Sibylle Berg

Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle Krise der Männlichkeit

Frauen und Homosexuelle werden zunehmend als Lebewesen wahrgenommen. Vielen Männern macht das Angst - sie versuchen, diese Entwicklung gewaltsam aufzuhalten. Da hilft nur eins: Gegenwehr.

Die gefühlte Krise, in der sich die Welt zu befinden scheint, die Auflösung, das Zusammenbrechen der Systeme, die immer vor einer Weiterentwicklung stehen, ist auch eine Krise der Männlichkeit .

Bleiben Sie bitte, gehen Sie nicht, lesen Sie weiter. Ich nehme Millionen großartiger Forscher, Wissenschaftler, Feuerwehrmänner, Brüder, Buddys, Väter aus. Es bleiben dennoch viele Männer mit Angst. Vor dem Verlust von Macht und Wichtigkeit, die von allen Seiten bedroht wird. Von der Natur, an deren Raubbau sie beteiligt waren, als CEOs und Politiker, als normale Grummelbürger. Bedroht von fußballspielenden Frauen, Homosexuellen, Ausländern und Robotern, der Angst vor dem Aussterben .

Sagen wir kurz: vor der Entwicklung. Was gerade erfolgt, ist ein gnadenloser Backlash der Gewalt. Als hätten Millionen Männer in der Fernseh-Gruppe Margaret Atwoods Verfilmung "The Handmaid's Tale"  geschaut und sich auf die Schulter geschlagen. Es ist einfach, haben sie gedacht. Was seit Jahrtausenden gewirkt hat, um die Uschen in Schach zu halten, ist Gewalt. Das mögen sie nicht, wir sind die mit dem lauteren Organ. Und den Muskeln. Warum sollte falsch sein, was sich so bewährt hat.

Der Backlash ist gut organisiert. Er betrifft Frauen und Homosexuelle, was für die Anhänger der alten Ordnung an subversiv anarchischer Bedrohung dasselbe ist .

Das Verweisen der nicht Normkonformen auf ihre Plätze läuft! Eine neue Partei propagiert vehement die traditionellen Werte, sprich: Frau zu Hause. Mann macht Geld. Was sich spätestens bei der Scheidung als schlechte Idee erweist. Diverse europäische Länder planen die Erschwerung von Abtreibungen. Verbieten Homosexualität. Ja nun. Vermutlich aus Liebe zum Kind. Obwohl - würden Männer sich wirklich für Babys interessieren, blieben sie zu Hause und würden sie wickeln. Wären sie an Nachwuchs interessiert, würden männliche Politiker sicherstellen, dass Hebammen gut bezahlt würden, Krippen und Kindergärten flächendeckend angeboten und Alleinerziehende finanziell besser unterstützt werden.

Es geht nicht um die Liebe des Mannes zum ungeborenen oder geborenen Kind, es geht um Macht. Um Bestimmung und die große Schmach, dass Frauen es wagen, das Geschenk des Lebens, das der Mann in sie legte, einfach zu verweigern.

Weltweit nehmen Vergewaltigung, Brutalität und Morde an Frauen und Homosexuellen zu.

Jede Frau, die sich zum Beispiel aus dem (auch nicht zwingend sicheren) Innenraum wagt, weiß, dass Gewalt verbal beginnt. Ich habe für jede Verständnis, die Angst vor dumpfer Bepöbelung im Netz hat, die sich nicht in der Presse sezieren und erniedrigen lassen will. Sondern schweigt. So wie viele Frauen aus Angst um ihr Leben, aus Angst vor Gewalt zu allen Zeiten geschwiegen haben. Wenn eine Frau auf Gewalt aufmerksam macht, wenn sie fordert, beschreibt, anklagt, werden tausend Stimmen ihre Worte relativieren. Wenn sie zu laut ist, wird sie niedergebrüllt. Wenn sie zurückschreit, ist sie hysterisch. Wenn sie tot ist, herrscht endlich eine Ruhe. Oder sie lässt sich einfrieren. Um in hundert Jahren nochmal nachzusehen, wie der Stand so ist.

Im Moment scheint die erfreuliche Entwicklung, Frauen und Homosexuelle als Lebewesen wahrzunehmen, zu stagnieren. Der Krieg gegen die Demokratie ist immer ein Krieg gegen Frauen und Minderheiten. Aber nun kommt die gute Nachricht: Wir sind viele. Viele Männer und Frauen, die sich zur Wehr setzen. Die genug haben von Hass, Diskriminierung und den Zerstörungsversuchen aller humanistischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte.

Bis Frauen über ebenso viel Kapital wie Männer verfügen, wird es dauern .

Ehe Homosexuelle die gleichen Rechte wie Heterosexuelle haben werden,  ehe sie anerkannt genauso viel Mist bauen können wie heterosexuelle Männer, wird es noch eine Weile benötigen. In der Zwischenzeit hilft es nur zusammenzuhalten.

Sich zu vernetzen, um sich Stärke und Gehör zu verschaffen . Um sich gegen den albernen Backlash-Versuch verängstigter Männer in der Politik zu wehren. Das kann Spaß machen. Und die Welt wirklich verändern.

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