S.P.O.N. - Der Kritiker Und wieder die alte Geschichte

Da ist es wieder: das Bild des hässlichen Deutschen. Die Franzosen misstrauen uns, die Polen sowieso, und auf Zypern trägt Merkel ein Hitlerbärtchen. Dabei waren wir doch schon weiter in der Erzählung eines gemeinsamen Europas, viel weiter.

Deutschland, dieser Elefant in Mittellage, schaut sich um, schaut nach links und nach rechts, nach oben, nach unten, schaut nach Westen und Osten, in den Norden und in den Süden, und wundert sich: Ja, hört das denn nie auf?

Merkel in SS-Uniform, daran haben wir uns gewöhnt, das ist der übliche Faschismus-Fasching, sollen die in Zypern doch ihren Spaß haben. Aber dass jetzt auch unsere beiden großen Nachbarvölker, die immer sehr bewunderten Franzosen und die immer sehr ignorierten Polen, wieder anfangen, das kann doch gar nicht wahr sein!

Sehen die denn gar nicht, dass wir nur das Gute wollen für Europa? Sehen die denn gar nicht, dass wir eine helle, freundliche, gütige Nation geworden sind und unsere wirtschaftliche Macht zum Nutzen aller einsetzen? Sehen die denn gar nicht, dass wir eine Politik machen, die im Stil manchmal an die Erziehung im Wilhelminismus erinnert: Sitz gerade, Sohn, iss mit Messer und Gabel, aber Ellenbogen vom Tisch - aber nur mit Ordnung und Anstand bringt man es doch zu etwas?

Wir haben doch unsere eigenen Ängste, das scheint die aber gar nicht zu interessieren, wir leiden doch auch sehr an unserer Geschichte - und dann fangen die schon wieder an, im Louvre zum Beispiel, mit dieser Ausstellung, die schon "Über Deutschland" heißt, als sei das nicht schon Provokation genug, über, über, über alles, wie oft haben wir das gehört, wie oft müssen wir das noch hören: Kein Wunder also und vollkommen unverständlich zugleich, wie die dann dazu kommen, das Bild Deutschlands, unser Bild, einzuschmelzen auf das übliche französische Vorurteil der dunklen, dräuenden Nation jenseits des Rheins, Waldbewohner, Baumanbeter, Romantiker.

Und auf der anderen Seite die Polen, sie beschweren sich, dass sie beim bewegenden deutschen Selbstfindungsakt "Unsere Mütter, unsere Väter" nur die Schurkenrolle bekamen, als aufständische Antisemiten - und das ausgerechnet in diesen Tagen, am 19. April vor 70 Jahren war der Aufstand im Warschauer Ghetto, das wird groß erinnert, an diesem Freitag eröffnet auch das "Museum der Geschichte der Juden in Polen", es soll "atemberaubend" aussehen, schreibt die "Frankfurter Allgemeine", "Glas und schwingender Beton des 21. Jahrhunderts": Aber es nützt alles nichts, so scheint es, während woanders die Zukunft passiert, verheddert sich Europa immer mehr in seiner Geschichte.

Besser gesagt, es löst sich auf in seine unterschiedlichen Geschichten, es entledigt sich der alles überwölbenden euphorischen europäischen Erzählung, die nach vorne drängte und in der Zukunft die Rettung suchte vor der Vergangenheit, im etwas zu strahlenden Blau der EU-Fahne, in dieser unbekannten, abwesenden Stadt mit Namen Brüssel, in dieser einen, schönen Idee des friedlichen, prosperierenden Kontinents - und nun schlackern die Geschichten wieder etwas unordentlich herum, die Franzosen, die sich spiegeln in den Deutschen und die vor allem sich selbst sehen, die Polen, die sich fürchten vor den Deutschen und die vor allem ihre Angst sehen.

Diese Geschichten bestimmen auf einmal wieder die Realität, diese Geschichten schieben sich vor, sie ersetzen manchmal sogar eine Realität, die gerade vor allem aus Zahlen, Prozenten, Milliarden, EWS, Hilfspaketen und seltsamen Umfragen besteht, über den kleinen Wohlstand der Deutschen und den großen Wohlstand der Zyprer - all das sind lose Enden, die auf einen Erzählstrang warten.

Und deshalb ist zur Zeit auch so viel vom "Narrativ" die Rede, Merkels Narrativ für Europa, das fehlt, Steinbrücks Narrativ für die SPD, das fehlt, eine Geschichte, die einen Anfang hat und einen Mittelteil und ein Ende, die Akteure hat, Gute und Böse, und einen Konflikt, der sie vorantreibt, am besten einen, der schließlich auch gelöst wird: Das ist das Versprechen des Narrativs.

Im Narrativ liegt die Hoffnung

Die Politik, die sich in Funktionszwängen erschöpft und an technokratischen Schwierigkeiten zu zerschellen droht, braucht dieses Geschichtenerzählen heute als Ersatz für eine Perspektive, die gerade nicht in Sicht ist. Die Idee hat sich abgenutzt, die Vision hat sich verbraucht, die Zukunft ist erlahmt. Es ist eine Art "linguistic turn" im Politischen - im Narrativ lassen sich die Konflikte unserer Tage erkennen und beschreiben, im Narrativ, so die Hoffnung, sieht die nackte Politik ein wenig besser aus.

Aber dieses Narrativ lässt sich ja nicht so einfach herstellen: Genauer gesagt, es fehlt, auf der rechten wie auf der linken Seite, der Neoliberalismus ist es nicht mehr und auch nicht das Versprechen von Freiheit und Wohlstand, es ist aber eben auch nicht der Gewerkschaftskampf und das Ringen um Gerechtigkeit - auch deshalb wünscht sich etwa jemand wie Slavoj Žižek "eine Thatcher der Linken", wie er in einem Nachruf auf die eiserne Revolutionärin schrieb, jemanden, der mit einer großen Geste "alle Annahmen umdreht, die die politische Elite heute teilt".

Aber einstweilen sind es eben die alten Geschichten, die uns wieder beschäftigen in Europa, weil ein überzeugendes Narrativ fehlt, eines des Zusammenhalts, des Friedens, des Wohlstands. Es sind die alten Daten, die uns umtreiben: Deutsche Kunst bis 1939 wird im Louvre gezeigt, und deutsche Kritiker reagierten verärgert, weil gar kein Kunstwerk von 1939 zu sehen ist - wenn man den Krieg, der folgte, mal ausnimmt.

Wir dachten, das sei endgültig mal vorbei. Wir dachten, wir könnten uns jetzt um unsere eigenen Wunden kümmern. Wir haben uns geirrt. Wir sollten uns nicht wundern.

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