S.P.O.N. - Der Kritiker Irre Spiele

Wer sprintet am schnellsten? Wer springt am weitesten? Nach gängiger Meinung gibt es Olympia, um uns solche Fragen zu beantworten. Vielleicht geht es aber auch darum: Die Spiele sollen uns den Wahn der Welt vorführen. Der großartige Autor Iain Sinclair weiß darüber mehr.

Ich finde ja, die Welt ist nicht ganz leicht zu verstehen. Olympia zum Beispiel. Irgendwie ist es mir egal, wie sie schwimmen, werfen, rennen. Und irgendwie finde ich es gut, dass sie das tun: schwimmen, werfen, rennen. Irgendwie ist es mir egal, dass sie dopen. Und irgendwie finde ich es doch nicht so toll, wie sie London in eine Festung verwandeln. Und irgendwie ist das natürlich auch wieder total okay, weniger Diktatur als beim letzten Mal in Peking, dafür mehr Militär, weil das eben die Zeiten sind, in denen wir leben. Bei Olympia zeigt sich nur deutlicher als sonst: Der Kapitalismus führt auch kein friedliches Regime.

Kampfjets also über London, und die Sicherheitsfirma, die 400 Millionen Dollar bekommen hat und es nicht schafft, genug Sicherheitsleute herbeizuschaffen, die qualifiziert sind und Englisch sprechen. Ich finde solche Sachen ja interessanter als die Frage, ob die Deutschen nach 76 Jahren mal wieder eine Medaille im Turnen gewonnen haben - zuletzt also 1936, aber das will offensichtlich niemand sagen, das waren ja die bösen Spiele, Hitlers Spiele, der gute Marcel Nguyen kann da nichts dafür.

Allgemeine Verwirrung auf der Oberfläche der Dinge - hat der ARD-Reitexperte wirklich gesagt, "seit 2008 wird zurückgeritten"? Und haben sich auch wirklich alle ordentlich aufgeregt? Ist ja auch schlimm, und dann noch für unsere guten GEZ-Gebühren! Aber vielleicht ist Olympia ja genau dafür da: Es geht nicht darum zu zeigen, wer der Schnellste, Beste et cetera ist, sondern darum, den Wahn unserer Welt mal zur besten Sendezeit vorzuführen.

Ich habe so was ja schon geahnt, als ich damals, vor zwei Jahren, mit dem Schriftsteller Iain Sinclair um die Baustelle des Olympiastadions gelaufen bin, wo früher, sagte er, eine Uhrenfabrik war, weshalb der Boden jetzt arg verstrahlt ist. Im Stadtteil Hackney also, das vom "Zeit"-Magazin ein Problemviertel genannt wird. Sinclair, der freundliche Mann mit der Schirmmütze, würde einfach sagen, es ist das Viertel, in dem er lebt, weil er es verpasst hat, wegzuziehen. Und weil es ihm sein Haus übel nehmen würde, wenn er ginge.

"Hobbyismus läuft Amok"

Warum aber machen Journalisten so was? Dinge zu schreiben, die so auch in einer Pressemitteilung des IOC stehen könnten? Das Hackney, das Iain Sinclair zeigte, war kein "Problemviertel", was auch immer das sein soll. Wer sagt denn, was ein Problem ist und was Normalität? Sinclair jedenfalls war gegen Olympia, er lief immer wieder um das neue Stadion herum, um dadurch zu verhindern, dass Olympia kommt und sich sein Hackney so verändert, dass er und all die anderen, die hier bislang lebten, gehen müssen.

Was Hackney ist, hat er in seinem wunderbaren Buch "London Orbital" beschrieben. Und auch das ganze Durcheinander von Alltag und Wandel: "Wenn sie anfangen, Croissants zu verkaufen und jamaikanisches Huhn, und wenn sie Schilder aufstellen, die einem sagen, dass man auf einem Radweg geht, dann ist das das erste Zeichen, dass ein Viertel vor die Hunde geht."

Was ein wenig nach dem üblichen Gentrifizierungsgejammer klingt, aber doch anders ist, weil Sinclair erst einmal Beobachter ist, Teilnehmer an dem großen Versuchsprojekt "Kapitalismus für das 21. Jahrhundert": "Mehr und mehr in Hackney wird verbessert - das heißt, weniger und weniger ist für Fußgänger zugänglich. Der Weg am Kanal entlang ist versperrt, weil dort authentische viktorianische Eisengeländer angebracht werden können. Öffentliches Geld für private Projekte, Hobbyismus läuft Amok."

Geschrieben hat er das Buch vor zehn Jahren. Es ist eine Beschreibung von Olympia vor Olympia: Amok-Hobbyismus, das ist natürlich die beste Definition für Olympia - und dass Sinclair seiner Zeit voraus war, hat damit zu tun, dass er als Schriftsteller immer auch Seher und Schamane ist. Seine Methode sind seine Wanderungen durch eine wildgewordene Wirklichkeit, er nennt das Psychogeografie, den Walk etwa, den er entlang der Londoner Ringautobahn M25 machte und den er in "London Orbital" beschreibt - ein Buch, das die Zeitschrift "Monocle" (man nimmt Orientierung heute ja, wo man sie kriegt) zu den zehn unerlässlichen Büchern für jede anständige Bibliothek zählt. Ein Buch episch wie ein Roman, klug wie ein Essay, reich wie eine Enzyklopädie.

An dem Tag, als wir in Hackney unterwegs waren, wurde die Dämmerung erleuchtet von den gelbstrahlenden Westen, die die Gurkhas trugen, die man engagiert hatte, um die Baustelle zu bewachen. Beeindruckende Gestalten, Elitesoldaten aus Indien, dem ehemaligen Empire als Hilfstruppen geschickt. Und um alte Größe zu simulieren: Krieger aus der Vergangenheit wandelten um diesen Ort der Zukunft wie die Untoten des olympischen Gedankens.

Manchmal ist die entstellte Wirklichkeit eben die, die am klarsten ist. Gerade ist in England ein Film in die Kinos gekommen, in dem Iain Sinclair in einem großen Schwanenboot durch Hackneys Kanäle paddelt - "Swandown" heißt das Werk, eine Art "Fitzcarraldo" für die Vorstädte: Im Absurden zeigt die Vernunft ihr Gesicht. Auch das ist Olympia.

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