Gerichts-TV Die vierte Instanz

Gerichtsshows machen dem täglichen Krawall-Talk erfolgreich Konkurrenz. Verhandelt werden fiktive Fälle, meist absurde Sexualdelikte. Die Urteile aber sprechen echte Richter, die als neue TV-Stars gefeiert werden und nur eines fürchten ­ die Rückkehr in den Justiz-Alltag.
Von Henryk M. Broder

Das Gericht tagt in einem Studio in Unterföhring bei München. Um neun Uhr empfängt Richter Alexander Hold Ankläger und Verteidiger zur Vorbesprechung in seiner Garderobe. Fünf Fälle stehen auf der Tagesordnung.

Im ersten Fall ("Notwehr Exzess") schlug die Angeklagte einen Mann zusammen, der auf einer Betriebsfeier eine Kollegin sexuell belästigte. Sie hat überreagiert, weil sie selbst mal vergewaltigt wurde.

Im zweiten Fall ("Frau verspielt") verlor ein Mann seine eigene Frau beim Pokern an einen Arbeitskollegen, der sie gleich nach dem Kartenspiel vergewaltigte, ohne dass der Ehemann eingriff.

Im dritten Fall ("Balkonvergewaltiger") ist eine junge Frau in ihrer Wohnung vergewaltigt worden.

Im vierten Fall ("Aufklärung hautnah") geht es um eine Lehrerin, die in einer Berghütte zwei Schüler sexuell missbraucht haben soll. Sie behauptet dagegen, die beiden hätten sie vergewaltigt.

Nur der fünfte Fall fällt aus der Reihe. Eine junge Frau hat ihre leibliche Tochter aus dem Haus der Adoptiveltern entführt, das Kindermädchen war ihr bei der Tat behilflich.

"Heute ist Vergewaltigungstag", sagt Producer Christoph Knechtel, als wären ihm die Fälle ein wenig peinlich. Aber so ist das bei einer Gerichtsshow: "Fiktion trifft Realität". Oder umgekehrt.

"Das Plädoyer etwas kürzer bitte!", ruft der Regisseur. Knapp zwei Minuten hat die Anwältin gesprochen, viel zu lange für einen Fall, der in 22 bis 23 Minuten erledigt sein muss, einschließlich der Vernehmung der Täter, des Opfers, der Zeugen, der Anträge der Anklage und der Verteidigung und der Urteilsbegründung.

"Was soll man denn da weglassen?", ruft die Anwältin zurück und bleibt beim zweiten Anlauf brav unter einer Minute. "Wie weit ist das Urteil?", will der Regisseur wissen. Richter Hold, Jahrgang 1962, seit November 2001 Vorsitzender einer Strafkammer bei Sat.1, verkündet: Freispruch für den Ehemann, der seine Frau verzockt hat, Gefängnis für den Vergewaltiger.

Neben der ordentlichen Gerichtsbarkeit im Geltungsbereich des Grundgesetzes gibt es nun auch eine unordentliche, in der ordentliche Richter und Anwälte fiktionale Fälle durchspielen. Es ist eine vierte Instanz, die sich da im Hinterhof der Amts-, Landes- und Oberlandesgerichte etabliert hat: das tägliche Fernsehgericht. Eines tagt im ZDF, eines bei RTL und gleich zwei auf Sat.1. Ihre Vorsitzenden heißen Guido Neumann, Ruth Herz, Barbara Salesch und eben Alexander Hold. Früher waren sie Richter, die kaum jemand kannte, heute sind sie Fernsehstars.

Weitere Gerichtsshows sind geplant. Sie sind preiswert - und sehr erfolgreich. Weil sie zwei alte Fernsehformate unter einem neuen Label weiterführen: Daily Talk und Daily Soap. Sie erzählen absurde Geschichten aus den Abgründen menschlicher Existenz, und die Richter moderieren. Es wird geheult und geschrien, gelogen und geflucht, und wenn all das nicht der Wahrheitsfindung dient, heizt es wenigstens die Stimmung im Studio auf.

