S.P.O.N. - Der Kritiker Moskau verstehen, Kiew verraten

Wie viel ist Europa die Freiheit wert, die auf dem Maidan erkämpft wurde? Nicht sehr viel. Europas Politiker und Prominente arbeiten eher an der Abschaffung der Revolution - und damit an der Abschaffung der Realität.

Eine Kolumne von


Eines haben sie geschafft, am Ende dieses aufregenden Jahres 2014, all die Hobby-Metternichs und Appeaseniks, all die schmerzfreien Superstrategen und autoritätsaffinen Anbeter der Macht: Es redet niemand mehr über die Ukraine.

Es redet niemand mehr, präziser gesagt, über das, was genau stattgefunden hat: Eine Revolution der Bürger, die ein Beispiel hätte sein können für Europa.

Sie wollten Freiheit und Würde, in Kiew, Lwiw und anderswo: Ist das gut oder schlecht, liebe Bundesminister a. D., Bundeskanzler a. D., Bundespräsidenten a. D., liebe AdorfBrandauerJörgesKüppersbuschWenders, die ihr alle einen Aufruf unterzeichnet habt, der mit keinem Wort erwähnt, wofür die Menschen in der Ukraine ihr Leben riskiert haben?

Ich würde sagen, dass das gut ist, Freiheit und Würde, ich würde sagen, dass das zwar keine speziell europäischen Werte sind, eher Menschenrechte, die allerdings eine europäische Wurzel haben.

Keine Hoffnung, kein Aufbruch

Und in einer Zeit, in der die europäischen Institutionen krachen und die europäischen Prinzipien durch Troika und Frontex und von Lampedusa bis zur Pegida-Town Dresden in Frage gestellt werden - in so einer Zeit hätte der Maidan auch zum Symbol einer neuen zivilgesellschaftlichen Gründung Europas werden können.

Aber statt von Aufbruch und Hoffnung redete der Rest Europas rasch von Angst und Krieg - sie ahnten das schon, die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, als ich in der ersten Hälfte des Jahres 2014 zweimal dort war, sie ahnten schon, dass sie sich auf Europa nicht verlassen konnten, sie ahnten, dass sie von Europa verraten werden würden.

Es war deshalb noch einmal besonders bitter zu lesen, wie Deutschland und die EU die Gespräche mit dem damaligen Präsidenten Janukowytsch verpfuscht haben, die Amateurhaftigkeit, Naivität und Siegesgewissheit, die Disneyfizierung der Menschenrechte durch das mechanische Wiederholen des Wortes Tymoschenko, Tymoschenko, Tymoschenko durch Angela Merkel.

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Der SPIEGEL hat dieses systemische und intellektuelle Versagen eindrucksvoll dokumentiert - das ändert aber nichts daran, dass der Mut, der auf dem Maidan bewiesen wurde, die Sehnsucht, die in den Straßen Kiews zu spüren war, die Frage nach Gerechtigkeit und dem guten Leben konstituierend sein könnten und sollten für das Europa von heute.

Und es gehört zur Schizophrenie unserer Tage, dass im Jahr 25 nach der freiheitlichen Revolution in Deutschland das freiheitliche Aufbegehren in der Ukraine von zum Teil genau den Leuten ignoriert oder sogar verneint wird, die 1989 mit den gleichen Absichten ein Regime zu Fall gebracht haben.

Aber sie reden lieber über Russland und darüber, dass man dieses Land eben verstehen müsse, seit Wochen, seit Monaten schon, Frauen wie Gabriele Krone-Schmalz oder Männer wie Matthias Platzeck - im Ton der Kälte und Selbstgerechtigkeit, für die man sich jeden Tag direkt in der Ukraine entschuldigen will.

Sie arbeiten damit an der Abschaffung einer Revolution. Sie arbeiten an der Abschaffung einer Realität.

Und das war ja der Plan.

All das Gerede vom Krieg in den Köpfen, all das Geraune davon, dass faschistische Horden das Wesen des Maidan ausmachen und nicht die freiheitsliebenden Lehrer, Studenten, Angestellten, Arbeiter, Künstler: All das hat funktioniert.

