"Gina-Lisas Welt" Die Vollprolette

Wie man sie auch dreht und wendet: Gina-Lisa Lohfink fehlt es an Klasse und Stil. Sie war Heidi Klums Ex-Topmodel-Kandidatin, sie flog raus, sie ist ein Phänomen, nun hat sie sogar eine Doku-Soap auf ProSieben - wundervoll!

"Ich seh' immer so pornomäßig aus", stellt Gina-Lisa fest - mit einer Stimme, dass man sich ernsthaft kurz fragt, wie viele Stunden "so Pornomäßiges" wohl schon hinter ihr liegen. Was immer sie darunter versteht.

Gina-Lisa Lohfink, Ex-Kandidatin von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel", hat nach ihrem Rauswurf mit "Gina-Lisas Welt" jetzt ihre eigene Bühne. Eine, die sie nicht gegen eine sadistische Oberlehrerin oder missgünstige Konkurrentinnen verteidigen muss. Eine, in der sie sich ausleben kann, in der sie zeigen kann, wie sie ist.

Das ist zwar alles andere als modeladäquat. Aber unterhaltsam.

Zunächst hatte ProSieben die Einblicke in das Leben der 21-jährigen Hessin als fünfminütiges Online-Format im Internet publiziert. Ermutigt durch eine Vielzahl an Abrufen hat der Sender nun ein Fernsehformat daraus geschaffen, das mit Werbeunterbrechungen 60 Minuten lang die Zuschauer bannen soll. Mit schon Gesendetem und allem, was bisher nicht den Weg in die Fünf-Minuten-Girlie-Terrine gefunden hatte.

So wird die junge Frau scheinbar bei allem begleitet, was ihr Leben ausmacht: der Wohnungssuche, der "Sex and the City"-Filmpremiere, dem Kaffeekochen, auf dem Weg zum Flughafen und nach Athen - auf die 15 Millionen Euro teure Yacht ihres Zahnarztes. Zum "Zähne plietschen". Wie auf Speed rauscht sie durch jeden einzelnen der meist arrangierten Auftritte, kreischt und quiekt, labert und brüllt: "Schätzelein, komm mal her, ich mach dich berühmt!"

Immer eine prollige Note

Zwischendurch ist Gina-Lisa auf einem Stuhl zu sehen, damit der Zuschauer bei diesem Rennen nicht die Bodenhaftung verliert - und um im Nachhinein eine Brücke zu den ursprünglich nur für fünf Minuten produzierten Häppchen zu schlagen. In der gediegenen Atmosphäre eines Hotelzimmers sitzt sie in pinkfarbenem, prall gespannten Shirt mit langen, platinblonden Haaren und erläutert noch einmal das Geschehen, ihre Gefühle, ihre Welt.

Wer "Germany's next Topmodel" gesehen hat, dem hat sich der Verdacht aufgedrängt, dass Gina-Lisa aus dramaturgischen Gründen sehr lang im Rennen blieb. An ihrem Äußeren kann es nicht gelegen haben. Wie man sie auch dreht und wendet, es fehlt Gina-Lisa an Klasse und Stil.

Immer hat ihr attraktives Gesicht, ihre süße Schnute eine prollige Note. Daran kann auch das Abschneiden ihrer weißblonden Mähne nichts ändern, durch das sie immerhin sehr nah an den kraftvollen Stil der Sängerin Pink herankam. Gina-Lisa ist eine Vollprolette von den Zehen bis in die Haarspitzen.

Und darin ist sie gut.

In ihrer Direktheit, mit ihrer koddrigen Schnauze, ihrer Schmerzfreiheit ist sie beeindruckend und überzeugend.

Ein bisschen Mark Medlock

Sie scheint für jeden Mist zu haben und gibt dabei allem freien Lauf, was ihr durch den Schädel schießt. Die Bandbreite reicht von "Hungä!" bis "Möpse wie Klöpse". Ähnlich wie bei Mark Medlock trägt ihre hessische Sprachprägung maßgeblich zur Markenbildung bei. So schaut man ihr gebannt zu, wie sie sich dauerbesoffen von sich selbst durch eine Welt bewegt, die, wäre sie nicht eine mediale Inszenierung, so gar nicht die ihre wäre: die der Luxushotels, der Filmpremieren, der Fernsehauftritte.

Dem Zuschauer wird suggeriert "Gina-Lisas Welt", die Erlebnisebene einer ausgeschiedenen Kandidatin einer Model-Casting-Show, die in der Branche als Karrierekiller gilt, sei die eines Superstars. Tatsächlich wäre mit dem Rauswurf Schluss mit Lustig und dem ganzen VIP-Gedöns, doch hat der Sender, anders als bei den anderen Kandidatinnen, die Projektionsfläche der blonden Sirene erkannt.

Anlass genug, eine Welt aus Interviews und Shuttle-Service um die 21-Jährige herum aufzubauen und so zu tun als ob. Der Subtext, der ihr schon bei Heidi Klums Fleischbasar so viele Sympathien einbrachte, ist die Genugtuung der am Mittelstand Vorbeigeschrammten.

Ähnlich wie Mark Medlock scheint Gina-Lisa zu beweisen, dass man die Sprache der Etablierten nicht sprechen muss, ihre Regeln nicht kennen und beherrschen, um im vermeintlichen Jet-Set mitzumischen. Eine pornomäßige Vollprolette wie die Fitness-Center-Mitarbeiterin scheint abermals die Regeln derer, die die Definitionsmacht haben, außer Kraft zu setzen. Dumm nur, dass das Reglement langfristig mehr verlangt, als lediglich das Zeug dazu zu haben, für 15 Minuten berühmt zu sein.

Und so gibt es nur zwei Momente, in denen die Kunstwelt für einen kleinen Augenblick aufbricht. Der eine ist, als VIP Johannes B. Kerner nach ihrem Auftritt bei ihm nach einem Autogramm fragt und kindliche Freude sein Gesicht erhellt. Der andere ist, als Gina-Lisa bei einer Wohnungsbesichtigung dem Vermieter verdeutlichen will, dass von ihr keine Ruhestörung zu befürchten sei und sagt, sie sei immer unterwegs: "Ich bin immer viel am Arbeiten."

Dass die Darstellung von "Gina-Lisas Welt" Arbeit, also eine Inszenierung zum Broterwerb sei, ist sicherlich keine Idee, auf die ProSieben seine Zuschauer bringen möchte.

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