"Du Schwein, du Arschloch, warum hast du es mir nicht gesagt?", brüllt die Zeugin in der Folge "Tödlicher Sex" bei Richter Alexander Hold den Angeklagten an, der sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss, weil er HIV-positiv ist und trotzdem "ungeschützten Geschlechtsverkehr" ausübte. "Du kleine billige Schlampe!", gibt der Angeklagte zurück, bevor er in seinem Schlusswort das Drama zusammenfasst: "So ist das Leben. Pech gehabt. Erst ich, dann sie."

"Heute ist Vergewaltigungstag", sagt Sat.1-Producer Christoph Knechtel - als wären ihm die Fälle ein wenig peinlich.

Verantwortlich für die Sat.1-Gerichtsshow "Richter Alexander Hold" ist Ulrich Brock, Geschäftsführer von KirchMedia Entertainment. Er weiß, welches Publikum seine Sendung bedienen muss - Hausfrauen zwischen 30 und 49. Er weiß, wie er seine Zielgruppe findet - mit Liebesgeschichten, mit Eifersuchtsdramen, mit Geschichten über Rache und mit familienbezogenen Fällen, die aus der Alltagswirklichkeit der Zuschauer kommen. Und natürlich weiß er auch, warum die Gerichtsshows gegenüber den Daily-Talk- und Daily-Soap-Formaten einen großen Vorteil haben: "Es gibt immer ein Fazit, es gibt immer ein Urteil - und es wird verkündet von einem 'echten' Richter."

Auf der Suche nach dem passenden Richter hatten Brock und seine Leute Anzeigen in Fachzeitschriften geschaltet, die Gerichtssäle durchkämmt, und als sie schließlich zehn von ihnen zu einem Casting einluden, war der Richtige immer noch nicht dabei. Bis ihnen jemand Alexander Hold empfahl. Nach so einem hatten sie gefahndet: um die 40, nicht hässlich und, ganz wichtig, gute Stimme. "Manchmal", sagt Brock, "ist Fernsehen am Nachmittag wie Radio."

In seinem früheren Leben war Richter Hold zuständig für Organisierte Kriminalität, Prostitution und Glücksspiel. Nun beschäftigt er sich hauptsächlich mit Sittlichkeitsdelikten. Sein erster Fall hieß "Baby im Schließfach" und hatte immerhin einen wahren Kern: eine Zeitungsmeldung über ein Ehepaar in Tokio, das endlich mal ungestört essen gehen wollte und den Säugling derweil im Bahnhof ablegte. Die von Sat.1 komprimierte und dramatisierte Fassung ersetzte das Ehepaar durch eine junge ledige Mutter, die, wie sich während der Verhandlung herausstellt, anschaffen geht und sich keinen Babysitter leisten kann.

Hold hat nicht nur ein Faible für solche Themen, er weiß auch um deren sozialen Stellenwert. "Die Leute", sagt er, "erwarten vor allem spannende Unterhaltung. Und wir geben ihn ein Stück aus dem richtigen Leben - fürs richtige Leben."

Neben den Richtern sind auch die Staatsanwälte und Verteidiger echt, allesamt praktizierende Anwälte mit Teilzeitjob beim Fernsehen. Nur die Angeklagten und Zeugen sind Laiendarsteller, gecastet von einer Agentur. Sie bekommen eine Art Drehbuch in die Hand, in dem der Fall dargelegt wird und die Figuren charakterisiert sind. Der Rest, sagt Producer Knechtel, ist Improvisation. "Wie bei Shakespeare. Den kann man runterlesen oder aber ihn so spielen, dass alle denken: der arme Hamlet."

Während der Ablauf der Verhandlung, einschließlich der überraschenden Wendungen und der Interventionen aus dem Publikum ("Gib doch endlich zu, dass du es warst!"), feststeht, hat Richter Hold beim Urteil, Ehrensache, freie Hand. Justitias Unabhängigkeit bleibt auch im Fernsehen gewahrt. "Kein Mensch sagt mir, was ich machen muss und wie ich entscheiden soll."

Fünf Fälle dreht Hold pro Tag, 25 die Woche, danach hat er eine Woche lang frei, um sich auf die nächsten Verhandlungstage vorzubreiten. Jeder Fall bedeutet für ihn drei bis vier Stunden Hausaufgaben. Vom regulären Dienst hat er sich beurlauben lassen, vorerst für zwei Jahre. "Ich arbeite jetzt mehr als bei der Justiz."

