Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Moskau verstehen, Kiew verraten

Wie viel ist Europa die Freiheit wert, die auf dem Maidan erkämpft wurde? Nicht sehr viel. Europas Politiker und Prominente arbeiten eher an der Abschaffung der Revolution - und damit an der Abschaffung der Realität.

Eines haben sie geschafft, am Ende dieses aufregenden Jahres 2014, all die Hobby-Metternichs und Appeaseniks, all die schmerzfreien Superstrategen und autoritätsaffinen Anbeter der Macht: Es redet niemand mehr über die Ukraine.

Es redet niemand mehr, präziser gesagt, über das, was genau stattgefunden hat: Eine Revolution der Bürger, die ein Beispiel hätte sein können für Europa.

Sie wollten Freiheit und Würde, in Kiew, Lwiw und anderswo: Ist das gut oder schlecht, liebe Bundesminister a. D., Bundeskanzler a. D., Bundespräsidenten a. D., liebe AdorfBrandauerJörgesKüppersbuschWenders, die ihr alle einen Aufruf unterzeichnet habt, der mit keinem Wort erwähnt, wofür die Menschen in der Ukraine ihr Leben riskiert haben?

Ich würde sagen, dass das gut ist, Freiheit und Würde, ich würde sagen, dass das zwar keine speziell europäischen Werte sind, eher Menschenrechte, die allerdings eine europäische Wurzel haben.

Keine Hoffnung, kein Aufbruch

Und in einer Zeit, in der die europäischen Institutionen krachen und die europäischen Prinzipien durch Troika und Frontex und von Lampedusa bis zur Pegida-Town Dresden in Frage gestellt werden - in so einer Zeit hätte der Maidan auch zum Symbol einer neuen zivilgesellschaftlichen Gründung Europas werden können.

Aber statt von Aufbruch und Hoffnung redete der Rest Europas rasch von Angst und Krieg - sie ahnten das schon, die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, als ich in der ersten Hälfte des Jahres 2014 zweimal dort war, sie ahnten schon, dass sie sich auf Europa nicht verlassen konnten, sie ahnten, dass sie von Europa verraten werden würden.

Es war deshalb noch einmal besonders bitter zu lesen, wie Deutschland und die EU die Gespräche mit dem damaligen Präsidenten Janukowytsch verpfuscht haben, die Amateurhaftigkeit, Naivität und Siegesgewissheit, die Disneyfizierung der Menschenrechte durch das mechanische Wiederholen des Wortes Tymoschenko, Tymoschenko, Tymoschenko durch Angela Merkel.

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Der SPIEGEL hat dieses systemische und intellektuelle Versagen eindrucksvoll dokumentiert - das ändert aber nichts daran, dass der Mut, der auf dem Maidan bewiesen wurde, die Sehnsucht, die in den Straßen Kiews zu spüren war, die Frage nach Gerechtigkeit und dem guten Leben konstituierend sein könnten und sollten für das Europa von heute.

Und es gehört zur Schizophrenie unserer Tage, dass im Jahr 25 nach der freiheitlichen Revolution in Deutschland das freiheitliche Aufbegehren in der Ukraine von zum Teil genau den Leuten ignoriert oder sogar verneint wird, die 1989 mit den gleichen Absichten ein Regime zu Fall gebracht haben.

Aber sie reden lieber über Russland und darüber, dass man dieses Land eben verstehen müsse, seit Wochen, seit Monaten schon, Frauen wie Gabriele Krone-Schmalz oder Männer wie Matthias Platzeck - im Ton der Kälte und Selbstgerechtigkeit, für die man sich jeden Tag direkt in der Ukraine entschuldigen will.

Sie arbeiten damit an der Abschaffung einer Revolution. Sie arbeiten an der Abschaffung einer Realität.

Und das war ja der Plan.

All das Gerede vom Krieg in den Köpfen, all das Geraune davon, dass faschistische Horden das Wesen des Maidan ausmachen und nicht die freiheitsliebenden Lehrer, Studenten, Angestellten, Arbeiter, Künstler: All das hat funktioniert.

Sie haben getrommelt, als hätten sie selbst dran geglaubt, was sie immer und immer wiederholt haben und was der Kurzschluss der Weltkriegsfurchtnostalgie der Jahreszahlen war: 1914 = 2014 - und in der Kriegspanik ist die Freiheitshoffnung untergegangen. Das Ergebnis ist eine Ödnis der Herzen, die leider gerade EU-typisch ist, eine Trägheit ohne Neugier, was auch mit der Übernervosität der digitalen Netzwerke zu tun hat. Reine Absage an fast alles, was uns ausmacht.

Was würde denn zum Beispiel in Berlin passieren, wenn der Alexanderplatz besetzt wäre? Wer würde hier in der Früh mit zwei Thermoskannen Kaffee und 36 Donuts vorbeischauen, um die Protestierenden zu unterstützen, bevor er in seine Rechtsanwaltskanzlei fährt? Wer würde mittags aus der Charité herüber kommen, und ein paar Verwundete verbinden? Wer würde nachmittags nach der Kita ein paar Decken und warme Suppe bringen?

Wer würde es überhaupt aushalten, dass die Gewalt herrscht, mitten in der Stadt?

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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