Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Es ist ein Junge

Kommt es zu einer Gewalttat, fragen wir nach der Geschichte des Täters, nach seiner Herkunft, nach seiner Ideologie und seiner Motivation. Nach dem Geschlecht zu fragen, haben wir uns abgewöhnt. Warum?
Hooligan in Frankreich

Hooligan in Frankreich

Foto: Carl Court/ Getty Images

Wenn wir von einer Schwangerschaft erfahren, stellen wir oft zwei Fragen: Wann ist es so weit? Und: Weiß man schon, was es wird? Wenn wir von Schlägereien, Massenmord, Vergewaltigung oder Mord in oder nach Beziehungen hören, fragen wir nicht mehr: Weiß man schon das Geschlecht? Wir gehen davon aus, dass es Männer waren.

Die prominenten Fälle, in denen es um Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen geht, sind so vielzählig wie hässlich.

Die Sängerin Kesha, die Schauspielerin Amber Heard, das Model Gina-Lisa Lohfink: Sie alle müssen damit kämpfen, dass ihnen nicht geglaubt wird . Gegen den zurückgetretenen Nürnberger CSU-Landtagsabgeordneten Michael Brückner, der eingeräumt hat, Sex mit einem 16-jährigen Mädchen gehabt zu haben, wird wegen des Verdachts auf Missbrauch einer Minderjährigen ermittelt . Der 21-jährige Brock Turner, der eine bewusstlose Studentin in Stanford hinter einer Mülltonne vergewaltigt hat, muss maximal sechs Monate ins Gefängnis, und derweil sorgt sein Vater sich, dass der Junge sein Steak nicht mehr mag. In Katar wurde eine Touristin wegen außerehelichen Sexes verurteilt, weil sie eine Vergewaltigung angezeigt hatte .

In Italien wird gerade wieder viel über Mord an Frauen debattiert, unter anderem weil ein eifersüchtiger Mann seine Ex-Freundin gewürgt und verbrannt hat . Am Freitag erschoss in Orlando ein Mann die Sängerin Christina Grimmie, in Berlin wurde eine Frau durch Messerstiche anscheinend von einem Mann getötet , in Los Angeles gab ein Gericht das Strafmaß für den Schauspieler Michael Jace für den Mord an seiner Frau  bekannt. Am Wochenende eskalierte der Konflikt zwischen extrem gewaltbereiten Hooligans in Marseille, ein Brite schwebte vorübergehend in Lebensgefahr. In Berlin wurde in der Nacht zum Sonntag ein weiterer Mann festgenommen, der offenbar seine Freundin getötet hat . In derselben Nacht tötete ein Mann in einem queeren Club in Orlando 49 Menschen und verletzte 53 weitere. In Potsdam beginnt heute der Prozess gegen den Mörder der Jungen Mohamed und Elias .

Es geht um nichts Geringeres als die Frage, wem die Welt gehört

Das sind alles unterschiedliche Fälle. Wenn wir uns aber bei jedem einzelnen Fall fragen, ob wir uns ernsthaft vorstellen können, dass eine Frau diese Taten begangen haben könnte, müssen wir wohl antworten: nur mit Mühe. Wir sind daran gewöhnt, dass es Männer sind, die glauben, sie könnten anderen vorschreiben, wie diese sein sollten, und die meinen, entscheiden zu können, wer leben darf und wer nicht. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Frage, wem die Welt gehört. Doch je mehr wir uns in jedem einzelnen dieser Fälle einreden, dass dies die Tat eines Verrückten  gegen die gesamte Menschheit war, umso weniger verstehen wir, was da passiert ist.

Natürlich verstehen wir längst nicht alles und vielleicht immer noch fast nichts, wenn wir daran denken, dass der Täter ein Mann war. Milliarden Männer haben noch nie jemanden umgebracht oder auch nur verletzen wollen. Aber wir verstehen, wie sehr wir uns an Gewalt von Männern gewöhnt haben, wenn wir nicht mehr nach dem Geschlecht des Täters fragen.