Seinen neuen Job beim Fernsehen hat Hold vorsichtshalber mit einer Mission aufgeladen. "Ich bin mit Leib und Seele Richter, ich liebe die Aufgabe, und ich finde es klasse, dass wir den Leuten die Justiz nahe bringen können." Die Zuschauer, glaubt er, bekommen eine differenziertere Sicht auf Justiz und Rechtsprechung; Missinformationen, die durch die Medien verbreitet werden, könnten so korrigiert werden. "Warum bekommt ein Vergewaltiger gleich drei Jahre? Oder warum muss er freigesprochen werden?"

Der Richter Alexander Hold spricht gern von einer "Gratwanderung, die wir machen". Und wenn er "Wir" sagt, dann meint der passionierte Wanderer nicht die Justiz, sondern das Fernsehen. "Als Strafrichter hab ich am Tag drei Ladendiebe und vier betrunkene Fahrer und vielleicht zwei Fälle, die so in die Richtung gehen, die wir hier machen. Keiner kann von uns erwarten, dass wir die Ladendiebe und die betrunkenen Fahrer nehmen, wir zeigen lieber die attraktiven Fälle."

Zum Beispiel einen Fall von vorsätzlicher Körperverletzung, bei dem es aber tatsächlich um Sexpartys in einem Altersheim geht. "Wie stellt man sich so eine Sexparty vor?", will der Verteidiger des Angeklagten von der Zeugin wissen. "Da gibt's keine Hemmungen, keine Tabus, sie können Sex in Gruppen haben, zu zweit, zu dritt, jeder macht das, was ihn anmacht", gibt die Zeugin zu Protokoll.

Und natürlich nimmt auch dieser Fall eine überraschende Wendung. Die verletzte Frau ist nicht von ihrem eifersüchtigen Ehemann in der Tiefgarage überfallen und zusammengeschlagen worden, sie hatte vielmehr "sehr heftigen und wilden Sex" mit dem Inhaber des Altersheims und wurde dabei ohnmächtig.

Da ist sogar der Staatsanwalt erschüttert, nicht etwa, weil er schlampig ermittelt hat, sondern weil der Angeklagte "völlig zu Unrecht belastet wurde". Er plädiert auf Freispruch, und so lautet am Ende auch Richter Holds Urteil. "Wir lassen Emotion zu", sagt er, "das ist der Hauptunterschied zwischen der richtigen und der Fernsehjustiz."

"Wir lassen Emotion zu", sagt er, "das ist der Hauptunterschied zwischen der richtigen und der Fernsehjustiz."

Holds Gerichtsshow kommt auf einen Marktanteil von durchschnittlich 22 Prozent, und er würde noch mehr Zuschauer in seinen Gerichtssaal locken, wenn er nicht gegen eine starke Konkurrenz anrichtern müsste: Ruth Herz, die seit Anfang September 2001 Montag bis Freitag von 16 bis 17 Uhr bei RTL "Das Jugendgericht" präsentiert.

Genau genommen ist das Format eine Mogelpackung. Denn Verhandlungen vor einem Jugendgericht finden normalerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Beim RTL-Jugendgericht gilt freilich "die kölsche Strafprozessordnung", und die ist, ebenso wie die kölsche Spendenpraxis, ziemlich variabel. Nichtöffentlich - das taugt nicht fürs Fernsehen.

Ruth Herz, 1944 im damaligen Palästina geboren, war, anders als Alexander Hold, bis zu ihrer Berufung als Fernsehrichterin kein No Name im Räderwerk der Justiz. Die promovierte Juristin hat 25 Jahre lang als Jugendrichterin in Köln gearbeitet, Gastvorlesungen über Kriminologie an den Universitäten von Toronto und Jerusalem gehalten und unter anderem ein Lehrbuch zum Jugendstrafrecht geschrieben. Ihr Vater, Großvater und Urgroßvater waren schon Anwälte, bevor die Familie von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde. 1998 bekam sie das Bundesverdienstkreuz verliehen, vor allem wegen ihrer Bemühungen um einen außergerichtlichen Ausgleich zwischen Tätern und Opfern.

