S.P.O.N. - Der Kritiker Bloß nicht die Hände schmutzig machen!

Mit Müdigkeit und Mutlosigkeit wird in den deutschen Kulturteilen Leben und Werk des Joseph Beuys verhandelt. Eigentlich wäre es an der Zeit, Beuys neu anzuschauen und frühere Urteile zu überprüfen - doch lieber werden die Augen verschlossen. Denn alles soll so bleiben, wie es ist.
Künstler Beuys: Eine "zutiefst deutsche Figur"?

Künstler Beuys: Eine "zutiefst deutsche Figur"?

Foto: AFP

Wann hat das eigentlich begonnen, das große Beschwichtigen, das Glattbügeln, das Zudecken, dieses gesamtgesellschaftliche Ach-was-ach-wirklich-ist-mir-doch-egal?!

Wer ist daran schuld, wer hat daran ein Interesse? Und wie noch mal genau wurde das Feuilleton zur Konsensmaschine?

Ist denn nicht Wachheit die Grundtugend des Geistes? Ist denn nicht Streit das Wesen des Intellekts? Ist denn nicht ein Argument das Schönste, was man sich denken kann, man kann es drehen und wenden, man kann es auf den Boden werfen und schauen, ob es bricht oder hält, man kann es auffangen und zurückwerfen, man kann es von hinten schleudern oder dem Gegenüber direkt ins Gesicht, all das sagt ja eine Menge aus über den Charakter.

Aber: Da herrscht Müdigkeit und Mutlosigkeit, da soll alles bleiben, wie es ist, da will jeder seine Ruhe, da hat das Ressentiment das Argument ersetzt. Es ist die ästhetische Fortsetzung des Merkelianismus, es ist das geistige Pendant zur politischen Lethargie. Die Abschaffung des Streits.

Beuys anschauen und ein paar Urteile überprüfen

Da erscheint zum Beispiel eine Biografie über Joseph Beuys, Held ohne Grund, einfach erst mal Held durch Anwesenheit, der Name bekannter als das Werk, das Werk bekannt nur in Klischees, die Klischees beliebig in diese oder jene Richtung zu drehen: Schamane, Okkultist, Großkünstler, Politonkel, Spaßmacher, Ernstmacher, Opernstar der deutschen Gegenwart und Geschichte, Verflüssiger, Verfestiger, Bastler der eigenen Legenden, Lügner, Hutträger, Grünen-Macher, Warhol-Kumpel, Steiner-Depp - einfach mal Zeit, Beuys anzuschauen und ein paar Urteile zu überprüfen.

Und was passiert? Die Rezensenten schütteln sich wie nasse Hunde, die aus dem Wasser kommen. Beuys der Esoteriker mit den rechten Gönnern, der Kriegsromantiker, der ewige Frontkämpfer? Das sind nur "ein paar Fakten oder Betrachtungen", so nennt das die Kunstkritikerin der "Süddeutschen Zeitung", "die von der Kunstgeschichte", dieser alten Tante, "bestenfalls als Fußnoten notiert werden müssen" - was so hochmütig wie abfällig wie läppisch ist: Die Biografie wird unter Phrasen begraben - und Beuys gleich mit.

Oder die "Zeit", wo der Autor die "ultimative Attacke" des Beuys-Biografen HP Riegel darin sieht, dass er Beuys als "zutiefst deutsche Figur" zeichnet, die "allzu gerne mit alten Nazis zusammenarbeitete und von ihnen gefördert wurde": "Hier ergibt die Kompilation aus Altbekanntem und neuen Einsichten in der Tat Beklemmendes", schreibt der Autor, belässt es aber dabei, weigert sich, eine Verbindung zum Werk herzustellen, weigert sich das Werk darauf zu überprüfen, das sei ein "grotesk eindimensionales Verständnis von Kunst".

