Germany's Next Topmodel Wasser marsch, Rotz inklusive
Wetten, dass sie es heute Abend wieder tut? Gisele, 21, Kandidatin des Casting-Wettbewerbs "Germany's Next Topmodel", heult - in jeder Show, aus meist geringfügigem Anlass, aber so richtig schön unappetitlich: Wasser marsch, Rotz inklusive. Die Tränenflut unterlegt sie mit nöligem Gejammer über ihre fiesen Mitbewerberinnen, von denen sich die brünette Halb-Brasilianerin (Selbstbeschreibung: "Is' ja auch immer was Exotisches") unausgesetzt gemobbt fühlt. Eine Einschätzung, mit der sie unbedingt richtigliegt.
Wenn bei Gisele die Tränen fließen, darf sich ProSieben-Unterhaltungschef Jobst Benthues entzückt auf die Quotenauswertung des nächsten Tages freuen: Ein fettes Abschneiden bei der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen ist dem von der Boulevardpresse einst als "Magershow" geschmähten Format sicher.
Eine stabile Gruppe von insgesamt knapp vier Millionen Fernsehzuschauern sieht wöchentlich dem Treiben der Möchtegern-Models zu. Mehr noch, die überwiegend weibliche Anhängerschaft identifiziert sich bis ins Mark mit den Prototypen der Show: mit Gisele, der flennenden Zicke, und dem einander in Nibelungen-Treue zugetanen Freundinnenpaar Gina-Lisa und Sarah.
Die beiden letzteren, blond(iert) und vom Anspruch filigran formulierter Wortäußerungen komplett befreit - zu ihrem Schlachtruf wählten die beiden 21-Jährigen die schlicht-prägnante Losung "Zack, die Bohne" - reihen sich wie selbstverständlich in die mythischen Freundschaftspaarungen der Kultur- und Popgeschichte ein: Achill und Patroklos, Dick und Doof, Sarah und Gina-Lisa.
Triefende Augen, geschwollene Füße
Keine von beiden wird jemals eine Gucci-Show mitlaufen. Sarah war als Teenager dicklich und bebrillt. Heute macht sie zwar auf Fotos was her, eiert allerdings über den Catwalk wie eine Betrunkene bei der Polizeikontrolle - außerdem ist da ihre Dessous-Phobie, ein echtes Handicap beim Bikini-Defilee. Immer dann, wenn Leistungsabrufe gefragt sind, stellen sich bei Sarah, der Komplexbeladenen, psychosomatische Beschwerden wie triefende Augen und geschwollene Füße ein.
Gina-Lisa, die frohgemute Frankfurter Wuchtbrumme ("Ich habe Arsch und Titten"), wurde von Topmodel-Dompteurin Heidi Klum zwar mit dem Lob "wunderschönes Gesicht" bedacht, andererseits als potentielle "Miss Einkaufszentrum" verhöhnt. Weißblond, üppig, die Lache zu laut, die Piercings an der falschen Stelle - nein, eine Claudia Schiffer ist sie sicher nicht. Ein Glücksfall für die Show ist sie allemal.
Sarah und Gina-Lisa: Sie nennen einander in postfeministischer Kitschigkeit "Schatz" und "Quietscheentchen", sie halten Händchen, sie trösten sich gegenseitig über ihre vermeintlichen Makel hinweg ("Ich hasse meinen Bauch doch genauso, wie du deine kurzen Haare hasst!"), sie schwitzen Seit' an Seit' im "Gym" beim "Workout".
"Kaum etwas hat für die Zuschauer mehr Bindungswert als die offen gezeigte Mädchenfreundschaft", sagt Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler und Jugendforscher der Universität Bielefeld, SPIEGEL ONLINE. "Denn die Freundschaft dieser beiden jungen Frauen ist äußerst ungewöhnlich."
"Wir erzählen ja nicht nur die Geschichte der Heulboje Gisele"
Das erkannten auch die GNT-Macher. "Die Sendezeit füllt man in erster Linie mit Emotionen, seien es positive oder negative", sagt Juror Peyman Amin SPIEGEL ONLINE. "Wir finden es schön, wenn Freundschaften entstehen wie die zwischen Gina-Lisa und Sarah, wir erzählen ja nicht nur die Geschichte der Heulboje Gisele. Aber wenn ein Mädchen gar kein Potential als Model hätte, würde sie die Koffer packen müssen. Da können Sie sicher sein."
