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Gerhard Richter: Zufall und Abstraktion

Foto: Oliver Berg/ dpa

Rätselhafter Gerhard Richter Rakeln und Orakeln

"Mit dem Rest sollen sich Analytiker beschäftigen": Gerhard Richter ist der teuerste deutsche Maler - und der, der am schwierigsten zu fassen ist. Eine Annäherung.

Gerhard Richter lässt alle hängen. Von Deutschlands bekanntestem und teuerstem Gegenwartskünstler werden jetzt neue und alte Bilder in Potsdam gezeigt, Werke aus den Sechzigerjahren bis heute. Doch zur Eröffnung der Schau "Abstraktion" entzieht sich Richter, 86, der Suche der Journalisten und Historiker. Wohlgesonnen aber wortkarg sitzt er in den barocken Räumen des Palais Barberini. Wenn er etwas sagt, redet er so leise, dass seine Worte trotz des Mikrofons verschwimmen, wie die Gegenstände in seinen Bildern. Tonaufnahmen macht er fast unmöglich.

Frage: Herr Richter, wie würden Sie ihre Haltung beschreiben, die sich durch ihr Werk zieht?

Richter: Ich male gern. Mit dem Rest sollen sich Analytiker beschäftigen.

Darauf kann er sich verlassen. Während Richter stets im Vagen bleibt, haben die Profis in Potsdam alle seine Schaffensphasen in etwa 90 Bildern erklärt. Die Schau zeigt seine Entwicklung von den schwarzweißen Fotobildern und Farbtafeln, die Übermalungen, später die großen Rakel-Gemälde, die Richter mit einem Riesenspachtel aus Plexiglas auf- und abschabte. Diese Technik der Farbschichtung zerstört mit jedem Auftrag das darunterliegende Motiv. Das Ergebnis ist dabei völlig offen.

Frage: Herr Richter, wann wissen Sie denn, dass ein abstraktes Bild fertig ist?

Richter: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist kein Denkvorgang. Es ist Malen.

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Gerhard Richter: Zufall und Abstraktion

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Doch zur Abstraktion kann Ortrud Westheider weiterhelfen, Direktorin des Museums Barberini. "Sein Werk kann als stetige Fortführung und Wandlung der Abstraktion begriffen werden", hakt sie ein.

Dabei ist nicht alles völlig ungegenständlich in Richters Werk, auch das zeigt die Ausstellung: In einigen Bildern finden sich Andeutungen von Landschaften, Farben deuten Horizont oder Natur an. In anderen Abstraktionen kann der Betrachter Gegenständliches durchschimmern sehen, weil Richter realistische Darstellungen übermalt hat. Die Farbschichtungen der Rakel-Bilder rufen durch ihre geschabten Muster Erinnerungen an Mauern hervor. 50 Jahre Kunstschaffen ergeben hier eine logische Entwicklung. Früher wurden Richter Unstetigkeit und fehlende Konsistenz vorgeworfen. Jetzt erscheint alles Sinn zu ergeben. Auch für den Künstler selbst.

Richter: Das ist schön geworden hier. An einige Bilder konnte ich mich schon gar nicht mehr erinnern.

Frage: Wenn Sie Ihre älteren Bilder sehen, fühlen Sie sich inspiriert, sich manchen Dingen wieder zuzuwenden?

Richter: Nö. Nur, dass ich mal wieder malen sollte.

Zerstören und revidieren

Negation, Unschärfe, Fertiges wieder zerstören, Gesagtes revidieren - das sind Richters Prinzipien. Seine riesigen, digital generierten Streifenbilder flimmern und verschwimmen vor den Augen des Betrachters. Ab 2013 ließ er Lackfarbe auf Glasplatten ineinanderfließen und nahm Abdrücke davon. Computerstreifen, expressiv verlaufene Lackschlieren, seine frühen Farbtafeln - schon immer regierte bei Richter auch der Zufall.

Frage: Wann sind Sie zu der Erkenntnis gelangt, dass der Zufall manchmal besser ist als Sie selbst?

Richter: Na ja, beim Malen habe ich das gemerkt. Mit der Rakel.

Zum Zufall haben die Richter-Analytiker natürlich noch viel mehr zu sagen. "Wir sprechen hier von einem geplanten, einem kontrollierten Zufall", übernimmt die Kuratorin Valerie Hortolani, es sei kein völlig freies Farbverspritzen wie bei Jackson Pollock, der Farbe aus einer aufgeschnürten Konservendose tropfen ließ. Richter lege die Regeln fest. Wie genau er das etwa bei der Gestaltung eines der Fenster des Kölner Doms gemacht habe, darüber werde ein Richter-Experte noch einen Vortrag halten, ergänzt Ortrud Westheider. In jüngster Zeit sei er zur großformatigen Malerei zurückgekehrt.

Frage: Herr Richter, was kennzeichnet denn Ihre neuesten Werke?

Richter: Das werden Sie ja gleich sehen.

Lebendige Pinselschrift

Wieder helfen die Experten weiter: Richter benutze neue Malwerkzeuge, Palettmesser kämen nun zum Einsatz statt der schweren Rakel, daher die lebendige Pinselschrift. Einigen der Bilder lägen Landschaften zugrunde, die Richter nach Fotovorlagen abmalte. Sie wirken bunt und beschwingt. Es scheint, als habe sich Richter endgültig dem Expressiv-Ungegenständlichen zugewandt.

Frage: Tritt das Figürliche bei Ihnen nun ganz in den Hintergrund und weicht dem Abstrakten - oder ist beides für Sie dasselbe?

Richter: Ich weiß nicht, warum das so ist. Irgendwann lässt das Interesse halt nach.

Frage: Woran arbeiten Sie denn zurzeit?

Richter: Gar nicht. Ich komme nicht dazu.

Schock! Der begehrteste Maler kommt nicht mehr zum Malen - ist das Bescheidenheit, oder Kalkül? Sollte sich herumsprechen, dass der Star nicht mehr malt, würden seine Bilder noch begehrter, sein Alterswerk noch schwindelerregendere Preise erzielen. Denn Richters Gemälde sind so extrem teuer, dass der Kunstmarkt vor jedem Bild in Ehrfurcht erstarrt, ganz egal, was darauf zu sehen ist. Bei Sotheby's bezahlte ein anonymer Bieter schon 2015 für ein Richter-Gemälde den Rekordpreis von 41 Millionen Euro.

Natürlich möchte man gern wissen, was es für das künstlerische Schaffen bedeutet, wenn sich Käufer alles aus den Händen reißen, sich Sammler sogar für noch nicht gemalte Werke bewerben. Ob es sich wie eine Last anfühlt, ob der Erfolg die Kreativität hemmt.

Frage: Was bedeutet es für Sie persönlich, Deutschlands bedeutendster Maler zu sein?

Richter: Schwierig. Aber das ist eben so. Gewöhnt man sich dran.


"Gerhard Richter. Abstraktion" (bis 31. Oktober), Museum Barberini  , Potsdam

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