Ghetto-Chronist Tobias Zielony Immer rein in die No-go-Area!

Banden-Territorien und soziale Brennpunkte: Tobias Zielony fotografiert dort, wo sich kaum ein Außenstehender hintraut. Eine Frankfurter Ausstellung zeigt jetzt seine Bilder und Filme aus Winnipeg. Höhepunkt ist ein Interview - ein indianischer Ex-Boss erzählt von seinem Ausstieg aus einer Gang.


Tobias Zielony kann gut mit Menschen. Das klingt erst einmal banal. Zielony allerdings ist ein Künstler, dessen Werk ohne diese Eigenschaft nicht vorstellbar wäre.

Der 1973 geborene, in Berlin lebende Fotograf macht Bilder, die mal grell, mal düster, mal übermütig wirken, immer irgendwie beiläufig und doch anrührend. Protagonisten sind die Jugendlichen in den desolaten Vorstädten von Newport, Halle oder Marseille. Meist fotografiert er sie dort, wo sie abhängen und rumposen, dort, wo sich kaum einer in ihre Nähe wagt: an Bushaltestellen, auf Parkplätzen, nachts im Lichtkegel von Flutlichtern oder im fahlen Schein von Netto- oder Aral-Signets. Es entstehen Aufnahmen, deren Intensität man anmerkt, das sie nicht aus sicherer Distanz geschossen wurden, sondern dass die Jugendlichen den Mann mit der Kamera ziemlich nah an sich herangelassen haben.

Zielony bringt es fertig, sich an das Leben der Jungs in der gigantischen Betonburg Vele di Scampia heranzuzoomen, einem neapolitanischen Vorort, dessen heruntergekommene Wohnsilos von der Camorra beherrscht werden und als No-go-Area gelten. Er erkundet die Indianergangs im kanadischen Winnipeg, ihr Umherschweifen zwischen Kriminalität und Familie, zwischen globalen Jugendstyles und Stammeszugehörigkeit, zwischen Wohnvierteln, die Ghettos gleichen, und den Reservaten draußen in der Prärie.

Diese "Manitoba" genannte Serie aus 42 Aufnahmen wird jetzt im MMK Zollamt, der Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, erstmals nahezu umfassend gezeigt. Am Tag vor der Eröffnung führte Zielony selbst durch die Ausstellung. Wie er die Schar von ahnungslos bis blasiert blickenden Presseleuten im Nu in offen fragende und genau hinsehende Neugierige verwandelte, ließ ahnen, mit welcher Haltung er auch die Protagonisten seiner Fotos für sich gewinnen kann.

Reservat und Jugendclubs

Schnörkellos und aufmerksam beantwortete er die Fragen: Wie kam er auf Winnipeg? Ein Kurator und eine Freundin hatten ihn neugierig gemacht. Wann und wie lange? 2008 für fünf Wochen. Vorkenntnisse? Mangelhaft, ein paar Winnetou-Filme. Aber der ortskundige Regisseur Noam Gonick, der einen Film über die Gangs gedreht habe, habe ihm die einschlägigen Orte gezeigt, erste Bekanntschaften vermittelt. Dann sei er durch die Stadt gelaufen, sei mit einer Familie hinaus gefahren in ein Reservat, habe Jugendclubs besucht und so allmählich seine Bilder machen können.

Zielony legte vieles offen, aber nicht alles. So verriet er nicht, ob die Aufnahme der beiden Jungs, die so filmstillmäßig im Auto herumsitzen, dokumentarisch sei oder inszeniert. Nein, das wolle er nicht auseinanderdividieren. Schließlich sei gerade diese Vermischung des Realen und Fiktiven wichtig: Sobald er da sei mit seiner Kamera, würden sich die Jugendlichen ohnehin stets ein wenig selbst in Szene setzen, so wie ihre Posen auch vorher schon von medialen Vorbildern geprägt seien.

Ob dieses androgyne Mädchen auf ihrem BMX-Bike vor der begrünten Müllhalde auch ein Gangmitglied sei? Hier machte Zielony klar, was seine Fotografie nicht ist: Sie ist keine quasisoziologische Erkundung. Zu den Fotos gehören keine Fußnoten, die biografische Details offenlegen. Sie sind eine subjektive, sehr vorsichtige Annäherung an Lebensweisen, die nicht nur Einblicke zulässt, sondern auch Nichtwissen fühlbar macht. So wie sie auch offenlässt, ob die Jugendlichen nun vordringlich Täter sind oder vor allem Opfer - von Rassismus etwa, von Ausgrenzung oder Perspektivlosigkeit.

Der Gang-Boss erzählt

Nicht umsonst erklärt Zielony seine Bilder in Frankfurt nicht mit scheinobjektiven Infos über die Situation der "First Nation", der "Aboriginals" oder "Natives", wie die ehemaligen "Indians" heute genannt werden. Vielmehr ergänzt er sie mit zwei weiteren subjektiven Werken: Seine Klanginstallation verarbeitet die Notizen der amerikanischen Autorin Andrea Hiott, die auf seinen Spuren ebenfalls nach Winnipeg reiste. So erfährt man von ihren Erkundungen zu Korruption in den Reservaten, zu den Problemen mit Alkohol und Drogen und den Umerziehungsschulen, die Kindern die indianischen Traditionen austrieben. Verbindungen zu den Fotos deuten sich an, werden aber nie eindeutig.

In seinem Film "The Deboard" lässt Zielony einen ehemaligen Indianergang-Boss erzählen: Als dieser ein Strafritual gegen seinen eigenen Bruder anordnen musste und sich gleichzeitig für das Bauen von indianischen Trommeln zu interessieren begann, entschied er sich für den Ausstieg aus der Bande. Dafür musste er sich einem kruden und lebensgefährlichen Ritual unterwerfen: Erst, nachdem er fünf Minuten lang von den verbleibenden Gangmitgliedern nach Kräften zusammengeschlagen worden war, war er frei.

Mit Inkongruenz von Ton und Bild, mit extrakörnigen Schwarzweißaufnahmen und dem schwer verständlichen Englisch der Off-Stimme lässt der Film offen: Erzählt da einer, wie er wirklich fast erschlagen worden wäre? Übertreibt er gewaltig? Oder erfindet er gar, was sein Gegenüber vielleicht hören möchte?

Wenn Zielonys Fähigkeit, das Vertrauen von Außenseitern zu gewinnen, zu allzu einfühlsamen Porträts verleiten könnte, mischt sich da offensichtlich immer noch Zielony, der Medienskeptiker, ein. Und der ist ein ziemlich kluger Beobachter seines eigenen Verfahrens.


Tobias Zielony: Manitoba, 12. November 2011 bis 15. Januar 2012, MMK Zollamt, Frankfurt

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