Im High-Heel-Konkurrenzkampf der Nachwuchsmodels ist das rührende Miteinander der Freundinnen Gina-Lisa und Sarah eine Insel der Seligen. "Typischerweise scheuen viele Frauen harten Wettbewerb, verkaufen sich häufig unter Wert", sagt Forscher Hurrelmann, "und hier haben wir zwei Mädchen in einer extremen Konkurrenzsituation, in der nur eine gewinnen kann - doch anstatt sich zu zerfetzen, solidarisieren sie sich. Das ist in den Augen vieler Zuschauer anziehend, besonders und bewundernswert."
Beide bestechen mit Vorstadtcharme und Unbekümmertheit, sind erfrischend unprätentiös - und funktionieren eben nur im Doppelpack. Gina-Lisa und Sarah sind "Thelma & Louise" der Zielgruppe 14 bis 49. "Wir haben schon gewonnen, weil wir uns gewonnen haben", flöten die beiden einander zu - zwei liebenswerte Loser, die regelmäßig vor die Show-Scharfrichterin Heidi Klum zitiert werden und das vernichtende Verdikt "Ich habe heute leider kein Foto für dich" befürchten müssen, was gleichbedeutend mit dem Rauswurf ist.
"Ich habe noch nie ein Mädchen erlebt, das soviel weint"
Heute Abend nun droht wieder einmal die Katastrophe: Gina-Lisa oder Sarah - eine von beiden, so wurde es vergangene Woche einer griechischen Tragödie würdig inszeniert, fliegt.
Sollte das Erfolgstandem tatsächlich eliminiert werden? Welche von beiden es auch trifft, Schlimmstes wäre für die Geschasste zu befürchten: Sie wird sich wohl ein "Playboy"-Erotikshooting oder eine lieblose Kampagne für einen drittklassigen Elektrofachmarkt aufschwatzen lassen.
Wie gut, dass wenigstens Gisele den GNTisten erhalten bleibt. Ihr, der in der "Topmodel"-Dramaturgie die Rolle der heulenden Schreckschraube zufällt, sind die Fans in brennender Hassliebe verbunden. "Ich persönlich habe noch nie ein Mädchen erlebt, das so viel weint wie Gisele", sagt selbst Juror Amin. Dass auch ein Gutteil Durchtriebenheit in der samtäugigen Schönheit steckt, stellte sie eindrucksvoll beim Shooting am Strand unter Beweis, als sie einer Konkurrentin mit Lolita-Verve den Freund auszuspannen versuchte: Das alles ist so rührend durchschaubar wie amüsant, so bescheuert wie unterhaltsam. "Dallas" meets "O.C. California".
Im Internet versuchen sich Unbekannte an Gisele-Parodien
Es ist TV-Trash vom Allerfeinsten, wenn Gisele sich - Chapeau! - den albernden, von der Jury erdachten Aufgaben, im Globalisierungssprech "Challenges" genannt, verweigert, wenn sie polypen-nasal ihr Leid an der Ausgrenzung durch das blonde Mobbing-Kommando ihrer Model-Konkurrentinnen herausnölt, wenn sie ihre sinndezimierten Weisheiten zum Besten gibt ("Ich steig nicht gerne in Aufzüge, wenn ich nicht weiß, in welche Richtung es geht").
Solche Glanzlichter der Selbstentblödung schickt auch ProSieben-Matador Stefan Raab dankbar durch die Mühle seiner "TV Total"-Resteverwertung. Logisch, dass es im Internet mittlerweile jede Menge Videoclips gibt, in denen sich Unbekannte an Gisele-Parodien versuchen.
Einen unerquicklichen Quoteneinbruch, wie ihn das RTL-Format "Deutschland sucht den Superstar" in jeder Staffel erlebt - nach den Casting-Durchgängen, in denen Rabauke Bohlen die teils schwachsinnig wirkenden Kandidaten bepöbeln darf, schwinden die Zuschauerzahlen in der langweiligen Showrunde -, muss "Germany's Next Topmodel" nicht befürchten.
Geweint wird schließlich immer.