand haben. Aber was machen speziell die Fernsehnachrichten? Sie türmen Zahlen auf Zahlen, sie zeigen Rationalität simulierende Diagramme von Geldströmen, sie verwenden Worte wie Rettungsschirm, die ihnen von der Politik vorgesagt werden, sie reden immer mit den gleichen Leuten, sie sind starr fixiert auf Politiker, obwohl die doch gerade reagieren und nicht agieren - diese Nachrichten denken viel zu sehr in der Logik derer, über die sie berichten.

Warum gibt es eigentlich nicht ganz andere Nachrichten, auf 3sat zum Beispiel, das ja nicht auch noch die "Tagesschau" zeigen müsste? Warum dürfen dort nicht all die Praktikanten und die Redakteure, die noch nicht so verbraucht sind vom Alltag in den Sendeanstalten, die eine Sprache verwenden, die noch nicht tetraverpackt ist, warum dürfen die nicht mit ein paar Millionen der GEZ-Milliarden eine Nachrichtensendung machen, die so ist wie die Krise, über die sie berichten: überraschend, krass, verunsichernd, polarisierend, meinungsstark, subjektiv. Mit anderen Stimmen, weniger Katastrophen, mehr echten, bleibenden Veränderungen, gern auch mal aufrüttelnd, positiv, vorwärtsgedacht. Mit anderen Gewichtungen also und Beiträgen, die nicht daraus bestehen, dass die Anmoderation schon das sagt, was im Beitrag zu Bildern noch mal gesagt wird, bevor sich ein Journalist vor den Reichstag stellt und das Gleiche noch mal mit unwesentlich anderen Worten sagt: die Dreieinfältigkeit des heutigen Nachrichten-Einmaleins.

Keine Staatstreue bitte

Gerade hier, wenn die Journalisten selbst kommentieren oder einschätzen sollen, zeigt sich ja, wie wenig nachgedacht wird. Und wenn man dann noch Politiker hat, die alle dasselbe sagen, kommt eben nur konformistischer Brei heraus. "Scheitert der Euro, scheitert Europa", das hat doch wirklich in dieser Woche auch noch der Grüne Volker Beck gesagt, als vor dem Bundesverfassungsgericht begonnen wurde mit der Prüfung, ob der ESM mit dem Grundgesetz vereinbar ist - die gleichen Worte wie die Kanzlerin.

"Staatstreue Opposition" hat das Gerhard Schröder genannt, der Ex-Kanzler, der schon so seltsam vergessen ist, in einem Fernsehinterview diese Woche mit dem Bayerischen Rundfunk, vor idyllischer Seekulisse. Es war ein gutes und angenehmes Interview, weil da jemand saß, der ein bisschen nachdachte, bevor er antwortete, dem man seine Schlitzohrigkeit immer noch ansieht, der immer noch von Eitelkeit und Machtwillen erfüllt ist, der das wenigstens zeigt, der natürlich entspannter über die Dinge urteilen kann - er kriegt ja auch Geld von Gazprom -, der aber vor allem zeigte, dass man mit anderen Worten über diese Krise reden kann, als das sonst gerade so geschieht.

Gaucks Mahnung traf also alle: Wenn die Macht schon schweigt, und wenn wir eine erstarrte, staatstreue Opposition haben, sollten die Nachrichten wenigstens nicht staatstreu sein.

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