Darstellung von Sexualität Ist das Kunst? Muss sie weg?

In Köln öffnet eine Ausstellung, die auf Nacktbildern von Kindern basiert - als Protest gegen vermeintliche Kunst-Sittenwächter. Haben sich unsere moralischen Standards verschoben?

Frankfurter Hauptschule

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Der Kölner Ebertplatz ist kein Ort für Kinder. Die Anlage aus Beton stinkt nach Urin, in den Unterführungen des Platzes treffen sich Drogendealer und Süchtige. Die Behörden bemühen sich seit Jahren um positive Veränderungen, trotzdem kam es am vergangenen Wochenende zu einer Messerstecherei, ein Mann verblutete.

Ausgerechnet hier, in einer der unterirdischen Passagen des Ebertplatzes, wird in den nächsten Tagen eine Feuilletondebatte verhandelt - die Frage, ob und wessen Nacktheit in der Kunst als pornografisch gewertet werden darf.

In der Projektgalerie Gold+Beton zeigen sich fünf Künstlerinnen und Künstler nackt als Baby oder Kleinkind: Ein Säugling wird da gerade aus der Badewanne gehoben. Ein nacktes Kleinkind klettert in einen Strandkorb. Und ein nur am Oberkörper bekleidetes Mädchen steht lachend auf einem Stoppelfeld. Daneben stehen aktuelle Werke, die aus den alten Kinderfotos entstanden sind.

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"Damals war ich völlig frei mit meiner Nacktheit", sagt die in London lebende Künstlerin Nural Moser. Sie hat ausgehend vom Urlaubsschnappschuss ihrer Mutter die Videoarbeit "FRAGILE - WARNING: DO NOT COVER" entwickelt. "Dann kam die Pubertät und die Stigmatisierung. Ich habe einen Frauenkörper - warum muss ich den verstecken? Warum findet die Gesellschaft meine Brüste anstößig, während Gewalt und Hass akzeptiert werden?" Der in Frankfurt lebende Künstler Il-Jin Atem Choi beschreibt seine Arbeit als "Skulptur in Stehtisch-Ästhetik", auf deren Oberfläche sein stilisiertes Babygesicht erkennbar ist. Vielleicht werden in den nächsten Tagen ein paar Bierflaschen darauf abgestellt, vermutet Choi.

Proteste als willkommene Anregung

Ermuntert zu der Ausstellung "LOLita" über den Umgang mit Nacktheit in der Kunst hat das Frankfurter Kollektiv Frankfurter Hauptschule, ein krawalliger Zusammenschluss von Studenten aus dem Umfeld der Städelschule, die regelmäßig aus "pädagogischen Gründen Konflikte vom Zaun brechen". Aktuell ereifert sich die Gruppe über politische Korrektheit, die auf Kunst trifft.

Fast immer geht es bei aktuellen Kunstdebatten um die Darstellung von Sexualität, fast immer kommen Forderungen, dieses oder jenes Bild nicht zu zeigen: Als etwa im vergangenen Jahr die Schweizer Fondation Beyeler eine Ausstellung des Malers Balthus konzipierte, musste sie ihr Vermittlungsprogramm erweitern. Denn dem Künstler wird immer wieder vorgeworfen, er habe Schulmädchenpornografie gemalt. In New York forderten mehr als 10.000 empörte Bürger, dass sein Gemälde "Thérèse, träumend" aus dem Metropolitan Museum of Art verschwinden solle, weil man darauf das Höschen des porträtierten Mädchens sehen kann.

Hatten die Protestler Kunst mit Werbung verwechselt? Die Ausstellung eines Bildes als Propaganda des Abgebildeten missinterpretiert? Kunst entfaltet ja ihre Wirkung gerade dann, wenn sie unangenehm und intim ist - geht es also heute statt ums Irritieren eher ums Herzchenverteilen, um Likes und Dislikes?

Dass die Balthus-Werke keine Pädophilie sind, versuchte in Basel eine Ask-Me-Person zu erklären, die für die Zeit der Ausstellung neben den "Thérèse"-Bildern stand. "Wer ein Problem mit einem Werk zum Ausdruck bringt, dem sollte man nicht einfach pauschal antworten, dass das eben Kunst sei", erklärte Kurator Raphael Bouvier damals dem Kunstmagazin "Monopol". Die Sensibilität habe bei solchen Themen zugenommen, das empfinde er aber nicht als Angriff, sondern als interessantes Phänomen. Es müsse eben der jeweilige Kontext betrachtet werden, in dem eine Diskussion aufkomme.

"Scheinheilige Spießermoral", schimpfen hingegen die Künstlerinnen und Künstler des Aktionskreises Frankfurter Hauptschule. "Wenn ein Kunstwerk ein nacktes Kind zeigt - ist dann das Kunstwerk pädophil oder der Gedanke des Betrachters?", formuliert ein Sprecher. "Wenn jemand Angst vor seinen eigenen Fantasien bekommt, ist das nicht das Problem der Kunst."

Prägen Facebook und Instagram die Rezeption?

Künstlerin Nural Moser glaubt, das Problem werde durch soziale Medien verstärkt. "Wenn auf Instagram nur einer Person ein Bild nicht gefällt, und das Bild entspricht nicht den Richtlinien, wird es gelöscht. Nackte Oberkörper von Frauen etwa sind verpönt - die von Männern sind akzeptiert. Woher nimmt die Plattform das Recht zu bestimmen, was genau der gesellschaftliche Wunsch ist? Da passiert eine Stigmatisierung, und die Menschen gewöhnen sich daran", sagt Moser.

Auch das Gemälde "Ursprung der Welt" von Gustave Courbet ist eine jahrhundertealte Provokation - es zeigt eine naturalistische Abbildung eines weiblichen Unterleibs, ein entblößtes Geschlecht. Facebook löschte ein Posting, auf dem es zu sehen war, und handelte damit gemäß den Nutzungsbedingungen. Ein Pariser Lehrer führte einen Prozess deswegen und verlor ihn.

Doch etwas später forderten Besucher der Berliner Gemäldegalerie in einem Protestbrief die Abhängung eines Caravaggio-Gemäldes, weil auf "Amor als Sieger" ein Penis zu sehen ist - das diene ja "zweifellos der Erregung des Betrachters". Courbet und Caravaggio hängen seit Ewigkeiten in Museen. Trägt der Social-Media-Nutzer die verinnerlichte Moral seiner Lieblingsplattform aus der Bubble heraus ins Museum? Und muss darauf Rücksicht genommen werden?

Nein, sagt die Berliner Historikerin Ute Frevert. Sie glaubt, wenn man alle Kunstwerke, die unsere heutigen Sensibilitäten störten, aus den Museen entfernte, seien die bald leer. Trotzdem sei es wichtig, über Kunstwerke zu diskutieren und neue Lesarten hervorzubringen.

Die Frankfurter Hauptschüler unterstellen der Empörungskultur mehr Kalkül als Unwissen. "Die Leute stellen sich dumm und regen sich nur auf, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Diese Scheinheiligkeit finden wir eklig. Mit der Ausstellung in Köln wollen wir die Leute jetzt mal kitzeln und schauen, was dabei herauskommt."


Ausstellung: LOLita, Galerie Gold+Beton Köln, bis 3. September



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