S.P.O.N. - Der Kritiker Melodien, die aus Trümmern aufsteigen

Die nuller Jahre waren das verlorene Jahrzehnt der Popmusik. Die beiden Künstler Gonzales und Cat Power haben trotzdem große, wahrhaftige Songs veröffentlicht. Nun bringen sie neue Alben heraus - und erzählen davon, wie wir wurden, was wir sind.

Eine Kolumne von


Es muss so um das Jahr 2004 herum gewesen sein, als wir alle noch nicht wussten, dass wir in den Zeiten der Angst lebten, obwohl es schon passiert war: Da spielte der schlanke und schlecht gelaunte - so schien es jedenfalls, wenn man sein Gesicht lesen wollte, das sich nicht entscheiden konnte, ob es angespannt war oder nur müde -, da spielte also der Musiker Gonzales, der sich wie so ungefähr jeder kluge Künstler des Westens nach Berlin geflüchtet hatte, im wirklich sehr schönen Apollo-Saal der Staatsoper Unter den Linden Klavier.

Es war ein heiliges Konzert, Gonzales saß wie versunken da und tat einfach so, als sei er Satie und könne die Töne so in der Welt verteilen, wie die Sterne oben am Himmel stehen. Die Klänge waren karg, die Stücke waren gegen ihren Willen melodisch und von fast spiritueller Schönheit. Es war ein musikalischer Minimalismus, der auch moralisch aufgeladen war - da war jemand, der eine Schuld spürte, die nicht seine war und im Grunde doch: Weil er Zeitgenosse war. Es war der verzweifelte Versuch, seine Freiheit zu behaupten. Gonzales hatte etwas von einem Desperado.

Ich war mit Maxim da, er war wie immer auf der Suche nach den schönen Frauen, ich war wie immer auf der Suche nach dem wahren Leben. Andras und Jörn waren unsere Freunde, sie veranstalteten diese Abende, einmal im Monat Elektro-Musik in der Oper, einmal im Monat Gegenwart in der Museumskulisse, einmal im Monat junge Menschen mit Sehnsucht, Wut und Geschmack an diesem toten Ort, diesem ästhetischen Nirwana. Alle kamen, weil es die Zeit war, in der alle kamen, Andras und Jörn machten dann Karriere, weil es die Zeit war, in der alle Karriere machten.

Dem Tod, nicht aber dem Leben nähergekommen?

Es ging uns gut - obwohl die Welt in Trümmern lag. Wir wussten das nicht. Gonzales wusste es. Er versuchte, es uns zu sagen, durch seine Musik, an diesem Abend, und mit seinem Album, "Solo Piano", das ebenfalls 2004 erschien - da war aus dem schnellen, verbrecherischen Krieg, den George W. Bush gegen den Irak geführt hatte, längst eine Agonie geworden, die uns begleitet und betrifft, weil wir Zeitgenossen sind.

Und wenn jetzt "Solo Piano II" erscheint, acht Jahre später, dann markiert das etwas, in diesen Septembertagen, dann kann man am ersten Album hören, wie das Echo der Anschläge von New York schon alle Sicherheiten zerschlagen hat, obwohl die Musik uns Schönheit und Ruhe versprach - und am zweiten Album kann man hören, wie sich Gonzales, wie wir uns immer noch nicht richtig von dem Schock damals erholt haben.

Wie die zwei Türme des World Trade Centers ragt diese II da auf. Das verlorene Jahrzehnt mit seinen schizophrenen Konsequenzen findet auf diesem Album seinen Nachklang, seine musikalische Form: Da tritt jemand auf der Stelle, da sucht jemand in dem Wenigen, dem er vertraut, nach Zeichen von Verlässlichkeit, und endet doch immer wieder bei sich. "Escher" heißt einer der Songs, repetitiv erst und dann heiter bis leicht hysterisch, und so läuft auch Gonzales umher, da ist diese Treppe, die langsam anzusteigen scheint, da scheint ein Weg aus der Malaise, der Stagnation, dem Dilemma, doch nach vier Treppen ist er wieder dort, wo er losgelaufen war. Und weil das auch unsere Geschichte ist, die Geschichte unserer Zeit, ist es so bestürzend, diese Songs zu hören, "White Keys", "Nero's Nocturne", "Othello", "Tarantelle", "Amnesiac": Dass wir nicht mehr jung sind, wusste ich - dass wir aber dem Tod, nicht aber dem Leben näher gekommen sind?

Der Soundtrack dieser Jahre hatte, im Nachhinein, immer etwas Verhuschtes, etwas Weichgezeichnetes, Abgefedertes, Weltabgewandtes - Gonzales gehörte dazu, eher für die Spezialisten, Cat Power gehörte dazu, die ich bis heute oft mit Feist verwechsle, mit der wiederum Gonzales zusammengearbeitet hat. Auch von Cat Power gibt es gerade ein neues Album, es heißt schlicht "Sun" und geht einen anderen Weg, nach vorne, jedenfalls von Cat Power aus betrachtet, aber welcher andere Wegweiser bleibt uns auch als wir selbst: Und so rennt sie, rennt sie sich selbst davon, "Cherokee" heißt das erste Lied, "marry me, marry me to the sky" singt sie, sie holt sich selbst ein und überholt sich - auch in dieser guten Laune liegt die Einsicht, dass jeder vernünftige Mensch verzweifeln muss, aber vielleicht erst morgen.

