Geschichtsprojekt der Schaubühne Armes Deutschland!

Wenn so die deutsche Vergangenheitsbewältigung aussieht, dann gute Nacht: Mit dem ersten Teil der "Deutschlandsaga" will die Berliner Schaubühne das Zeitgefühl der fünfziger Jahre aufrollen - bietet aber nur Klischees und Klamauk.

Von Christine Wahl


Nein, wir haben weder in eine Eva-Herman-Lesung noch in eine von Mario Barths angeblichen Comedyshows hineingezappt, sondern befinden uns im ersten Teil der "Deutschlandsaga" an der Berliner Schaubühne. Dahinter verbirgt sich eine langfristig angelegte Uraufführungswerkstatt, bei der Autoren in jeweils zwanzigminütigen Minidramen in der deutschen Vergangenheit graben: Pro Monat nehmen sich drei dramatische Nachwuchskräfte ein Jahrzehnt vor, bis die Saga im April 2008 in der Gegenwart ankommt.

Schaubühnen-Chef Ostermeier: "Annäherung an eine unbehagliche Identität"
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Schaubühnen-Chef Ostermeier: "Annäherung an eine unbehagliche Identität"

Gefragt ist also, zumindest für die frühen Epochen, nicht der Geschichtscrashkurs aus berufenem Zeitzeugenmund, sondern der Blick aus der historischen Distanz: "Auf welche Ereignisse, Erzählungen, Gerüchte oder Gefühle bezieht sich eine junge Generation, wenn sie ihre eigene Identität aus der Vergangenheit ableitet?", lautet der von der Schaubühnen-Dramaturgie ausgeschriebene Forschungsauftrag.

Arm dran, Bein ab

Der Bezugspunkte sind es wenige, muss man nach dem Piloten leider vermuten. Denn den zuständigen Autorinnen Johanna Kaptein, Rebekka Kricheldorf und Ulrike Syha – allesamt Anfang 30 – fallen vor allem Waschmittelwerbung, Elvis, Toast Hawaii und wechselweise männliche Arm- oder Beinstümpfe ein, wenn sie an die fünfziger Jahre denken. Wogegen im Prinzip nichts einzuwenden wäre, sofern sich daraus irgendwelche interessanten (oder wenigstens amüsanten) Anknüpfungspunkte ergäben.

Leider werden die Versatzstücke aus dem kollektiven Erinnerungsfundus aber einfach nur zusammengetragen und auf der Bühne abgestellt. So will in Kricheldorfs "Backfischtod Bad Nauheim" eine 15-Jährige (Ina Tempel) wechselweise Elvis selbst oder aber seine Geliebte sein, während ihr einarmiger Kriegsheimkehrer-Vater (Felix Römer) und seine zu Recht verzweifelte Gattin (Stephanie Eidt) an einer Ehekrise laborieren.

Da hilft das personifizierte Fifties-Über-Ich (Niels Bormann) auch nicht weiter, das die Familie regelmäßig im gelben Petticoatkleid heimsucht, um flaue Tipps aus dem Hausfrauen-Knigge zum Besten zu geben: "Junge Frauen sollen versuchen, die Bildungsspanne, um die der Herr sie überragt, durch kluges Schweigen auszugleichen". Und weiter: "Die Eisbombe zerteilt man mit einem stumpfen Messer". Danke, nett gemeint. Wäre aber nicht nötig gewesen; war uns nämlich schon bekannt.

Ähnliche Klischees hocken in Kapteins "Fräuleinwunder" um den Stubentisch: Hier hat der Mann nicht seinen Arm, sondern sein rechtes Bein im Krieg gelassen, die Frau beschimpft ihre Tochter reflexartig als "Schickse", sofern sie sich um ein Mindestmaß an Attraktivität bemüht. Dazu ruft gern jemand von der Seite: "Strahlend lacht, wer besser putzt und täglich Pepsodent benutzt".

Was wiederum der Filmproduzent aus Syhas "Rialto", der mitsamt Drehbuchautor und Sekretärinnen die Erfolgsstory von Edgar Wallace' Krimiklassiker "Der Frosch mit der Maske" von 1959 nachstellt, vermutlich beherzigt hat. Seine Zähne bleckt er jedenfalls gern, wenn es – und dies passiert oft – mal wieder an der Zeit ist, sich von der Chefsekretärin (Lore Stefanek) einen Toast Hawaii servieren zu lassen.

Aus dem Handwerkskasten der Jungregie

Die beiden jungen Regisseure Robert Borgmann und Jan-Christoph Gockel – Mitte 20 erst und Absolventen der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch – wollen sich verständlicherweise für weitere Aufgaben empfehlen und zaubern daher im Verlauf der realen zwei (und gefühlten fünf Stunden) alles auf die Bühne, was der Jungregiehandwerkskasten hergibt: Da gebiert eine Frau unter großformatiger Leinwandübertragung einen Totenschädel vorm Kameraauge; da rutscht die Elvis-Braut auf einem aufwändig bewässerten Gummibelag aus; da tauchen Frauen missliebige Gattenköpfe beharrlich in Mammuteimer.

Die fünf Schauspieler in wechselnden Rollen sind redlich bemüht, sich im Rahmen dieser Möglichkeiten wacker zu schlagen. Allein: Nichts folgt hier aus etwas und nichts führt irgendwo hin. Gemessen an den Textchen, wirkt der inszenatorische Aufwand peinigend bedeutungshuberisch und rutscht gern mal ins unfreiwillige Komikfach.

Mag sein, dass Kurzdramen wirklich nicht die optimale Form für theatralische Kulturkritik abgeben. Und durchaus möglich, dass sich die historischen Bezugspunkte der Nachgeborenen tatsächlich im Nächstliegenden erschöpfen. Nur ist das dann eben nicht unbedingt abendfüllend.

Das Drama geht weiter

Es kann also nur besser werden: Anderthalb Jahre bleiben der Schaubühne insgesamt schließlich noch bis zum Finale ihres von der Bundeskulturstiftung geförderten Mammutprojekts "60 Jahre Deutschland – Annäherung an eine unbehagliche Identität" im April 2009. Die Kurzdramen-Uraufführungswerkstatt bildet nämlich nur Stufe eins dieses ambitionierten dramatischen Dreischritts.

Im zweiten Durchgang – in der Spielzeit 2008/2009 - werden Problemkomödien uraufgeführt, die ihr humoristisches Kapital ebenfalls aus der deutsch-deutschen Geschichte ab 1949 schlagen. Und im dritten Schritt schließlich betrachten verdiente Schaubühnen-Autoren wie Falk Richter oder Marius von Mayenburg sowie britische, argentinische und polnische Kollegen "60 Jahre Deutschland" im internationalen Kontext.

Der Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier selbst übrigens hat schon vorgeführt, dass – und wie – es mit der "Annäherung an eine unbehagliche Identität" funktionieren kann: Vor einigen Tagen gastierte an der Schaubühne seine grandiose Münchner Inszenierung "Die Ehe der Maria Braun" nach dem gleichnamigen Fassbinder-Film. So klug, zwischentonreich und gewitzt wünscht man sie sich die theatrale Historiengrabung!


"Deutschlandsaga - Die 50er Jahre" : 1., 2., 6., 13., 28. Dezember und 14. und 22. Januar, Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin



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