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06. Oktober 2014, 12:37 Uhr

Die 40-Jährigen

"Sklaven der Work-Life-Balance"

Ein Interview von

Sie stecken fest zwischen Selbstoptimierung und Selbstausbeutung: Soziologe Heinz Bude erklärt, wie sich die Generation der 40-Jährigen aus Angst vor Fehlern selbst lähmt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bude, gerade ist Ihr Buch "Gesellschaft der Angst" erschienen, in dem Sie beschreiben, wie das Virus der Angst die Gesellschaft zersetzt. Zeitgleich haben Sie in der "Zeit" einen viel beachteten Essay veröffentlicht, in dem Sie beschreiben, wie die 35- bis 45-Jährigen sich aus Angst vor Fehlern selbst hemmen. Haben wir es also mit einer Generation der Weicheier zu tun?

Bude: Nein, das würde ich nicht sagen. Sie arbeitet ja hart an sich selbst, härter vielleicht als vorherige Generationen. Aber mir ist aufgefallen, dass die 40-Jährigen aus dem Milieu der akademischen Intelligenz, die einem im mittleren Management von Weltmarktführern oder bei den law firms oder in den Internetlaboren begegnen, sich vor allem eines nicht verzeihen können: auf etwas reingefallen zu sein oder eine Nebenfolge nicht bedacht zu haben. Man muss in Alternativen denken und sich Szenarien möglicher Entwicklungen vor Augen halten können. Das gilt für die Arbeit, die Liebe und das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Diese Umsicht spricht doch eher für sie. Was kritisieren Sie daran?

Bude: Alle Bemühungen der 40-Jährigen drehen sich darum, den Begriff eines gelungenen Lebens für sich einzulösen. Das ist deshalb so schwierig, weil das mit Karriere nicht mehr abgedeckt ist. Die Nachkriegswelt von Fortkommen und Durchboxen gilt so nicht mehr. Wer sich eingestehen muss, dass man das Glück mit den Kindern dem Beruf geopfert hat, kann einpacken.


SPIEGEL ONLINE: Der Frust wäre ja auch nachvollziehbar - oder nicht?

Bude: Natürlich. Aber was ist mit dem Scheitern, das einen auf Grund laufen lässt? Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie bitte ein Beispiel.

Bude: Nehmen Sie die klassische Powerfrau. Erfolg im Beruf, aber vielleicht keine Kinder. Die wird von den 40-Jährigen heute schnell als tragische Figur abgetan. Gerade bei den Frauen dieser Generation zeigt sich fatal, was passiert, wenn man in allen Bereichen ein sogenanntes erfülltes Dasein haben will. Als Berufstätige sowieso, aber eben auch als warmherzige Mutter und als abenteuerlustige romantische Partnerin. Bettina Wulff demonstriert, wohin das führen kann.

SPIEGEL ONLINE: Da wird die Selbstoptimierung also schnell zur Selbstausbeutung?

Bude: Ja, perfiderweise. Denn eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt's?

Bude: Michel Foucault hat das Selbsttechnologie genannt. Befreiung von Fremdsteuerung durch Unterwerfung unter Eigensteuerung.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: Es wird der perfekte Algorithmus für das Leben gesucht.

Bude: Genau. Die 40-Jährigen denken sehr in Szenarien. Und sie verrechnen diese unterschiedlichen Szenarien zu einem optimalen Gesamtszenario. Aber sie wagen keine kausalen Hypothesen, mit denen man einen Knoten durchschlagen kann. Alles wird gegeneinander abgewogen, aber man gibt sich keiner Sache ausschließlich hin. Interessanterweise verdichtet sich diese Tendenz gerade in der Politik. Ich spreche viel mit Politikern aus der mittleren und höheren Ebene, alle haben diesen etwas ermüdenden Realitätssinn und sagen einem: Mit 50 musst du bei dem Job aufhören, wenn du dich nicht ruinieren willst.

SPIEGEL ONLINE: So wie gerade Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner, der mit 47 Jahren hingeschmissen hat, weil er mehr für seine Familie da sein will. Eigentlich doch sympathisch, oder?

Bude: Vielleicht. Von Max Weber gibt es die, wie ich finde, aufschlussreiche Unterscheidung, ob man von oder für die Politik lebt. Wollen wir nicht ein paar im politischen Geschäft, die für die Politik leben? Aber wer wäre das aus der Generation der heute 40-Jährigen, die sich für die Zeit nach Angela Merkel warmlaufen?

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich, wenn die 40-Jährigen jetzt in die wichtigen Entscheiderpositionen kommen?

Bude: Da wird es spannend. Wir befinden uns da gerade an einem Wendepunkt. Die Jahrgänge des Nachkriegs, die bislang das Sagen hatten, waren noch von dem Gedanken geprägt, dass das Schlimme hinter ihnen lag. Die nach 1964 Geborenen hingegen haben das dumme Gefühl, dass das Schlimme erst noch kommt. Das ist die Angst vor einem trügerischen sozialen Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie bitte konkreter: Welche Auswirkungen hat diese Art von Angst?

Bude: Früher hieß der stille Gesellschaftsvertrag "Wer will, kann", heute lautet die allgegenwärtige Drohung "Wer nicht aufpasst, rutscht". Das führt zu einer defensiven, abwartenden und reaktiven Haltung, die zweifellos effizient und rational ist, aber in Gefahr steht, nur noch Informationen zu verarbeiten und sich kein Wissen mehr zuzutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin bedarf es dafür einer gewissen kommunikativen Offenheit - wenigstens in diesem Punkt kann man die 40-Jährigen doch beglückwünschen. Oder nicht?

Bude: Schon. Die 40-Jährigen, die gerade überall das Heft in die Hand nehmen, sind smart, schnell und ironiebegabt. Aber Ironie kann auch Schutzmechanismus sein, weil man weder den anderen noch sich selbst traut.

SPIEGEL ONLINE: Sang die britische Popband Pulp um Jarvis Cocker nicht schon vor 15 Jahren "Irony is over"?

Bude: Stimmt aber nicht. Im Gegenteil, die Ironietechniken haben sich eher verfeinert. Pop ist übrigens auch ein gutes Beispiel, um die 40-Jährigen zu erklären. Sie haben Pop verinnerlicht wie keine Generation zuvor, aber der Pop hat sich ungeheuer ausdifferenziert und kann gar nicht mehr über einen Kamm geschert werden. Die Popmusik ist heute ein Arsenal sehr spezieller Ironien, mit denen man sich erkennt, ohne sich was zuzumuten. Pulp waren möglicherweise die letzte Band, die im großen Stil Ironie und Haltung zusammengebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie attestieren den 40-Jährigen also eine hohe Ironie-, Medien- und Kommunikationskompetenz - die allerdings geradewegs in die Haltungslosigkeit führt?

Bude: Im gewissen Sinne. Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich fürchterlich. Wie kann man denn nun die 40-Jährigen aus ihrer lähmenden Optimierungsroutine reißen?

Bude: Man müsste den Blick wohl weiten: Interessanterweise gibt es jetzt eine Reihe global denkender und sich fühlender Intellektueller, die in Pakistan, in der Dominikanischen Republik oder in Äthiopien geboren sind und in London, Paris oder Berlin leben. Und die stellen uns jetzt auf die Probe, indem sie andere Visionen einer Moderne entwerfen. Das könnte eine gefährliche Begegnung sein, die aber fruchtbar werden kann. Weil die alten Ironiereflexe hier versagen. Da ist mit der Selbsttechnologie von Null Fehler nichts zu machen.

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