S.P.O.N. - Der Kritiker Aufgeblasener Protest

Sie klingen vage und humorlos, sie verbreiten Angst: Die 1500 Unterzeichner des Aufrufs "Wir sind die Urheber" arbeiten mit dem Mittel der platten Vereinfachung. Die alte Kultur-Elite macht die Piratenpartei zum Sündenbock - dabei sollte sie ihr besser dankbar sein.

1500 Autoren protestieren. Aber diese 1500 Autoren protestieren nicht gegen die Verletzung der Menschenrechte in China. Diese 1500 Autoren protestieren nicht gegen die Demokratievernichtungsmaschine EU. Und diese 1500 Autoren protestieren auch nicht gegen eine Wirtschafts- und Wachstumspolitik, die die Welt in den Untergang treibt, wie es gerade der Club of Rome beschrieben hat.

Nein, wenn 1500 Autoren protestieren, dann denken sie an ihr eigenes Frühstück. Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen. Die Frage ist nur, was das alles soll.

Denn an wen richtet sich dieser Aufruf, der mit einem Täterätä beginnt: "Wir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums"? Richtet er sich also an die Diebe, das wäre ja naheliegend. Aber die Diebe, die Diebe sind ja so schwer zu fassen, die Diebe sind du und ich, die Diebe will man auch nicht verschrecken, sie könnten ja am Ende doch mal ein Buch kaufen und nicht nur runterladen. Also richtet man sich lieber an die weite Welt, das große Nichts, ein ungefähres Gefühl.

"Mit Sorge und Unverständnis verfolgen wir als Autoren und Künstler die öffentlichen Angriffe auf das Urheberrecht", so heißt es reichlich vage in dem Text, den kein Autor oder Künstler in Umlauf gebracht hat ("Urheber", würde man heute sagen), sondern ausgerechnet ein Literaturagent. "Öffentliche Angriffe": Wo genau und wer greift an? Etwa schon wieder die Piraten, diese Acht-Prozent-Angst-Partei, die das Establishment schlottern macht, die die alte Elite um den Schlaf bringt, die man am liebsten attackiert, weil man ja sonst nicht weiß, wie oder wen man für dieses verdammte Internet und seine Probleme verantwortlich machen kann?

Wenn Literaten zu Lobbyisten werden

Es geht nicht um die reale Praxis des Downloadens, es geht um die symbolische Diskussion, die seit ein paar Monaten geführt wird - eine Diskussion, die deshalb so gespenstisch und hermetisch wirkt, weil es keinen Adressaten gibt und auch keinen Anlass.

Die "51 'Tatort'-Autoren", die im März schon mal einen ähnlichen "offenen Brief" geschrieben hatten - ausgerechnet "Tatort-Autoren", die ja nicht gerade zum Latte-Macchiato-Prekariat gehören, und ausgerechnet 51 davon -, diese "51 'Tatort'-Autoren" also haben damals wenigstens gesagt, an wen sie sich richten: "Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke".

Also in etwa die Parteien, die sie als kulturelles Milieu selbst wählen würden - nur dass sie hier mit einem Mal das Feindeslager bildeten: drei im Gegensatz zu CDU und SPD kleine Parteien, dreimal Opposition, drei Parteien, die nicht in der Regierung sind, die keine Macht haben, etwas zu verändern, die sich ein paar Gedanken machen und dafür ziemlich aufgeblasenen Protest ernten.

Ach, wäre es doch so einfach. Die "51 'Tatort'-Autoren" hatten sich auch noch an die "Netzgemeinde" gewandt, wer auch immer das sein soll, du und ich wahrscheinlich, jedes Mal, wenn wir den Computer zum Gottesdienst einschalten. Es war ein groteskes, trauriges Weltbild, das aus diesem "offenen Brief" sprach, die "51 'Tatort'-Autoren" warfen der "Netzgemeinde", also dir und mir, Demagogie vor, sie entlarvten, sagten sie, unsere Lebenslügen und verglichen das, was die Drehbuchautoren so machen, mit dem Angebot von Bus und Bahn - warum sonst sprachen sie am Ende von berechtigten Strafen gegen Schwarzfahrer?

Hohl und humorlos

Aber das passiert eben, wenn Künstler Klientelpolitik machen, wenn Literaten zu Lobbyisten werden: Sie klingen hohl und humorlos, sie verbreiten Angst und Vernebelung, wo ihr Geschäft doch die Aufklärung ist. "1500 Autoren gegen Gier und Geiz", so war die Schlagzeile zum neuesten Lobby-Coup hier auf SPIEGEL ONLINE - und wenn das mehr wie ein Protest gegen Media-Markt klingt als nach geistigem Leben, dann kann man das nicht den Redakteuren vorwerfen, die die Schlagzeile gemacht haben: "Gier" und "Geiz", das sind zwei Schlüsselworte aus dem Autoren-Aufruf, der die Wirklichkeit einigermaßen banalisiert.

Geht es um eine ethische Diskussion oder um eine politische? Wollen sich die Autoren für bessere Menschen engagieren oder für bessere Rechte? Aber selbst die Piraten, die ja gerade als Sündenbock für alles herhalten müssen, was sich technologisch, gesellschaftlich, ökonomisch ändert, diskutieren erst mal nur über eine Reform des Urheberrechts, sie bereiten also nicht das Ende der bürgerlichen Gesellschaft vor - und haben, auch wenn das manchmal so scheint, noch keine Mehrheit im Bundestag.

Woher kommt also diese Häme und diese Hetze? Wie kommt zum Beispiel jemand wie Henryk M. Broder dazu, so einen Unsinn zu schreiben: "Im Mittelalter blieben nur die Henker im Schutz der Anonymität, sie verrichteten ihren Job zwar öffentlich, aber mit einer Maske über dem Kopf. Heute wollen die Piraten unerkannt im Netz Urteile vollstrecken"?

Schon die Summe der Angriffe spricht inzwischen für die Piraten, schon die Schlichtheit der Vorwürfe. Die Piraten haben es geschafft, dass sich die Widersprüche und Unsicherheiten unserer Zeit eindrucksvoll offenbaren. Sie sind damit schon performativ eine Kraft der Aufklärung. Sie zeigen Fortschritt und Veränderung, ohne dass sie selbst Fortschritt und Veränderung sein müssen. Sie formulieren ein Problem, sie müssen deshalb noch keine Antwort haben, was natürlich für professionelle Antworthaber, die besonders gern "offene Briefe" und so weiter schreiben, schwer zu ertragen ist.

Und der "1500 Autoren"-Titel "Wir sind die Urheber"  zeigt ja, wie hier gedacht wird: Es ist eine Geste des Angstmachens und des Einschüchterns, eine Geste der Ab- und der Ausgrenzung. "Wir" wissen, wie es geht, "wir" schreiben Bücher und machen Kunst, "wir" sind nicht ihr. Das wirkt ein wenig wie früher auf dem Pausenhof: Klassenkeile für den Neuling und die Raucherecke nur für Oberstufenschüler.

Die "1500 Autoren" sind in eine Falle getappt, die sie sich selbst gestellt haben.