Fotostrecke

Revolten in den Großstädten: Warum alles auf einem Platz begann

Foto: Uriel Sinai/ Getty Images

Revolten in den Großstädten Platz da!

Zuccotti Park in New York, Syntagma-Platz in Athen, Tahrir-Platz in Kairo - und nun der Taksim-Platz mit dem benachbarten Gezi-Park in Istanbul: Warum beginnen Revolten heute auf den Plätzen der großen Metropolen? Weil sie Labore sind - für Öffentlichkeit und Basisdemokratie.

Die Regierung stürzen? Das Parlament stürmen? Nein: "Auf dem Platz bleiben!" und "Zurück zum Platz!" waren die Losungen, die die Demonstranten sich zuriefen, als die ersten Tränengasbomben platzten und beißende Schwaden die Menge vom Syntagma-Platz zu vertreiben begannen.

Das war im Februar 2012 - die letzte riesige Demonstration in Athen -, Hunderttausende gingen gegen die Verabschiedung des zweiten Sparpakets auf die Straße. Ohne Vorwarnung und hektoliterweise verschoss die griechische Polizei das ätzende Gas - doch die Demonstranten waren vorbereitet: Junge Anarchisten wie Omas mit Pelzkragen-Mäntelchen - alle waren sie mit Einweg-Gasmasken und Tüchern gekommen und hatten das säurebindende Magenmittel Maalox in Sprühflaschen dabei. Als ich blind und benommen im Tränengasnebel herumirrte, war sofort jemand da, der mir die milchige Flüssigkeit in Gesicht sprühte. Es ging nur um eins: sich dabei zu helfen, auf dem Platz zu bleiben, zum Platz zurückzukommen!

Bereits 2011, als die Polizei mit ständigen Gasattacken das Camp auf dem Syntagma-Platz aufzulösen versuchte, kam unter den Protestierenden die Metapher von der Kakerlake auf: "Wir sind wie Kakerlaken", hieß es auf dem Syntagma-Platz. Nach dem Motto: Je mehr sie uns besprühen, desto resistenter werden wir - wie Ungeziefer. Wenn wieder die dumpfen Detonationen der Gaspatronen zu hören waren, zog man sich zurück in die Seitenstraßen - und kehrte bei nächster Gelegenheit zurück. "Wir gehen nicht, bevor sie nicht gehen!", lautete der Slogan.

Wie sich die Bilder gleichen. Auch die türkische Polizei attackierte die Besetzer des Gezi-Parks, als wären sie lästiges Geschmeiß. Zwei Tage und Nächte lang fegte man sie mit Reizgas-Bombardements und Wasserwerfern vom Platz, verbrannte und zerknüllte ihre Zelte. Es nützte nichts, die Leute kamen zurück. Und es wurden immer mehr. Sie bauten die Zelte wieder auf, sangen Spottlieder auf die Regierung und bastelten aus leeren Gaspatronen Raki-Becher. Ein paar Tage später platzt der Taksim-Platz aus allen Nähten. Die Protestierer ließen vom Atatürk-Kulturzentrum ein Transparent mit der Aufschrift herunter: "Boyun eme" - "Gebt nicht auf".

Dem Anlagekapital zu Diensten

Aber warum? Was bringt Hunderte, manchmal Tausende Menschen dazu, sich spontan auf Plätzen zu versammeln, dort Camps und Versammlungen zu organisieren und sich dafür mit Pfefferspray, Reizgas, Gummigeschossen und Knüppeln traktieren zu lassen? Warum riskieren sie für die Anwesenheit auf einem öffentlichen Platz ihr Augenlicht, ihre Knochen oder gar ihr Leben, wie dieser Tage in Istanbul oder wie 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo?

Die Metropole, schreiben die beiden Gesellschasftsphilosophen Antonio Negri und Michael Hardt, sei "für die Multitude, was die Fabrik für die industrielle Arbeiterklasse war". Will heißen: Wenn im 19. und 20. Jahrhundert der Ort der materiellen Reichtumsproduktion umkämpft war, so streitet die Vielheit der Stadtbewohner heute um die Orte, an denen soziale Beziehungen, Ideen und Wünsche produziert werden.

