Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Das Zombie-Gesicht des Kapitalismus

Seit den Achtzigern war Kunst das ideologische Pendant des Kapitalismus - sie enteignete uns ästhetisch, moralisch, finanziell. Aktuelle Internet-Kunst, die nur die Krise kennt, ist hingegen der gelebte Crash. Und macht sogar noch Laune.

Ich habe die Zukunft der Gegenwartskunst gesehen. Sie ist zu Ende: Eine Kunst, die nichts weiter sein wollte als die ästhetische Umsetzung der herrschenden Leere, die Epoche dieser Kunst ist vorbei.

Diese Kunst, die das ideologische Pendant eines allumfassenden und alles verschluckenden Kapitalismus war, der mit der Konterrevolution von Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den Jahren 1980 und 1981 begann.

Diese Kunst, die ihre Gegenwart zum eigentlichen Kriterium machte, etwas, das extra betont werden musste, was ein Widerspruch in sich ist, denn jede Kunst, die in einer bestimmten Zeit entsteht, ist ja erstmal automatisch Gegenwartskunst.

Diese Kunst ohne Richtung, ohne Vorstellung von Morgen, ohne Perspektive und Zukunft und Wut und Utopie, eine Aufgebekunst, eine Ergebenheitskunst, eine Kunst, die die ästhetischen Fragen durch finanzielle Überlegungen ersetzte, weil der Wert eines Kunstwerks sein Wert war.

Kunst hat sich systematisch ihrer eigenen Bedeutung beraubt

Das war der performative Zirkelschluss, der einige Sammler und Galeristen sehr reich machte, aber gleichzeitig zu einer gähnenden Leere führte, von Messe zu Messe, es war eine Spekulationskunst für den Spekulationskapitalismus, eine Kunst, die sich systematisch ihrer eigenen Bedeutung beraubte.

Die Museen, schreibt David Joselit in seinem Buch "After Art", "sind Teil einer riesigen Geldwäscheoperation: Sie verwandeln Finanzkapital in kulturelles Kapital und bauen der Geldgier eine demokratische Fassade - und alles steuerfrei!"

Und es ist ja nicht so, als ob das nicht alle gewusst hätten, die in Miami oder Venedig tanzen und trinken - es war ihnen nur egal, solange die Partys rauschend waren und man das Gefühl hatte, irgendwo dabei zu sein, wo die Gegenwart war.

Es war aber ein Irrtum. Man war nur Zeuge, wie man selbst enteignet wurde, ästhetisch, moralisch, finanziell, man feierte fröhlich als Publikum der eigenen Erniedrigung. Diese Farce musste notwendigerweise an ein Ende gelangen.

Die Kunst nun, die danach kommt, die Kunst, wie sie etwa gerade auf der aufregenden New York Triennale gezeigt wird oder in der Ausstellung "nature after nature" im Kassler Fridericianum, diese Kunst, die in der Krise entstanden ist und die Krise als einzige Gegenwart kennt - diese Kunst vermag es endlich wieder, den Kapitalismus von seinem Ende her zu denken.

Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz

Und das ist ja, erstmal theoretisch, eine wichtige Voraussetzung, dem engen Gehege der Gegenwart zu entkommen: Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, er ist nicht die einzige mögliche menschliche Ordnung, er ist historisch eine extrem kontingente Erscheinung - und die Kunst, die das nicht erkennen will, ist im Grunde mehr Komplize als alles andere, eine reaktionäre Pop-Bordüre.

Der amerikanische Historiker Steven Fraser hat das gerade in seinem Buch "The Age of Acquiescence" beschrieben: Er vergleicht die Reichtumsexplosion in den USA von 1877 ff. mit der Reichtumsexplosion von Silicon Valley et cetera, die beide zu extremen gesellschaftlichen Ungleichheiten führten - im damaligen Fall gab es Proteste, Gewerkschaften, Veränderung. Im heutigen Fall gibt es Ruhe, Ruhe, Ruhe.

Der Unterschied: Im ersten "Goldenen Zeitalter", wie es Mark Twain nannte, war der Kapitalismus noch neu, er war in seiner kreativen, aber auch zerstörerischen Wirkung noch deutlicher erkennbar, es gab eine Erinnerung an eine Zeit ohne Kapitalismus und damit einen für das Denken entscheidenden Freiraum.

Heute dagegen, und da schließt sich der Kreis zur Gegenwartskunst, heute ist Veränderung gar keine Kategorie mehr - dieser Zukunftsfuror, diese Umsturzlust, die das Zeichen jeder Avantgarde war, ihr eigentlicher Grund.

Aber Veränderung, ästhetisch und politisch, das Pathos des Neuen, der Schock des Unmittelbaren, die Wahrheit, die darin liegt, die Scherben der Väter vom Boden aufzukehren und einfach wegzuschmeißen - die Beschleunigung des Denkens und der Verhältnisse, der gelebte Crash also, all das steckt in der sehr akzelerationistischen Post-Internet-Art, wie sie in New York und Kassel zu sehen ist.

Sie ist posthuman, diese Kunst, sogar inhuman, sie ist Kunst aus dem Internet, mit einer technizistischen Logik und damit näher dran an unserer Zeit als eine Kunst, die das Zombie-Gesicht des Kapitalismus nur wieder und wieder bunt anmalt.

Und sie macht, bei all dem Katastrophen-Rap, sogar richtig gute Laune.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.