Was bringt eine anerkannte und gestandene Juristin dazu, sich auf das schlüpfrige Parkett einer Gerichtsshow zu begeben? Was kann sie im Fernsehen leisten, das sie im Sitzungssaal nicht leisten konnte? Es war, sagt sie, "zum einen die Herausforderung, etwas Neues zu machen, und dann natürlich auch die Chance, meine Gedanken zum Thema Jugendkriminalität einem so großen Publikum mitteilen zu können". Auch Ruth Herz geht es darum, "mehr Transparenz und damit mehr Verständnis und Akzeptanz" zu erreichen. Schön, aber wofür?

Für eine Friseuse, die ihr uneheliches Kind an eine kinderlose Adlige verkauft und es später entführt, weil sie sowohl das Kind wie das Geld haben möchte?

Für einen Spanner, der in einem Fitness-Studio durch ein Loch in der Wand Frauen im Nebenraum beobachtet und sich dabei selbst befriedigt?

Für einen jungen Gebäudereiniger, der eine reiche Witwe niedergeschlagen haben soll und sich nun wegen versuchten Raubs und Körperverletzung verantworten muss, obwohl er sich nur wehrte gegen den sexuellen Übergriff einer 30 Jahre älteren Frau?

"Ich finde das widerlich!", ruft die Tochter der Witwe. "Mit deinem Vater war immer tote Hose, bei mir haben die Hormone verrückt gespielt!", verteidigt sich die Mutter. Der Gebäudereiniger wird freigesprochen. Richterin Herz resümiert: "Es ist niemals langweilig vor Gericht, erstaunlich, womit wir uns heute zu beschäftigen hatten, eine richtig pikante Geschichte."

In jedem Dienstmädchenroman hat die Handlung mehr Hand und Fuß, nett anzusehen ist allein der naive Eifer, mit dem die Laiendarsteller ihre Rollen spielen.

Sie hat, sagt Ruth Herz, lange überlegt, bevor sie das Angebot annahm, und sich mit ihrer Familie, mit Kollegen und Freunden beraten. "Und alle, mit zwei Ausnahmen, haben gesagt: Super, mach es, es ist eine Gelegenheit, die man nur einmal im Leben bekommt." Der Präsident des Amtsgerichts riet ihr zu. Der Präsident des Oberlandesgerichts sagte: "Ich wäre enttäuscht, wenn Sie Nein gesagt hätten." Sogar der Justizminister war dafür und genehmigte den Antrag auf Urlaub anstandslos. Und nun, kaum ein Jahr später, ist die Richterin Ruth Herz "eine Schauspielerin geworden, ich bin nicht ich, ich spiele eine Rolle, und die Rolle ist Ruth Herz".

Immerhin kann sie noch zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. "Das Geschrei, wie wir es im Fernsehgericht erleben, gibt es in der Regel beim echten Gericht nicht." Auch sei die Auswahl der Fälle nicht repräsentativ, beim Amtsgericht gehe es vor allem um Ladendiebstahl und Schwarzfahren, 90 Prozent der Angeklagten seien geständig, und bei einer echten Verhandlung erlebe kein Richter solche Überraschungen wie beim Fernsehgericht.

Natürlich spricht auch Ruth Herz irgendwann von Gratwanderung, von dem Versuch, zu unterhalten und trotzdem Realität zu zeigen. Und natürlich fragt sie sich manchmal, ob diese skurrilen Sex-Fälle wirklich sein müssen.

Wenn einer sagt: "Du Scheiß-Ausländer!", dann sagt sie: Moment mal. Wenn einer schimpft: "Arbeitsloses Pack!", dann fragt sie: Was haben Sie da gerade gesagt?

Trotz allem habe sie "eine Agenda, Dinge, die ich durchsetzen will", sie möchte, "dass Fremde und Minderheiten fair behandelt werden, auch vor Gericht." Wenn einer sagt: "Du Scheiß-Ausländer!", dann sagt sie: Moment mal. Wenn einer schimpft: "Arbeitsloses Pack!", dann fragt sie: Was haben Sie da gerade gesagt? "Ich kann die Gesellschaft nicht verändern, aber ich kann zeigen, wie ich dazu stehe."