Oder die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", wo der Literaturchef den SPIEGEL, der den kritischen Ton der Biografie übernommen hatte, erst mal als "Redaktion der Früherkennung für schlimme Wörter" beschimpft, ohne dass irgendwie klar wird, was damit gemeint sein soll - und der sich dann daran macht, mit grünspießiger Gewissenhaftigkeit die "Wunde", die Beuys selbst sein wollte, wieder zuzunähen, und sich im Anekdotischen verplempert.

Exzesse der Erkenntnislosigkeit

Aber das kann doch nicht Sinn der Sache sein. Einerseits immer mal wieder diese Exzesse der Erkenntnislosigkeit: Wow, echt, die deutschen Soldaten an der Ostfront waren Mörder und Schweine? Und anderseits dieses Schulterzucken: Geh weider mit dem alten Nazi-Schmäh, wir haben das schon so oft gehört, der Beuys jetzt auch, ach was? So holt man sicher keine Leser hinter dem digitalen Ofen hervor. Der Holocaust als notwendiges Opfer zur Weiterentwicklung der Menschheit? "Auch diese in der Tat unerträgliche Lesart des Holocaust hat nicht erst Riegel entdeckt", heißt es in der "Zeit", "er übernimmt sie aus älteren Quellen".

Ach so? Ja und? Das ist der beliebte Was-ist-daran-neu-Trick, mit dem gerade auch 200 Jahre Richard Wagner passend gemacht wurden. Bruder Wagner, sind wir nicht alle dunkel in unserem Herzen, wer frei ist von Schund, der werfe den ersten Speer: Kunst der Überwältigung, der Auslöschung und der Selbstaufgabe, Kunst als Sekte oder Kunst als Offenheit, Kunst als eigenes Reich oder Kunst als Welt - sie feiern fast automatisch den Todes-Komponisten wie den Wagner-Kumpel Beuys.

Dabei könnten sie es machen wie Beuys selbst. Man nimmt den einen Beuys-Satz, auf den alles hinausläuft: "Wer den Tod nicht kennt, weiß nicht, was Denken ist!" Und schneidet damit den Beuys-Hasen auf. Wühlt mit den Händen in den Eingeweiden, das ist schmutzig, das ist nicht schön, da ist das Herz, vielleicht schlägt es noch, da ist die Galle, weg damit, da ist viel Blut und die Hände sind rot davon, aber so ist das, wenn man sich für die Gedärme von Hasen interessiert.

Beuys, der sich freiwillig zur "Hitlerarmee" gemeldet hat, aus einem "Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität mit meinen Altersgenossen"? Beuys, der Hamsun-Verehrer? Beuys, für den Auschwitz eine Metapher war. Beuys, der die Riesenkluft, die sich im Nachkriegsdeutschland zwischen Aufklärung und Untergang auftat, ausfüllen wollte - und sich dabei immer für den Untergang entschieden hätte? Alles nur "Mutmaßungen", wie die "Zeit" meint?

Ich hätte es gern gehabt, wenn sich jemand die Hände schmutzig gemacht hätte. Wenn jemand erklärt hätte, was die Missverständnisse des grünen Denkens waren, wie die Dissonanzen ins ökologische Gedudel kamen, was der Unterschied ist zwischen fernöstlicher Spiritualität und dem groben Waberkult, in den sich Beuys hüllte, warum jetzt plötzlich Bienenvölker der letzte Schrei sind, warum Gegenwelten aus Filz besonders faszinierend sind für Leute, die sich sonst eher für die Marke ihrer Turnschuhe interessieren, was das Moderne, Postmoderne, Metamoderne, das Wahre und Weise, das Gegenwärtige oder Gestrige ist, was, ganz schlicht, die Faszination, die Ambivalenz, das eigene Unbehagen ausmacht an diesem Werk.

Es geht ja nicht darum, keine Sorge, liebe Apologeten, Beuys gleich hinzuhängen. Es geht erst mal darum, Beuys anzuschauen. So viel Streit muss sein.

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