Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Wir müssen den Hass verstehen lernen

Die Verbrechen des "Islamischen Staats" zwingen uns zu einer unangenehmen Selbstbefragung: Wie viel Freiheit, Gerechtigkeit und Fortschritt haben wir als Westen eigentlich dem Terror entgegenzusetzen?
Der Westen grenzt sich ab: Flüchtlinge am Rande eines Golfplatzes in der spanischen Enklave Melilla

Der Westen grenzt sich ab: Flüchtlinge am Rande eines Golfplatzes in der spanischen Enklave Melilla

Foto: STRINGER/ REUTERS

Es gibt einen blinden Fleck im Reden über Terror, Angst und IS, und das ist der Hass auf den Westen, den der Westen nicht verstehen will.

"Dass viele junge Menschen, die in Europa und Deutschland sozialisiert worden sind, die etwas von Menschenwürde und von Achtung und Respekt gelernt haben sollten, sich so schnell radikalisieren und dann das Leben anderer und ihr eigenes Leben wegwerfen", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière, "das ist eine unvorstellbare Aktion".

Warum aber "unvorstellbar", ein merkwürdiges Wort, es ist ja passiert, gerade diese Woche, der Attentäter von Ottawa, die drei jungen Frauen aus den USA auf dem Weg nach Syrien zu IS; und es wird wieder passieren.

Und ein paar der möglichen Erklärungen hat de Maizière auch gleich selbst benannt: Menschenwürde, Achtung und Respekt kann man eventuell nicht so gut "lernen", wenn man sie nicht erlebt, weil man sich unwillkommen, ausgegrenzt, an den Rand gedrängt fühlt.

Das passiert in westlichen Gesellschaften nicht nur mit Einwanderern und Flüchtlingen, die fremd bleiben und mit Misstrauen beladen werden und die in Fussballstadien gepfercht werden und über Maschendrahtzäune klettern in Melilla oder im Mittelmeer ertrinken.

Das passiert global, wenn der "Rest der Welt" dazu da ist, sich nach den Interessen des Westens zu richten, und wenn diese Interessen es wollen, dann werden eben Länder zerstört, Diktaturen unterstützt, Volksgruppen geopfert, wie aktuell und historisch besonders gern die Kurden.

Christopher Hitchens hat ein paar von diesen Geschichten gesammelt, sein Buch hieß zwar "Die Akte Kissinger", es geht darin aber nicht nur um den ehemaligen amerikanischen Außenminister und seine Schuld an Massakern in Vietnam, Chile oder Bangladesch und eben an den Kurden - es geht vor allem um die Struktur von Willkür und Ausbeutung, die ein wesentliches Element der westlichen Politik war und ist.

Das meint auch der Mann vom IS, den Hasnain Kazim für SPIEGEL ONLINE interviewt hat, wenn er sagt: "Wer hat die Welt erobert und versucht, alle fremden Kulturen und Religionen zu unterwerfen? Die Geschichte des Kolonialismus ist lang und blutig. Und sie dauert bis heute an, in Form von Arroganz des Westens gegenüber allen anderen."

Und bei all seiner sonstigen theofaschistischen Propaganda, in diesem Punkt kann man ihm nicht wirklich widersprechen.

Der Kampf um die Moderne wird auch in New York geführt

Der Westen, das ist seine Art und seine Begründung, geht davon aus, dass er das historische Recht auf seiner Seite hat: Der Fortschritt ist sein Versprechen, die Freiheit ist sein Wesen.

Die Realität schaut etwas anders aus - und angesichts der so grundsätzlichen Konfrontation mit den Feinden der Moderne wäre gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, auch für Politiker wie de Maizière, das Verhältnis von den Versprechen und den Verbrechen des Westens in ein richtiges Maß zu bringen.

Oder kann man das nicht erwarten? Politiker, die nachdenken, bevor sie reden? Journalismus, der aufklärt, statt Angst zu machen?

Sie würden den Westen trotzdem hassen, die Attentäter und Amokläufer, die Hassprediger und Homophoben, Frauenfeinde und Freiheitsfeinde - aber aus den richtigen, also den falschen Gründen.

Denn was der Westen ist und sein soll, das wird jeden Tag neu entschieden - in New York etwa, wo gerade heftig gestritten wird über die Oper "Der Tod von Klinghoffer" und die Frage, ob einer der Sänger in seiner Rolle als palästinensischer Terrorist seinen Antisemitismus äußern und erklären darf, warum er den Juden Klinghoffer umbrachte.

Oder in Paris, wo der US-amerikanische Künstler Paul McCarthy auf der Place Vendôme eine riesige grüne Aufblaskulptur aufstellte, die manche für einen Spielzeugbaum hielten und manche für einen butt plug - ich zumindest wusste bislang nicht, was das ist, ein Analstöpsel also, anscheinend ein Sexspielzeug, das jedenfalls den christlichen Fundamentalisten geläufig ist, die erst gegen das Kunstwerk protestierten und ihm schließlich die Luft abließen.

Ach ja, und der chinesische Präsident Xi hat gerade verkündet, dass in seinem Land keine "seltsame Architektur" mehr gebaut werden soll, womit er Hochhäuser in der Form von Donuts meinte und auch die spektakulären Knickbauten von Rem Koolhaas.

So sind unsere Zeiten.

Freiheit des Denkens, des Ausdrucks, der Kunst wird immer gehasst werden, weil sie anstrengend ist und kompliziert, weil sie verstört und vielleicht tatsächlich beleidigt, weil man das aushalten muss, sonst verdient man die Freiheit auch nicht.

Kann es wirklich sein, dass wir den IS brauchen, um das zu klären?