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22. Juni 2012, 12:57 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Staatsfernsehen mit Merkel und Löw

Eine Kolumne von

Usedom ist überall: Nicht nur bei der Fußball-WM, auch in ihren Nachrichtensendungen haben sich ARD und ZDF von jeglicher Analyse verabschiedet. Eine Mischung aus schwülstigem Populismus und Anbiederung führt zu kritikloser Berichterstattung.

Heute Abend ist es wieder so weit. Ich werde von A eine wütende SMS nach der anderen bekommen, B wird seinen Ärger im Chat auf WhatsApp abladen, und C wird einfach anrufen und brüllen: Ich fasse es nicht, diese Idioten machen das ganze Spiel kaputt!

Was ist da passiert? Und wann hat das angefangen? Dass Fußballkommentatoren nur sagen, was alle sehen, und wenn alle etwas sehen, sagen sie nichts. Dass sie Spiele nicht analysieren, sondern abbilden. Dass sie Worte in die Luft werfen und warten, bis sie wieder runterfallen, was dazu führt, dass die Sätze wie auf einem Kartoffelacker herumrumpeln.

Sie reden Spiele in Grund und Boden, wie neulich bei Deutschland gegen Dänemark, ein Tor nur, alles hängt an einem seidenen Faden, presste der Kommentator heraus, mit einer dieser seltsam geschmacksverstärkten Stimmen, ein Wort ist da nicht nur ein Wort, ein Wort ist ein Wort-Wort, der Name "Schweinsteiger" wird zu einer existentiellen Etüde, eine Schwere, ein Schmerz fast ergreift die Stimme - was besonders störend ist, weil sie das ja alles nur aus dramaturgischen Gründen machen, jede Negativität ist hier affirmativ gemeint. ARD und ZDF, das hat Christopher Keil in der "Süddeutschen Zeitung" ganz gut beschrieben, haben sich von ihrem journalistischen Auftrag ja längst verabschiedet, wenn es um Fußball geht: Aber nur, wenn es um Fußball geht?

Deutsche Tore, deutsches Geld

Wenn man ehrlich ist, dann ist die Fußballberichterstattung über die EM nicht viel schlechter als die Politikberichterstattung von ARD und ZDF über die Euro-Krise. "Die deutsche Bundeskanzlerin steht wie ein Fels in der Brandung", sagte neulich der schreckliche Udo van Kampen mit einem röhrenden Tremolo in der Stimme, ganz ergriffen von der eigenen Bedeutung in diesem historischen Spiel: "Das deutsche Portemonnaie bleibt zu."

Da ist kein großer Unterschied mehr zu einem Interview mit Jogi Löw, das mit der Frage beginnt: "Herr Löw, sehr viel besser kann man nicht spielen." Es ist eine Mischung aus Populismus und Anbiederung, ein opportunistisches Hinschleimen an die Macht, eine Angst um die eigene Position und ein Mitlaufen, wenn es ans Siegen geht. "Die anderen wollen das deutsche Geld", auch so ein Satz aus der Tagesschau, die Teil wird des Triumphalismus-TV, das Tobias Rüther neulich bei der EM gesehen hat - aber Usedom ist überall, die Mischung aus Provinzialität und Größenwahn, mit der das ZDF sein Nichtssagerduo Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn auf eine riesige Bühne mitten in die Ostsee gesetzt hat, ist ziemlich symptomatisch für die Art, wie das Fernsehen heute die Welt zeigt.

Auch Politik wird weniger analysiert als abgebildet, auch bei "Tagesschau" und "Heute" hat man sich vor einiger Zeit entschieden, ganz auf die Rationalität der Macht zu setzen, man hat sich darauf geeinigt, dass das, was Politiker sagen, im Zweifelsfall schon wichtig genug ist, um uns damit zu langweilen - schlimm genug ist es, dauernd Cem Özdemir oder Volker Kauder zu hören, schlimmer ist es aber noch, das dann noch mal von Ulrich Deppendorf mit den gleichen Worten zu hören.

Verbeugung vor Merkel

Was hier passiert, ist eine Verdoppelung der Worte und damit der Wirklichkeit, das Gleiche wird als das Gleiche gezeigt, was nur bedeutet, dass es keine andere Möglichkeit gibt, keine andere Meinung, kein anderes Denken außerhalb der Funktionalität der Apparate. Das ist Staatsfernsehen, nichts anderes, und es ist eine Verbeugung vor Angela Merkel und ihrer Art, die Welt zu sehen: "alternativlos", so hat sie das genannt, ein harmloses, ein gefährliches Wort, weil es eine Weltsicht birgt, die jede Utopie vernichtet. Und eine Lüge, die sich selbst auffrisst, denn wenn etwas "alternativlos" ist, bedeutet das auch das Ende von Politik, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass sie gestaltet und Alternativen aufzeigt.

Mein Kollege Dirk Kurbjuweit hat neulich bemerkt, dass die deutschen Fußballer bei den Pressekonferenzen immer wieder "sehr sehr" sagen, meistens ist irgendwas "sehr sehr gut", manchmal ist man auch nur "sehr sehr zufrieden". Das französische Theoriekollektiv Tiqqun nennt das in ihrem gerade erschienenen Buch "Anleitung zum Bürgerkrieg" eine "positive Anthropologie": "Bilder von Glück, volle, wohlbekannte Sensationen, sanfte Worte, glatte Oberflächen, vertraute Gefühle, selbstbezogene Innerlichkeiten, kurz: die Narkose im Kilopack, und vor allem: kein Krieg, vor allem, kein Krieg."

Dann lieber der Sexismus des Waldemar Hartmann.

Die positive Anthropologie, die uns sagt, was das ist, "ein Mensch", dieses System aus Euphorie und Enge, dient letztlich, sagen Tiqqun, allein der Macht, dem Erhalt einer Wirklichkeit, die als einzig mögliche denkbar ist. Aber auch dafür sind die Fußballspiele der EM gut: Man kann mal anschauen und analysieren, wie schludrig hier mit Wirklichkeit umgegangen wird - sie wird einfach verdoppelt und damit abgeschafft.

Ein wenig erinnert das an den alten Slogan von Sat.1, die irgendwann anfingen, den Film-Film zu zeigen. Heute ist alles Sehr-Sehr. Regiert werden wir von Merkel-Merkel. Wir leben in einer Demokratie-Demokratie. Und bezahlen mit dem Euro-Euro. Wenn nicht die Krise-Krise alles verschlingt. Aber dann war es ja alternativlos.

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