"If I die before my time bury me upside down", das ist ihr Chorus, das ist der Wahnsinn, der unser Alltag ist. Ihre Musik kann man immer noch in den Läden von "American Apparel" hören, wenn man dort nach Hotpants oder Kinderunterhemden sucht, ihre Musik weiß aber auch um das Problem, in einem Milieu und in einer Zeit gefangen zu sein - Cat Powers Triumph ist es, dass sie ihre Müdigkeit, ihre Traurigkeit umwandelt, dass sie ausbricht, obwohl sie weiß, dass das nicht geht: "3, 6, 9", singt sie, "you feel just fine" - und selbst "Always on My Own" ist eine stolze Hymne auf einen Individualismus, der sich seiner Opfer bewusst ist.

Man könnte nun sagen, dass Gonzales wehleidig ist und Cat Power kämpft, aber darum geht es eigentlich bei den beiden Alben gar nicht - es geht darum, dass hier schön und klar und mehr oder weniger zufällig nah an dem verdammten 11. September ein Moment markiert wird, was ja selten genug der Fall ist. Wer will, kann hier in einem Spiegel sehen, wie wir wurden, was wir sind.



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Seite 1
Spiegelkritikus 07.09.2012
1. Das verlorene Jahrzehnt?
Zitat von sysopDie nuller Jahre waren das verlorene Jahrzehnt der Popmusik. Die beiden Künstler Gonzales und Cat Power haben trotzdem große, wahrhaftige Songs veröffentlicht. Nun bringen sie neue Alben heraus - und erzählen davon, wie wir wurden, was wir sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,854482,00.html
Damit diese Kolumne von Herrn Diez nicht gänzlich verhungert, hier mein Kommentar. Eine nette, durchaus subjektive Rezension zur Musik zweier Künstler, die den meisten unbekannt sein dürften. Nun hätte der geneigte Leser dennoch gern erfahren, was Herr Diez denn denkt, was wir sind. A propos "wir": die Deutschen, die Europäer, die Amis, die Chinesen oder etwa alle Weltbürger? Der 11. September 2001 war in der Tat ein schlimmer Tag, von dem, was er auslöste, ganz zu schweigen. Aber ein verlorenes Jahrzehnt der Popmusik? Die Welt drehte sich weiter, Musik wurde produziert und verkauft in einer schnellebigen, vergesslichen Gesellschaft, während im Irak und Afghanistan die Kriege der selbsternannten Gerechten und Guten geführt wurden. Doch furchtbare Kriege gab es vor diesem Jahrzeht und wird es wohl leider auch in Zukunft geben. Die gesamte bisherige Menschheitsgeschichte ist eine Blutspur, die ab und an von weißen Flecken unterbrochen wird. Übrigens passt der Vergleich mit dem Sternenhimmel weniger zu Satie, sondern zur 12-Ton- und Clustermusik eines Stockhausen.
kuhno van oyten 08.09.2012
2.
Zitat von SpiegelkritikusDamit diese Kolumne von Herrn Diez nicht gänzlich verhungert, hier mein Kommentar. Eine nette, durchaus subjektive Rezension zur Musik zweier Künstler, die den meisten unbekannt sein dürften. Nun hätte der geneigte Leser dennoch gern erfahren, was Herr Diez denn denkt, was wir sind. A propos "wir": die Deutschen, die Europäer, die Amis, die Chinesen oder etwa alle Weltbürger? Der 11. September 2001 war in der Tat ein schlimmer Tag, von dem, was er auslöste, ganz zu schweigen. Aber ein verlorenes Jahrzehnt der Popmusik? Die Welt drehte sich weiter, Musik wurde produziert und verkauft in einer schnellebigen, vergesslichen Gesellschaft, während im Irak und Afghanistan die Kriege der selbsternannten Gerechten und Guten geführt wurden. Doch furchtbare Kriege gab es vor diesem Jahrzeht und wird es wohl leider auch in Zukunft geben. Die gesamte bisherige Menschheitsgeschichte ist eine Blutspur, die ab und an von weißen Flecken unterbrochen wird. Übrigens passt der Vergleich mit dem Sternenhimmel weniger zu Satie, sondern zur 12-Ton- und Clustermusik eines Stockhausen.
Wie mein Vorredner verstehe ich nicht ganz, ob Herr Diez ein Kulturkritiker mit einer politischen Meinung sein will oder ein politisch denkender Mensch mit einem Hang zur Kultur? Wie dem auch sei: es gibt genügend Musiker, die sich von 9/11 nicht im Geringsten haben beeindrucken lassen, Beispiele aus der neueren Zeit wären: Dream Theater, die Dave Matthews Band oder (mein Geheimtip) Alberta Cross.
malibueightyfive 08.09.2012
3. Milieustudie
Herr Diez "weiß aber auch um das Problem, in einem Milieu und in einer Zeit gefangen zu sein". Ich kenne zwar dieses Milieu, das ein wenig verkrampft in allen großen oder mittelgroßen Städten der westlichen Hemisphäre (mit seinem Epizentrum Berlin) doch so gerne die Avantgarde abgeben würde, poststrukturalistische Theorie liest, die Beatniks wiederentdeckt, dabei Arcade Fire hört und vor lauter Melancholie und Ironie nicht ein oder aus weiß. Doch ich schaue mir diesen Mikrokosmos lieber aus der Ferne an und amüsiere mich immer wieder über die Nabelschauen des Herrn Diez. Wie dieser Kontrast zwischen empfundener Virtualität im eigenen Leben und bezeugter Rohheit in den Werken der Moderne (und ja: da schließe ich die Beatniks mit ein) einen wahnsinnig machen muss. Liebe postmodernen Melancholiker: Geht raus in das Leben, gebt eure von Mama und Papa subvensionierten Kulturstudien auf und schaut euch um! Gefangen im Milieu, ja, besser kann man es nicht ausdrücken. Und auch der Hinweis, dass der einzige Ausweg für die meisten dieses Milieus die Karriere zu sein scheint, sagt vieles über die Menschen dieses Milieus aus. Danke für diese bestätigenden Einsichten, Herr Diez.
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