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11. September 2015, 14:14 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Durch Gefühle ändert sich nichts

Eine Kolumne von

Es droht ein schrecklicher Herbst: Das gefühlsduselige Palaver zur Flüchtlingsfrage hat Überhand gewonnen. Dabei brauchen wir vor allem eine Neugründung Deutschlands aus dem Geist eines ernsthaften Multikulturalismus.

Die Ergriffenheit der Menschen von sich selbst macht auch und gerade vor Journalisten nicht halt. Aber was sollen diese Emotionen überhaupt, diese rhetorischen Wärmedecken unserer Zeit?

Ist die Reaktion der Deutschen auf die Flüchtlingskrise wirklich ein Zeichen für "Die Macht der Gefühle", wie die aktuelle Ausgabe der "Zeit" meint - oder war das nicht eher die Zeile fürs nächste Frühjahr und das neue Verliebtsein?

Ist die "Verteddybärisierung der Flüchtlinge" durch Kerner und das Fernsehen generell, wie Arno Frank es nennt, wirklich unausweichlich - oder finden die Öffentlich-Rechtlichen doch wieder zu etwas passenderer Rationalität zurück?

Aber andererseits: Was kann man von Sendern überhaupt erwarten, die schon Talkshows über Genderfragen wiederholen, weil sie da irgendwelche Befindlichkeiten verletzt haben, was doch auch irgendwie der Zweck des Ganzen war?

Anders gefragt: Ist dieses Land intellektuell reif und erwachsen, bereit für die Fragen, die die Flüchtlinge mit sich bringen?

Auf den Thilo Sarrazin etwa sollte man dabei auf jeden Fall verzichten, den biologistischen Springteufel, den man zur Flüchtlingsfrage nun wirklich nicht hätte interviewen müssen. In der "Zeit" darf er aber auf einer ganzen Seite giften, als spiele es außer für AfD-Wähler und rechte Rabauken eine Rolle, was er sagt; es war hoffentlich für lange Zeit das letzte Mal.

Denn was bringt es, wenn sich der Lego-Stratege Sarrazin vorstellt, er würde jedes Flüchtlingsschiff auf dem Mittelmeer "aufbringen" und "die Insassen an exakt dem Punkt an der afrikanischen Küste absetzen, wo sie gestartet sind, und das Boot zerstören. Sie können sicher sein: Nach sechs Wochen bricht keiner mehr auf, und es wird auch keine toten Bootsflüchtlinge mehr geben."

Äh, genau, Käpt'n Blaubart. Außerdem würde er gern die Chinesische Mauer an der EU-Außengrenze neu aufbauen.

Palavern statt Pragmatismus

Was ungefähr so hilfreich ist wie das, was von der CSU zu hören ist, den Grobmechanikern der Flüchtlingskrise, für die Abschieben nach Action klingt oder nach ADAC, jedenfalls nach Anpacken, frei nach dem Motto: Fort, die tun was! Da kann man auch gleich Kim Jong Un zu den Vorteilen der Reisefreiheit befragen.

Es droht, mit anderen Worten, ein schrecklicher Herbst, wenn der Pragmatismus wieder dem Palavern weichen sollte - dabei ist tatsächlich ein großes gesellschaftliches Gespräch darüber nötig, wer wir sein wollen, 2015 ff., eine Art Neugründung dieses Landes aus dem Geist der Flüchtlingsfrage.

Slavoj Zizek, der Schein-Stalinist und Überraschungspragmatiker dieser Tage, hat damit schon mal angefangen. Er hat ein paar Prämissen für einen erwachsenen, ernsthaften Multikulturalismus formuliert - denn es werden Wertediskussionen auf uns zukommen, die nicht mehr auf dem Kasperl-Niveau etwa der "Neger"-Debatte der vergangenen Jahre funktionieren.

"Keine Tolerenz für religiöse, sexistische oder ethnische Gewalt auf irgendeiner Seite", schreibt Zizek, "kein Recht, anderen die eigene Lebensweise oder Religion aufzuzwingen, Respekt für die Freiheit jeder Person, die Gebräuche ihrer Gemeinschaft abzulegen. Wenn eine Frau sich entscheidet, ihr Gesicht zu verhüllen, muss diese Entscheidung respektiert werden; wenn sie sich entscheidet, ihr Gesicht nicht zu verhüllen, muss auch diese Freiheit garantiert werden."

Gefühle, die Probleme vernebeln

Es ist eben gerade nicht die Stunde der Emotionen - Gefühle sind das Gegenteil von Politik, Gefühle vernebeln Probleme und Ursachen, Gefühle sind der Brei einer Gegenwart, die in sich selbst versinkt.

Und auch das immer noch und immer wieder erstaunliche Engagement so vieler Menschen lässt sich nicht auf "Gefühle" reduzieren. Auf Gefühlen kann man nichts bauen, mit Gefühlen kann man keine Zivilgesellschaft neu denken, durch Gefühle ändert sich nichts.

Aber es wird sich viel ändern, das steht fest, im Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat, der Bürger untereinander, es werden die Grundlagen der liberalen Demokratie nicht neu bewertet, aber klar benannt werden - die Werte eben, aus denen erst die Freiheit entsteht, die die Flüchtlinge kommen lässt.

Und es wird sich schon auch, da ist Zizek entschieden, wieder und wieder die Frage danach stellen, wie geeignet oder "alternativlos" tatsächlich der real-existierende Kapitalismus ist, mit den Problemen dieser Zeit umzugehen.

Das ist mehr als ein Gefühl.

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