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Deutsches Anti-AKW-Gefühl: Teelichte für den Sofortausstieg

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"German Atom-Angst" Die spinnen, die Deutschen!

Flüge nach Tokio streichen? Japanische Restaurants meiden? Die Französin Cécile Calla, jahrelang Korrespondentin von "Le Monde" in Berlin, kann sich über den deutschen Anti-Atom-Aktionismus nur wundern. Richtig wütend macht sie, dass die Opfer dabei in Vergessenheit geraten.

Über Atomenergie in einem deutschen Wohnzimmer zu reden war ja schon immer eine heikle Angelegenheit. Doch seit der Katastrophe von Fukushima hat sich die Lage noch mal drastisch verschärft: Wer es wagt, über die Möglichkeiten der zivilen Nutzung der Kernenergie auch nur mal laut nachzudenken, dem schlägt sofort die blanke Wut entgegen.

Nun diskutieren die Deutschen seit langem die Risiken der Atomkraft, vielleicht auch zu Recht. So hitzig die Diskussion aber auch war, bislang zählte dabei meist das Argument - doch zur Zeit regiert die Panik. Als Französin kann ich das nur reichlich übertrieben finden.

Schon am 15. März beschloss zum Beispiel die Lufthansa, Tokio nicht mehr anzufliegen. Tausende Deutsche haben innerhalb von ein paar Tagen ihrem bisherigen Stromanbieter gekündigt, um einen Vertrag mit umweltfreundlichen Anbietern abzuschließen. Die Menschen verfolgen derart aufgewühlt die Richtung des Windes um Fukushima, als ob die beschädigten Reaktoren an der Grenze Deutschlands stünden. Und die Vollblut-Paniker unter den Deutschen - absurder geht's nicht! - besuchen keine japanischen Restaurants mehr.

Die Presse heizt diese Panik kräftig an - bis hin zu zweifelhaften außenpolitischen Statements. So gibt es hiesige Berichterstatter, die von der Bundesregierung ernsthaft fordern, ein Gutachten über die Sicherheit des französischen Atommeilers in Fessenheim nahe der deutschen Grenze zu beantragen.

Die eigentlichen Opfer geraten in den Hintergrund

Das Schlimmste aber ist: Viele Medien sind derart auf die Radioaktivität von Fukushima und die - imaginierte! - Bedrohung durch diese Katastrophe für Deutschland fokussiert, dass die vielen Opfer des Erdbebens und Tsunamis in den Hintergrund geraten. Es ist, als ob die vielen Ängste, die sich gegenüber diesem Energiezweig seit den achtziger Jahren aufgestaut haben, jetzt mit voller Wucht herausbrechen.

Man bekommt das Gefühl, als sei der Tsunami über die deutsche Öffentlichkeit und Gesellschaft gerollt.

Im September 2010 konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Verlängerung der Aktivität der Kernkraftwerke durchsetzen, es war seit langem ein wichtiges Projekt für die CDU. Dann kam das Erdbeben und der Super-GAU in Fukushima. Als rein impulsive Reaktion entschied sie am Montag, ein dreimonatiges Moratorium für die ältesten deutschen Atomkraftwerke durchzusetzen - ein Akt der Verzweiflung, der allein wahltaktischem Kalkül geschuldet zu sein scheint. Diese Inkonsequenz wurde noch deutlicher, als Merkel die Kernenergie drei Tage später im Bundestag doch weiter als Brückenenergie verteidigte.

Atomenergie als Pfeiler der Unabhängigkeit?

Aus Frankreich kann man da nur höchst verwundert nach Deutschland schauen. Der Glaube an die Vorteile der Kernenergie wurde durch die Ereignisse in Japan kaum erschüttert. Ich komme aus einem Land, das nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 behauptet hatte, die radioaktive Wolke lege an der Grenze zu Frankreich einen Stopp ein. Bei uns gingen die Kinder weiter auf die Spielplätze, Gemüse wurde weiter angebaut und verzehrt.

Klar, wir waren unglaublich naiv, uns derart von den Behauptungen der Behörden blenden zu lassen. Der Roman "Die Wolke" von Gudrun Pausewang, für eine ganze Generation von Deutschen Pflichtlektüre, ist nahezu unbekannt in Frankreich. Als ich als Korrespondentin für "Le Monde" über die deutsche Atomdebatte berichtete, musste ich mir immer wieder von Pariser Kollegen anhören, wie unsinnig und unpragmatisch die deutsche Entscheidung zum Ausstieg sei.

Immerhin: Jetzt wird auch in meiner Heimat die Frage nach einem Ausstieg oder zumindest nach einer Reduzierung der Kernenergie gestellt, und die französischen Grünen verlangen ein Referendum zum Thema. "Heute steht nicht weniger als das Dogma der nuklearen Unfehlbarkeit in Frage", schrieb "Le Monde" am Donnerstag.

Trotzdem ändert das noch nicht die Meinung des Durchschnittsfranzosen und der meisten etablierten Parteien, ob links oder rechts: Die Atomenergie, die 75 Prozent des Stroms liefert, bleibt ein Pfeiler der französischen Unabhängigkeit. Für die meisten Franzosen gilt sie weiterhin als eine saubere Energie, die niedrige Strompreise garantiert. Dass die Lagerung von radioaktivem Müll und die potentiellen Unfälle in Kernkraftwerken Gefahren bergen, wird zwar durchaus erkannt, aber solche Einwände stehen selten an oberster Stelle in der französischen Berichterstattung.

Und selbst an Orten, wo Menschen in direkter Nachbarschaft zu einem Atommeiler leben, bleibt man erstaunlich gelassen und beschwört das Vertrauen in die französische Technik und Sicherheit. Fragen Sie doch mal jemanden in Fessenheim, jenem Atomkraftwerk, das viele Deutsche so gerne abgeschaltet sehen würden und das sich übrigens in einem potentiellem Erdbeben-Gebiet befindet, ob er Angst vor der Atomkraft hat. Er würde Sie nur perplex anschauen.

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