Und das ist gar nicht so idealistisch gemeint, wie es klingt - wie sich am Beispiel Istanbul gut zeigen lässt. Unter der Regentschaft von Tayyip Erdogan ist die türkische Megametropole zu einer Global City wie aus dem Bilderbuch geworden: Internationales Anlagekapital kann hier bauen, was, wo und wie hoch es will - völlig rücksichtslos gegenüber Umwelt- und Hochwasserschutz oder gegenüber den Rechten der Stadtbewohner und ihrem kulturellen Erbe.

Wer wissen will, was Istanbuls Polizisten und Bulldozer vor den Straßenschlachten im Gezi-Park so alles getrieben haben, braucht sich nur die Bilder von der Zerstörung des jahrhundertealten Viertels Sulukule anzusehen, etwa in Barsony Katas Film "The Last Days of Sulukule" . Oder sich mit Hilfe der beeindruckenden Dokumentation "Ekümenopolis"  die irrwitzige städtische Vertreibungspolitik zu vergegenwärtigen, die Hunderttausende von Geçekondu-Bewohnern in unwirtliche Hochhausbetonwüsten weitab des Stadtzentrums verfrachtet.

Metropolen blähen sich auf

Es mag sein, dass bei den Platzbesetzungen in Istanbul, Ankara und anderen Städten der Türkei die urbanen Mittelschichtskids am besten sichtbar sind, die sich von Erdogans neoliberal-nationalistischer Tugendpolitik nicht länger schurigeln lassen wollen. Doch in den Jahren zuvor haben die Wasserwerfer und Räumkommandos eben vor allem die neuen Armen getroffen, die aus den deindustrialisierten ländlichen Gebieten in die Städte gekommen waren.

Sprich: Was Ende Mai im Gezi-Park begann und sich in den Folgetagen zu einem Flächenbrand ausweitete, war nicht zuletzt der Kampf einer urbanen Multitude gegen die immer hochtourigere Verwandlung ihrer Stadt in eine Anlagesphäre für globales Immobilienkapital. Der Fortschritt, den Politiker wie Erdogan preisen, stellt sich vor allem als Aufblähung der Metropolen da: noch mehr Shopping Malls, Bürohochhäuser, Golfclubs, Marinas, Gated Communities, mehr Schnellstraßen, Brücken, Tunnel, Arenen und Mehrzweckhallen, mehr Autos, Hotels, Restaurants, Einkaufs- und Gastro-Ketten. Mehr Videokameras und private Sicherheitsdienste, mehr schlechtbezahlte McJobs, mehr trostlose Großsiedlungen.

Deshalb ist der kleine Park mit seinen 15 Bäumen im Zentrum von Istanbul heute ein Symbol für die Zerstörung von Öffentlichkeit und urbanem Gemeingut überhaupt. Und deshalb konnten sich die Baumschützer vom Gezi-Park in die Herzen so vieler Menschen spielen. Und deshalb will Erdogan sein Projekt eines als historisierte ottomanische Kaserne getarnten Shopping Center auch gnadenlos durchziehen.

Das Ende der Euphorie

"Nun wurden wegen nicht einmal 15 Bäumen im Gezi-Park drei Menschen ermordet", erklärte der türkische Premier in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in einer zynischen Rede - als wüsste er nicht, dass es im Gezi-Park nicht um Bäume geht. Dass Gezi und Taksim-Platz, ähnlich wie der Zuccotti-Park in New York, die Puerta del Sol in Madrid oder der Syntagma-Platz in Athen, zu dem geworden sind, was Negri und Hardt einen "Schauplatz der Organisation und der Politik" nennen.

Seit Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 schaut die Öffentlichkeit jedes Jahr auf metropolitane Plätze, um atemlos zu verfolgen, wie aus kleinen Gruppen Entschlossener in rasantem Tempo Experimentierfelder für Basisdemokratie, Ideenproduktion und Gemeingüterökonomie werden. Vielleicht zu naiv, vielleicht nicht hochskalierbar auf tatsächliche gesellschaftliche Dimensionen - aber definitiv ausbaufähig.

Natürlich müssen wir auch immer wieder das Ende dieser Experimente miterleben: Wie die Euphorie des Ausnahmezustands nach ein paar Wochen oder Monaten an der staatlichen Repression - und ein wenig auch am eigenen Verschleiß - zuschanden wird. Die Revolten mögen auf den Plätzen der Städte beginnen - gewonnen werden sie dort nicht. Dennoch: Das Faszinosum der revoltierenden Plätze, dass Menschen an Ort und Stelle die Idee einer anderen polis einzurichten und zu leben beginnen, bleibt ansteckend.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.