Glaskugel- Bildband Massaker im Kunstschnee

Ganz schön schaurig: Mit Figuren, die wie aus dem Märklin-Katalog aussehen, baut das Künstlerpaar Walter Martin und Paloma Muñoz merkwürdig-brutale Szenerien in Glas-Schneekugeln.

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Wann eigentlich haben Sie zum letzten Mal eine Schneekugel gekauft? Oder zumindest in der Hand gehabt, geschüttelt und zugeschaut, wie in der Glashalbkugel der Kunstschnee auf Sehenswürdigkeiten, küssende Paare oder den Weihnachtsmann fällt? Als Kind? Und halten Sie diese Schneekugeln heute für Kitschprodukte längst vergangener Jahre? Dann ist es Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen.

"Travelers"-Buchcover: Nur von weitem Idylle

"Travelers"-Buchcover: Nur von weitem Idylle

Denn in ihrem kleinen englischsprachigen Bildband "Travelers" zeigt das amerikanisch-spanische Künstlerpaar Walter Martin und Paloma Muñoz Fotos von Schneekugeln, die nur von weitem nach Idylle aussehen. Als Weihnachtsgeschenk eignet sich das Buch daher nur für jene, die unterm Tannenbaum noch schwarzen Humor dulden.

"Seltsame Situationen, denen man eher im Traum ausgesetzt ist als in der Realität", so beschreibt Walter Martin, 55, die Szenerien, die er ausgerechnet im Hochsommer im Keller eines Hauses in Südspanien gebaut hat. Fotografiert wurden die Schneekugeln anschließend von Paloma Muñoz, 43, die dann die Bilder noch digital bearbeitet hat.

Schlägt man das Buch auf, ist unter den ersten Bildern eines, das noch romantisch aussieht: eine schlafende Figur in einem langsam zuschneienden Himmelbett. Die Kugel, in der eine Hausfrau versucht, den Schnee von einem Eisberg zu schippen, gehört in die Kategorie der lustigeren Werke.

Dann aber werden die Szenen immer bedrohlicher, brutaler: Eine riesige Spinne frisst einen Mann, ein nacktes Kind läuft durch den Schnee, aneinander gekettete Gefangene auf der Flucht, Tote, aus deren Brustkorb Bäume wachsen, Menschen, die von Klippen ins Eiswasser springen.

Die Figuren kauft der Bildhauer Martin im Handel, dann aber verändert er sie, formt sie um, trennt Körperteile ab und setzt sie neu an, stellt Figuren verschiedener Größen gegenüber. Das Künstlerpaar nennt seine Werke eine "Kombination aus Tragödie und Komödie" und gibt als Inspirationsquelle die deutschen Romantiker an, denn schließlich sei der Protagonist ihrer Kugeln die Schneelandschaft.

Nun denn.

Angereichert ist "Travelers" mit einer Kurzgeschichte des New Yorker Schriftstellers Jonathan Lethem. Sie handelt von einem Mann, der mit seinem Terrier in seinem vom Schneesturm umtosten Haus eingesperrt ist.

Es ist schon ziemlich bemerkenswert, wie geschickt die knapp achtseitige Story das Traumhafte der Schneekugel-Szenarien mit der Erfahrung kombiniert, die Martin und Muñoz in einem Winter im Norden der USA gemacht haben, wenn der Schnee so dick ist, dass man "nicht gehen oder Ski fahren kann und man ins Haus eingesperrt ist".

Eine Erfahrung, die man in Deutschland nur noch in sehr rar gewordenen Momenten machen kann.


Buch Walter Martin, Paloma Muñoz: "Travelers". Aperture Foundation Books, New York; 96 Seiten; ca. 30 Euro.



insgesamt 2 Beiträge
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Methusalixchen 16.12.2008
1. Wie bitte?
"Figuren, die wie aus dem Märklin-Katalog aussehen" – Solche Figuren gibt's im Märklin-Katalog bestimmt nicht oder nur ganz am Rande. DER deutsche (Modellbahn-) Figurenhersteller heißt Preiser.
lis, 18.12.2008
2. ....
Zitat von Methusalixchen"Figuren, die wie aus dem Märklin-Katalog aussehen" – Solche Figuren gibt's im Märklin-Katalog bestimmt nicht oder nur ganz am Rande. DER deutsche (Modellbahn-) Figurenhersteller heißt Preiser.
...und die Häuschen kommen von Faller :-)
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