Geschlechterkrampf bei "Hart aber fair" Das Geheimnis von 30, 60, 95

Verzweiflung zum Vatertag: Sind Männer nie normal? Frank Plasberg befragte ziemlich willkürlich ausgewählte Vertreter beiderlei Geschlechts zur Gaga-These "Ewig Kind, häufig Macho, schließlich Sugardaddy". Und förderte Erstaunliches zu Tage.

Von Reinhard Mohr


Das hätte man nun aber wirklich erwarten dürfen: Dass Frank Plasberg auf sein tolles Knöpfchenregister im Studio drückt - ein wunderbares Männerkinderspielzeug übrigens - und uns noch mal Herbert Grönemeyers einschlägigen Megahit vorspielt:

Männer haben's schwer, nehmen's leicht/
Außen hart und innen ganz weich/
Werden als Kind schon als Mann geeicht/
Wann ist ein Mann ein Mann?

Aber nix da. Stattdessen sehen wir Ursula Engelen-Kefer und fragen uns, was die langjährige stellvertretende DGB-Vorsitzende in einer Talkshow zu suchen hat, deren Titel allein schon preisverdächtig ist: "Ewig Kind, häufig Macho, schließlich Sugardaddy. Sind denn Männer nie normal?"

Moderator Plasberg: Die "Ressorssen" des Mannes
DPA

Moderator Plasberg: Die "Ressorssen" des Mannes

Nee, sind se nich, fällt einem da nur ein.

Aber noch mal: Was hat bloß Frau Engelen-Kefer zum Thema zu sagen? Will sie über die privaten Gewohnheiten mächtiger Gewerkschaftsbosse auspacken? Geheimnisse von Ver.di-Chef Frank Bsirske verraten? Womöglich über den Stand des Gender Mainstreaming bei der IG Metall berichten? Aber auch bei der Auswahl der anderen Gäste der Plasbergschen Diskussionsrunde am Vorabend des "Vatertages" stellten sich Fragen. Wieso Katrin Müller-Hohenstein, Moderatorin des ZDF-Sportstudios? Warum Harald Euler, Psychologieprofessor aus Kassel, der das Fremdwort "Ressourcen" (des Mannes) häufig benutzte, ohne es korrekt aussprechen zu können ("Ressorssen...")?

Nur René Weller saß goldrichtig in der Runde. Der Ex-Boxweltmeister (im Halbmittelleichtgewicht?) sagte zwar fast nichts, aber seine Botschaft kam auch so rüber: "Meine Frau macht den Haushalt, und ich mach den Rest."

Selbst ist der Mann. Logo. Männer kaufen Waschmaschinen, benutzen sie aber nicht. Warum auch? 30, 60, 95 - das sagt dem Mann nichts.

"Stark, verständnisvoll, mit Rückgrat und eigener Meinung"

Vielleicht aber hatten wir es beim Vorglühen für den Vatertag schon ein bisschen übertrieben und bekamen so die feinen Differenzierungen des Gesprächs nicht mehr so richtig mit. War ja auch schon ziemlich spät. Wir freuten uns aber über Hellmuth Karasek, der in jeder Situation brilliert und Schiller genauso gut zitieren kann wie seine Ehefrau, die seine Socken zusammensucht.

Aber worum ging es noch mal genau? Um den Mann und seine ewige Kindheit? Um sein Verhältnis zu Frauen? Um seine Identität? Die Veränderung des Rollenbildes? Emanzipation?

Man wusste es schon zu Beginn nicht recht. Gott sei Dank saß einer am Pult, der der Mann der Zukunft sein könnte. Selbstverständlich ein Grüner, Vater von vier (!) Kindern, der vor einem Jahr wegen seiner Familie auf die Kandidatur für den Bundesvorsitz seiner Partei verzichtet hat: Robert Habeck. Mehr noch, mit seiner Frau schreibt er Artikel und Bücher. Hier ist das Gender Mainstreaming, die Aufhebung jeder geschlechtsspezifischen Diskriminierung, schon perfekt vollzogen.

Is' klar, Atze Schröder? Merkwürdig nur: Auf dem Cover des Buches "Verwirrte Väter" prangt allein sein Name, nicht ihrer. Man darf es wohl nicht so eng sehen.

"Stark, verständnisvoll, mit Rückgrat und eigener Meinung" - so soll der ideale Mann sein, den Frau Müller-Hohenstein sich wünscht. Darüber hinaus möge er doch auch im Notfall ohne sie glücklich sein können. Da haben wir innerlich "Jawoll, wird gemacht!" gesagt und gleich noch ein Glas Wein eingeschenkt.

Im Übrigen wollte Frau Müller-Hohenstein von Verallgemeinerungen wie "die Männer" und "die Frauen" überhaupt nichts wissen und beharrte wiederholt auf ihrer Eigenständigkeit und ganz besonderen - hier: weiblichen - Besonderhaftigkeit.

Das fanden wir gut, so geht's uns auch. Allerdings bleibt dann doch eine Frage offen: Wozu wird der oder die andere überhaupt noch gebraucht, wenn man auch ohne sie/ihn glücklich sein kann?

Hier nun kam Psychologieprofessor Euler samt seinen männlichen "Ressorssen" ins Spiel: Frauen werden, ob sie's wollen oder nicht, von groß gewachsenen, intelligenten und humorvollen Männern angezogen, die "was darstellen", Ansehen und Macht ausstrahlen. Das sitzt, unterstellte Euler, einfach in den Genen, seit der Australopithecus Robustus sich zum ersten Mal auf die behaarte Brust geklopft hat.

Urrgh. Testosteron, Sie wissen schon.

Aus der Geschichte kommst du nicht raus. Wahrscheinlich nicht mal Frau Müller-Hohenstein. Apropos Müller-Lüdenscheid: Warum wurde eigentlich nicht Loriot, Pardon: Vicco von Bülow eingeladen? Der wegweisende und kongeniale Loriot-Sketch zum Thema fehlte somit auch.

"Das Pfauenrad ist eine Kulturleistung"

Karasek wies auf die sehr kleinen Machtmenschen wie Napoleon, Nicolas Sarkozy und Norbert Blüm hin. Die kompensieren ihren geringen Körperwuchs eben mit einem umso stärkeren Machtbewusstsein ("Die Rente ist sischä!").

Kurz: "Das Pfauenrad ist eine Kulturleistung!"

Karaseks eigenes Gefieder, so bekannte er männlich-selbstkritisch, sei aber inzwischen auch nicht mehr so doll wie früher.

Kathrin Müller-Hohenstein findet Machtmenschen wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer allerdings gar nicht erotisch (Herr Plasberg, da hätten sie mal kritisch nachhaken sollen: Stattdessen Brad Pitt, Luca Toni, Mario Gomez?). Ursula Engelen-Kefer jedenfalls reicht schon "gegenseitiger Respekt auf Augenhöhe". Wie bei Tarifverhandlungen im Bezirk Südwürttemberg/Hohenzollern. Und gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

So was reicht dem Vorbild-Mann Habeck natürlich lange nicht. Gegen den "Biologismus" des Psychologieprofessors und seine falschen Rollenzuschreibungen setzt er die soziale Gerechtigkeit von Mann und Frau. Da muss aktiv dran gearbeitet werden.

Da schaute Karasek dann doch leicht skeptisch. Erstens wegen der "Beziehungsarbeit", die Männer meist nicht so recht mögen (lieber legen sie sich unter die Ölwanne ihres Autos) und zweitens aus Prinzip. Besser wegen der "zwei Prinzipien". Sie heißen Mann und Frau.

Schwierige Sache.

Schöne Sache.

Nur nie normal.



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