Sie haben getrommelt, als hätten sie selbst dran geglaubt, was sie immer und immer wiederholt haben und was der Kurzschluss der Weltkriegsfurchtnostalgie der Jahreszahlen war: 1914 = 2014 - und in der Kriegspanik ist die Freiheitshoffnung untergegangen. Das Ergebnis ist eine Ödnis der Herzen, die leider gerade EU-typisch ist, eine Trägheit ohne Neugier, was auch mit der Übernervosität der digitalen Netzwerke zu tun hat. Reine Absage an fast alles, was uns ausmacht.

Was würde denn zum Beispiel in Berlin passieren, wenn der Alexanderplatz besetzt wäre? Wer würde hier in der Früh mit zwei Thermoskannen Kaffee und 36 Donuts vorbeischauen, um die Protestierenden zu unterstützen, bevor er in seine Rechtsanwaltskanzlei fährt? Wer würde mittags aus der Charité herüber kommen, und ein paar Verwundete verbinden? Wer würde nachmittags nach der Kita ein paar Decken und warme Suppe bringen?

Wer würde es überhaupt aushalten, dass die Gewalt herrscht, mitten in der Stadt?

insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
kilroy-was-here 12.12.2014
1. es redet niemand mehr über die Ukraine
es redet niemand mehr über die Ukraine. "Und das ist gut so" (copyright Wowereit). Freiheit wie sie im Westen verstanden wird kann man nicht über Nacht ertrotzen noch bestellen. Das ist ein Entwicklungsprozess den sich die Ukraine stellen muss...
kleinbürger 12.12.2014
2. tradition
es ist seit dem mittelalter gute alte deutsch-russische tradition sich über die köpfer der zwischen ihnen liegenden völker zu verständigen und einflussphären abzustecken, gegebenfalls wurden diese dann überfallen, zerstückelt oder einfach hin und her geschoben. die befindlichkeiten dieser völker zählen nicht wenn es um deutsche interesse geht die einen ausgleich mit russland geht, egon bahr oder gabriele krone-schmalz habe in dieser beziehung in diversen talk-shows unglaubliche ignorantes zum besten gegeben. um einen moralischen unterbau zu schaffen arbeitet man seit monaten daran die ukrainische revolution als neo-nazi-revolte in den dreck zu treten - leider mit erfolg.
angst+money 12.12.2014
3.
Deutschland und seine selbsternannte "Friedensbewegung" geben dieser Tage wirklich ein peinliches Bild ab.
jkl21 12.12.2014
4. Leider ist ein Jahr vergangen
und viele Seiten haben schwere Fehler begangen. Nun ist nicht der richtige Zeitpunkt Einzelschuldfragen zu klären. Sondern es ist an der Zeit wieder zueinander zu finden. Dabei müssen wohl,alle über Ihren Schatten Springen. Aber wie sagt ein altes Sprichwort " Der Klügere gibt nach". Was hier heißt konstruktive Angebote machen. Die Bevölkerung mit nehmen und nicht mit Sanktionen, Waffen, Versorgungsbeschneidungen usw. zu drohen. Wir können aber auch weiter auf den Fehlern der anderen herumhacken bis zur Eskalation. Für eine gerechte Sache würden sich auch hier in Berlin noch einige vernünftige Leute finden,,diese zu unterstützen. Aber sitzen denn in der Ukraine jetzt wirklich die Lehrer und Advokaten an der Spitze für die die einfachen Menschen gekämpft haben.
noalk 12.12.2014
5. Werter Herr Diez,
ihre Worte in Ehren, aber ignorieren Sie da nicht die eine Tatsache: Die Maidan-Demonstrierer waren eben nicht das Sprachrohr alle Ukrainer. Das hat man im Westen leider nicht zur Kenntnis nehmen wollen und dann einfach den Mund zu weit aufgemacht und damit Erwartungen geschürt, die danach nicht erfüllt werden konnten.
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