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27. März 2015, 18:10 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Die Ratlosigkeit nach der Katastrophe

Eine Kolumne von

Warum ist Germanwings-Flug 9525 abgestürzt? Diese Frage hat keinen richtigen Platz im technischen Zeitalter. Gott hat ihn frei gemacht, er bleibt leer. Es sind heute vor allem Bilder, die diese Leere füllen sollen - und dabei selbst eine neue Leere erzeugen.

Der Unterschied zwischen Literatur und Journalismus ist, dass die einen mit möglichst vielen Worten zeigen, wie wenig wir alle wissen, und die anderen mit möglichst wenig Worten beweisen wollen, wie viel speziell sie wissen.

Die acht Minuten zum Beispiel: "Der Horror", schreibt Philip Gourevitch im "New Yorker". Der Horror sei präsent im Geräusch des atmenden Co-Piloten. "Der Wind des Lebens, der Wind des Todes."

Die "Bild"-Zeitung dagegen: "Es ist eine unfassbare Tat, die unsere Vorstellungskraft übersteigt." Aber stimmt das? Und wenn ja, warum schweigt die "Bild"-Zeitung dann nicht?

Es ist ein performativer Widerspruch, den die Katastrophe auslöst: Je mehr man das Unfassbare postuliert, desto größer und gröber werden die Erklärungsversuche. Schweigen gilt nicht. Nicht-Wissen gilt nicht. Besonders das Unfassbare muss erst mal dringend mit Trivialpsychologie und Halbwahrheiten gefüllt werden.

Gourevitch zitiert lieber Shakespeare:

"Was fürcht ich denn? mich selbst? Sonst ist hier niemand.
Richard liebt Richard: das heißt, Ich bin Ich.
Ist hier ein Mörder? Nein. - Ja, ich bin hier.
So flieh. - Wie? vor dir selbst? Mit gutem Grund:
Ich möchte rächen. Wie? mich an mir selbst?
Ich liebe ja mich selbst. Wofür? für Gutes,
Das je ich selbst hätt' an mir selbst getan?
O leider, nein! Vielmehr haß ich mich selbst,
Verhaßter Taten halb, durch mich verübt.
Ich bin ein Schurke - doch ich lüg, ich bin's nicht.
Tor, rede gut von dir! Tor, schmeichle nicht!
Hat mein Gewissen doch viel tausend Zungen,
Und jede Zunge bringt verschiednes Zeugnis,
Und jedes Zeugnis straft mich einen Schurken."

Was ist also das Unvorstellbare, Unfassbare? "Richard III." berichtet davon, im Theater. Da wirkt es vielleicht bürgerlich und harmlos, aber jedes Wort ist grausam und wahr. Die Frage bleibt, ob die Tat, die Figur, der Mensch deshalb zu verstehen ist.

Denn das Rätsel ist ja das eigentliche Feld der Literatur, auch des Denkens, auch der Wissenschaft. Das Rätsel ist eine Art von Freiheit, die schwer auszuhalten ist, wie so vieles an der Freiheit.

Das Dunkel, das erhellt werden will

Der Drang nach Erklärungen ist das Gegenteil davon - vor allem Erklärungen, die harsch herbeigezerrt werden, die die Leere füllen sollen, die so eine Tat hinterlässt: Es soll das Wie geklärt werden, weil es für das Warum keinen Adressaten gibt.

Das Wie ist eine Frage der Technik, normalerweise sind es Turbinen oder andere Teile, die versagen - die Technik ist das Funktionieren, und wenn etwas nicht funktioniert, ist es eine Frage des Wie.

Für das Warum gibt es im technischen Zeitalter, zu dem auch diese Katastrophe gehört, keinen richtigen Platz. Gott hat ihn frei gemacht, er bleibt leer. Die Frage nach dem Warum greift weit ins Metaphysische aus, eine Sphäre, die der Technik konträr ist. Und das ist eben schwer auszuhalten, das haben wir irgendwie verlernt: Die Katastrophe will eine Lösung, sie will eine Antwort, sie ist das Dunkel, das erhellt werden will.

Aber Trost gibt es im technischen Zeitalter nur im Detail, nicht im Großen und Ganzen: So bleibt die Ratlosigkeit, die nicht vorgesehen ist in der rationalen Welt, in der wir leben. Die Erzählung versagt, aber der Mensch verlangt Erklärungen.

Ein Berghang bleibt ein Berghang

Es ist der Widerspruch, der in der Technik selbst angelegt ist: Sie ist die Antwort auf existenzielle Fragen des Menschen, dem sie wiederum die Antwort verwehrt auf existenzielle Fragen. Das lässt den Menschen verwirrt zurück, macht ihn erst stumm und schließlich wütend.

Es sind heute vor allem Bilder, die diese Leere füllen sollen und dabei selbst eine neue Leere erzeugen. Denn die Bilder suggerieren Rationalität, sie suggerieren Zusammenhänge und Klarheit. Aber ein Berghang von oben mit verstreuten Teilen eines Flugzeugs bleibt ein Berghang von oben mit verstreuten Teilen eines Flugzeugs.

Was so entsteht, ist ein bildmächtiges Sinnvakuum - und auch das Foto des Co-Piloten von Germanwings-Flug 9525 (schon die Faszination mit diesen Zahlen), wie er einen Halbmarathon in Frankfurt läuft, sein Gesicht: Es bedeutet nichts.

Noch einmal Shakespeares Richard III., dessen Knochen im Schutt unter einem Parkplatz gefunden wurden und nun in der Leicester Cathedral eine Art Ruhe finden:

"Mord, grauser Mord, im fürchterlichsten Grad,
Jedwede Sünd', in jedem Grad geübt,
Stürmt an die Schranken, rufend: Schuldig! schuldig!
Ich muß verzweifeln. - Kein Geschöpfe liebt mich,
Und sterb ich, wird sich keine Seel' erbarmen.
Ja, warum sollten's andre? Find ich selbst
In mir doch kein Erbarmen mit mir selbst."

Er spricht von uns.

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