"Germany's Next Topmodel" Blamage, Baby!
Heute steigern wir mal das Wort "aufgeregt".
Bitte sprechen Sie nach: "Ich bin aufgeregt."
"Jetzt bin ich aufgeregt."
Und, Achtung, Sonderform! "Ich bin echt aufgeregt."
Wo herrscht so viel Aufregung in so kurzer Zeit? Richtig: Seit Donnerstagabend hat wieder Heidi Klum mit "Germany's Next Topmodel" auf ProSieben das Sagen.
Und sie wirft gleich mal die komplette Prozedur über den Haufen: "Dieses Jahr machen wir alles anders als wie in den letzten Jahren", hat Klum zu Beginn erzählt, wahrscheinlich, um ihre Kandidatinnen zu beruhigen: Gut aussehen ist Bedingung, Ausstrahlung gewünscht, Persönlichkeit ganz wichtig - aber Deutsch müsst ihr nicht auch noch können. Und so eilten sie alle nach Düsseldorf zum ersten offenen Casting, bei dem jede, wirklich jede Bewerberin sehr, sehr aufgeregt war, bevor sie wie im Einkaufszentrum über eine Rolltreppe hinab auf den Laufsteg fahren und vor die Jury treten durfte, um sich ihre Abfuhr persönlich abzuholen.
Die Verluste waren groß
"Es waren unglaubliche Massen, die auf uns zukamen", erinnerte sich Juror Peyman Amin nachher an den Ansturm, und irgendwie klang das nicht nach Castingshow, sondern nach "Herr der Ringe": auf der einen Seite die drei Helden in Unterzahl, auf der anderen eine unkontrollierbare Armee weinbereiter Laufstegläuferinnen, von denen die meisten entschlossen waren, alles zu tun, um aufzufallen und Gegner mit schrägen Klamotten, Turnübungen und großen Klappen niederzuringen. So trug es sich zu, dass in der Messehallenschlucht zu Düsseldorf der entscheidende Kampf ausgetragen wurde: Teenagerträume gegen den Geschäftsblick einer erfahrenen "Werbe-Ikone", Mensch gegen Maschine.
Die Verluste waren groß: "Die kann nicht laufen, der bringen wir's nie bei." - "Die läuft wie'n Mann." - "Die ist'n bisschen linkslastig." - "Bei der ist alles falsch." - "Wenn ihr die weiter lasst, fahr ich nach Hause."
Bis schließlich 45 geeignete Kandidatinnen herausgefischt waren und der am Boden zerstörte Rest in die Arme der mitgereisten Freunde und Verwandten zurückgetrieben wurde. "Es ist mein Traum, es ist mein Leben", ergab sich ein Mädchen seinen Tränen. Dabei geht es jetzt doch erst richtig los mit den Dramen.
Zum Auftakt der vierten Staffel seiner Top-Model-Suche hat ProSieben tatsächlich ein wenig an der Bewerbungsprozedur geschraubt, um diesmal möglichst viele Bewerberinnen anzusprechen und nicht bloß wieder dieselben Bilder zu produzieren wie im vergangenen Jahr. Obwohl auch das zumindest aus Sendersicht keine üble Idee wäre.
Sympathieträgerinnen und Superzicke
Die dritte Staffel von "Germany's Next Topmodel" hatte 2008 schließlich alles, was es für eine erfolgreiche Castingshow braucht: eine Überraschungssiegerin, zwei Sympathieträgerinnen, von denen eine nachher sogar kurzfristig ihre eigene Show bei ProSieben bekam (wie hieß die noch gleich?) und eine Superzicke, die erst kurz vor Schluss schlappmachen durfte.
Wenn die 19-jährige Tessa sich daran ein Beispiel nimmt, kommt sie sehr, sehr weit. Tessa ist die junge Frau, die als einzige aus der Masse herausragte, und für den Auftakt einer Castingshow, bei der es anfangs ja bloß darum geht, möglichst viele Namen ins Spiel zu werfen, ist das erstaunlich - jedenfalls so lange bis man versteht, wie sie das angestellt hat.
"Ich hab noch niemanden gefunden, der sich ansatzweise mit mir messen könnte", verriet Tessa der Kamera, noch bevor sie vor der Jury stand, lästerte über ihre Konkurrentinnen und brach nachher, als dann doch jemand da war, der sich mit ihr messen konnte, einfach in Tränen aus, weil eine Mitbewerberin angeblich ihren Stil kopierte und auch kurze Haare hatte.
"Die hat Paranoia", befand Mitjuror Rolf Scheider, hauptberuflich "Casting Director" - oder wie in der Gewinnspielfrage vor der Werbepause als Alternativantwort vorgeschlagen wurde: "Zirkusdirektor". Bei "Germany's Next Topmodel" passt beides.
"Mansche kommen weiter, mansche nicht"
Und Tessa passt auch: Ohne Superzicke ist "Germany's Next Topmodel" schließlich nur halb so interessant. Und im anschließenden Entertainment-Magazin "Red!" bekam die 19-Jährige von ProSieben auch gleich den ersten Beitrag gewidmet. Es braucht nicht viel, um unter 1000 Schüchternen aufzufallen. Manchmal reicht eine große Klappe.
Oder - um's dann doch noch mal mit Klums Worten zu sagen: "Mansche kommen weiter, mansche nicht."
Die, die weiterkamen, wurden danach gleich schon wieder ausgesiebt, am Ende blieben 25 junge Frauen übrig, die nach einer ausführlichen Jurybewertung und einem Fotoshooting bereits an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten waren. Eine besonders schüchterne Bewerberin äußerte sich geschockt über die Anforderungen der Jury: "Die wollen, dass ich Rock'n'Roll bin!"
In einer Woche geht es genauso weiter, denn dann gibt's das ganze noch mal aus München. Dass ProSieben das Casting dieses Mal so in die Länge zieht, ist eigentlich unnötig. Immerhin war der große Vorteil von "Germany's Next Topmodel" stets, dass man sich anders als bei "DSDS" oder "Popstars" nicht wochenlange Auswahlprozeduren ansehen musste.
Zugute halten muss man dem Sender jedoch, dass er nicht auch auf die "DSDS"-Masche umgeschwenkt ist, aus den Castings einfach Freak-Shows mit hohem Schauwert zu machen und die Kandidatinnen vorzuführen, die besonders wenig können. Ein paar "außergewöhnliche Typen" waren zwar auch dabei, aber die Frau in dem Sechziger-Jahre-Stewardessenkostüm wurde trotz ihres freundlichen Lächelns gleich wieder heimgeschickt und wedelte beim Abgang wild in die Kamera: "Please nicht alles ausstrahlen - Blamage!"
Ach, schöner hätten wir das auch nicht formulieren können.