Bis jetzt sind greifbare Erfolge an der Gesellschaftsfront ausgeblieben, aber ihr Ansehen unter Kollegen wächst: Die Gerichtspräsidenten Nordrhein-Westfalens haben das Kölner Studio von Ruth Herz als Ziel für ihren diesjährigen Betriebsausflug ausgesucht.

Das ist, als würden die Chefärzte aller Unikliniken die Schwarzwaldklinik besuchen, um zu sehen, wie Prof. Brinkmann einen Blinddarm entfernt. Immerhin: Klausjürgen Wussow tat nur so, als könnte er ein Skalpell von einem Fischmesser unterscheiden.

"Das Fernsehen ist eine Verlockung", sagt Ruth Herz.

Als Gisela Marx, Film- und Fernsehproduzentin in Köln, vor drei Jahren nach einem telegenen Richter suchte, bekam sie 191 Bewerbungen aus ganz Deutschland. "Alles Flops", sagt Marx. "Zu eitel oder zu konservativ, oder sie konnten nicht richtig reden."

In Hamburg schließlich fand sie Barbara Salesch, mit der sie seit Herbst 1999 eine Gerichtsshow produziert. Nach einem schwachen Start "zur falschen Zeit" übertrifft die Sendung alle Erwartungen, im März lag der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen bei über 31 Prozent, während das "Jugendgericht" mit Richterin Ruth Herz, ebenfalls von Marx produziert, immerhin knapp 23 Prozent der Zielgruppe anzieht.

"Die Salesch ist inzwischen eine Kultfigur - für mich ist sie der Dorfrichter Adam als Frau", erklärt die Produzentin den Erfolg der Serie. "Die Zuschauer haben das Gefühl, das Wertesystem wird neu justiert. Am Ende eines Falles steht ein Ergebnis, das moralisch zu rechtfertigen ist. Was die Leute sehr beruhigt, ist die Ritualisierung, das Gefühl, es hat alles seine Ordnung. Das ist vor allem am Nachmittag sehr wichtig."

Gisela Marx behauptet nicht einmal, dass sie die Wirklichkeit ins Fernsehen bringt. "Die Wirklichkeit bei Gerichten ist kein Stoff fürs Fernsehen, wir machen eine informative Unterhaltungssendung mit Fernsehspielcharakter."

15 Mitarbeiter der Marx-Firma Filmpool lesen jeden Tag die Boulevardpresse und arbeiten geeignete Plots aus. "Sie wissen genau, wie ein Fall ablaufen muss, wie die Dramaturgie funktioniert, wie man den Suspense richtig setzt." In einer voll digitalisierten Datei der Castingabteilung sind fast 10 000 Komparsen erfasst. "Die Leute rennen uns das Haus ein. Das ganze Land ist eine große Laienspielschar."

Richterin Salesch, 52, ein kompaktes Energiebündel unter einer roten Kurzhaarfrisur, halb Trude Herr, halb Rita Pavone, war von 1979 bis 1999 bei der Hamburger Justiz beschäftigt und hat sich mittlerweile gleich neben dem Firmensitz von Filmpool ein Häuschen gemietet. "Ich war plötzlich selbständig, das ist doch was anderes als die übliche Richterexistenz."

Auf dem großen Tisch in der Wohnküche liegen zwischen einem Nokia-Communicator und einem Stapel Autogrammkarten blaue Pappdeckel. "Ich bekomme die Akten zwei Wochen vorher und arbeite an jedem Fall ein bis zwei Stunden." In ihren Verfahren, darauf besteht sie, "gilt die Strafprozessordnung", aber auf ihre Art, und auch sonst unterscheiden sich ihre Fälle kaum von anderen Sendungen.

"Sex bei der Musterung" beispielsweise: Eine Oberstabsärztin, laut Drehbuch, beim Kreiswehrersatzamt soll junge Wehrpflichtige bei der Musterung zu sexuellen Handlungen genötigt haben.

"Haben Sie eigentlich ein ausgefülltes Sexualleben?", will der Staatsanwalt von der Angeklagten wissen.