Männlichkeit an sich erklärt diese Taten zwar nicht, aber wir können sie bei der Frage, wie weitere Taten verhindert werden können, nicht außer Acht lassen. Die Essayistin Rebecca Solnit hat geschrieben , "when you say lone gunman, everyone talks about loners and guns but not about men".

Wir reden nicht über Männlichkeit, obwohl wir umgeben sind von Gewalt, die von Männern ausgeht. In Deutschland erfasste die Polizei 2015 jeden Tag rund 19 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen , und das sind nur die Fälle, die bei der Polizei angezeigt wurden, die Dunkelziffer ist wesentlich höher . Insgesamt waren unter den Verdächtigten im Bereich Sexualstraftaten 93 Prozent Männer, bei Straftaten gegen das Leben 83 Prozent .

Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer. Mal greifen wir tief in die Kiste der Naturphänomene, bei denen es um Triebe und Hormone und im Zweifel um die Erhaltung der gesamten Menschheit geht. Mal ist es die Religion, also eine Glaubenssache, die sich auf übernatürliche Art jeglichen weiteren Fragen entziehen kann, weil sie sich im Bereich des Irrationalen bewegt. Mal ist es Kultur und Bildung, das Versagen der Kindergärten und Schulen im Vorleben diverser Männlichkeitsrollen, und mal ist es einfach Alkohol. All diese Gründe können zwar auf ihre Art und im jeweiligen Kontext ihren kleinen Teil dazu beitragen, ein Verhalten zu erklären - aber nie, es zu entschuldigen. Es ist schlicht nicht damit getan.

Die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt ist ein weltweites Phänomen: Es gibt sie auf allen Kontinenten, selbst auf Südseeinseln mit zweistelligen Bewohnerzahlen.

Etwas als globales Problem festzustellen, kann natürlich auch heißen, sich der Verantwortung zu entziehen. "Ist doch überall so." Das wäre das Falscheste, was wir tun können. Ähnlich falsch wäre es, Männer dafür einfach zu hassen. Es geht nicht darum, Menschen abzulehnen, sondern etwas zu thematisieren und zu bekämpfen, das in ihnen steckt, und das ist viel komplizierter.

Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen

Im Englischen gibt es den Begriff der "toxic masculinity" , also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Dazu gehört auch die Vorstellung einer gigantischen Ladung sexueller Triebhaftigkeit , die nur mit Mühe in zivilisierten Bahnen gehalten werden kann. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein "richtiger Kerl" nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite räumen müsse - ein Problem für Frauen und Männer.

Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der "Natur" von irgendwem liegt. Vor einer Weile fand man auch noch, dass es natürlich und gut ist, wenn Eltern und Lehrer Kinder schlagen. Heute denken die meisten von uns das nicht mehr, und wir halten es nicht für verhandelbar, ob Männer Frauen schlagen dürfen. Aber wir wundern uns auch nicht, wenn sie es tun.

Wir halten es für eine verdammte Selbstverständlichkeit, dass eine Frau in der Dämmerung nicht mehr im Wald joggen gehen sollte. Eine Frau. Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen. Vielen Männern ist nicht klar, wie sehr Frauen die Angst und den Schutz vor Gewalt in ihren Alltag integrieren. Wie sehr wir ein Klima von Bedrohung für normal halten. Wie oft wir ein Taxi nehmen, um nach Hause zu kommen, nicht aus Bequemlichkeit, sondern um sicher nach Hause zu kommen. Wenn wir das Geld haben.

Selbst Männer, die sich für komplett harmlos halten, können etwas dafür tun, dieses Klima der Angst zu ändern. Wenn Sie zum Beispiel abends auf der Straße allein hinter einer Frau laufen und diese Ihre Schritte hört, oder wenn Sie ihr entgegenkommen, wechseln Sie doch die Straßenseite. Sie ahnen nicht, wie erleichternd das sein kann.

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Foto: SPIEGEL ONLINE