"Wenn es Sie beruhigt, ich habe ein ausgefülltes Sexualleben und kann mich nicht beklagen", antwortet die Armee-Ärztin.

Für eine Gerichtsshow bewarben sich 191 Richter. Alles Flops - zu eitel, zu konservativ, oder sie konnten gar nicht richtig reden.

Am Ende wird die Ärztin freigesprochen, denn es gibt einen Entlastungszeugen, und die Belastungszeugen verwickeln sich in Widersprüche.

Barbara Salesch hat nichts gegen solche Fälle einzuwenden. Eine Skandalisierung der Justiz finde nicht statt. Im Gegenteil: "Was wir im Fernsehen zeigen, nutzt der Justiz." Es kommen viele Anfragen, Schüler wollen wissen: "Wie werde ich Richter?" Vor allem bei jungen Mädchen sei Richterin derzeit "der Berufswunsch Nummer eins".

Bis Ende 2003 ist Salesch noch vom regulären Justizdienst beurlaubt, "und wenn es weiter gut läuft, hoffe ich, dass die mich weiter beurlauben werden".

Als Guido Neumann vor drei Jahren vom ZDF angerufen wurde, musste er niemand mehr um Erlaubnis fragen. Er war schon pensioniert, hatte sich darauf eingestellt, "Seniorensport" zu treiben. Nun ist er mit 70 Jahren der älteste TV-Richter und amtiert täglich über die familienfreundlichste Gerichtsshow im deutschen Fernsehen. In jeder Sendung werden drei Fälle vorgeführt: Es geht um Schadensersatz und Schmerzensgeld, um Streitigkeiten unter Nachbarn, um Bußgelder wegen Spuckens auf der Straße. Das ZDF weiß, wie es seine ältere Klientel bedienen muss, und deswegen werden ab und zu auch bekannte Schauspieler verpflichtet: Dirk Bach war schon da, demnächst kommen die Jakob Sisters und ihre Pudel, die von einem fiktiven Nachbarn wegen Lärmbelästigung angezeigt werden. Sex-Geschichten gibt es nicht, höchstens mal ein Streit zweier Frauen um einen teuren Zobelpelz, den sie von ihrem Liebhaber bekommen haben. Anderes würde Neumann in seinem Gericht nicht dulden.

Das mag anständig sein, kostet aber Quote. Das ZDF gibt einen Marktanteil von 12 Prozent an, wobei man aber wissen muss, dass der öffentlich-rechtliche Sender, anders als die Privaten, alle Zuschauer ab 3 Jahren mitzählt und nicht die Quote bei den 14- bis 49-Jährigen.

Neumann wird eines Tages einfach wieder nur Rentner sein und ein bisschen Sport treiben. Aber was wird Alexander Hold, der Porsche-Fahrer, nach seiner Karriere als Fernsehrichter machen? Zurückkehren in den Alltag der Kemptener Justiz, oder wird es ihm ergehen wie den "Big Brother"-Insassen nach der Entlassung aus dem Container? Wird Ruth Herz wieder über jugendliche Täter richten oder lieber Produktionsfirmen bei der Entwicklung neuer Justiz-Formate beraten? Und kann die agile Barbara Salesch überhaupt noch eine Gerichtsverhandlung führen ohne Scheinwerferlicht?

Und wie werden echte Angeklagte auf die Schauspiel-Richter reagieren? Was passiert, wenn einer sagt: "Ich habe kein Vertrauen zu Ihnen, ich will keinen Richter, der im Fernsehen den Justiz-Kasper gemacht hat"?

Ruth Herz würde sich in einem solchen Fall für befangen erklären. Alexander Hold und Barbara Salesch glauben, dass sie sich mit so etwas zurzeit nicht beschäftigen müssen.

Geert Mackenroth, Vorsitzender des Deutschen Richterbunds, der sich die Sendungen nur gelegentlich ansieht und sich nicht auf einen Favoriten festlegen lassen will, sieht keinen Grund, sich Sorgen zu machen - weder um das Ansehen der Justiz noch um die Glaubwürdigkeit der einzelnen Richter. "Es bestehen keine Bedenken", sagt er, "selbst für schauspielerische Betätigung Sonderurlaub zu gewähren."

Die Show kann weitergehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.