Margarete Stokowski

Gleichberechtigung Auch mal was fürs Auge

Dürfen Männer kurze Hose im Büro tragen? Wen juckt's. Die viel wichtigere Frage: Warum werden Frauen und Männer in Arbeitszusammenhängen unterschiedlich bewertet?

Wenn das deutschsprachige Feuilleton im 21. Jahrhundert auf die Idee käme zu fragen, ob Frauen bei der Arbeit oder auf der Straße Röcke tragen dürfen oder eine Form von Beinbekleidung, die nicht bis zu den Schuhen reicht, dann könnte man es guten Gewissens für komplett bescheuert erklären, vor allem, wenn dabei irgendetwas anderes herauskäme als die Antwort: Natürlich dürfen sie, es soll gerne ein bisschen schön sein und gerne mehr als man am Strand trägt, aber ansonsten, nur zu.

Bei Männern ist das offenbar nicht so einfach. Also, von mir aus schon. Meine Antwort wäre, dass für Männer das Gleiche gilt wie für Frauen - und von mir aus könnte dieser Text damit zu Ende sein -, aber Andere kommen zu ganz anderen Schlüssen.

"Mehr denn je stellt sich die uralte Frage nach der Legitimation kurzer Männerhosen in der Öffentlichkeit", hieß es neulich in der "Süddeutschen Zeitung" , man zog dort allerhand Experten zurate, die warnten: "Nackte Beine machen den Herrn und seine Heimat lächerlich." Wem die jahrzehntealte Haltung des Deutschen Instituts für Herrenmode oder Straßenumfragen mit Frauen ("find ich nicht schön") nicht reichten, der bekam von der "Süddeutschen" den subtilen Hinweis: "Von Adolf Hitler gibt es irritierende Fotografien, auf denen er eine kurze Lederhose trägt. Später verbot er den Handel mit solchen Bildern, wohl ahnend, dass diese Fotos die Grenze zur Lächerlichkeit kratzten." Unklar, was man daraus folgern soll.

Zweierlei Maß

Aus feministischer Sicht kann man es natürlich erfrischend finden, wenn auch mal darüber debattiert wird, was Männer mit ihren Körpern zu tun haben: welche Körperteile sie verstecken müssen und welche Qualen sie bei Hitze erleiden sollen. Das ist genau so lange erquicklich, bis man merkt, dass es nicht die beste Variante von Gleichberechtigung ist, wenn alle Geschlechter gleich schlecht behandelt werden.

So weit ist es natürlich noch nicht. Niemand erwartet von Männern bisher dieselbe Arbeit am Körper und an der Kleiderwahl wie von Frauen. Ein Mann, der zu jedem öffentlichem Termin denselben Anzug trägt: merkt keiner. Einer Frau, die dasselbe tut: eigenartig, wahrscheinlich innerlich tot. Ungeschminkte Männer: normal. Ungeschminkte Frauen: verwahrlost oder "mutig".

Autorinnen, die auf Fotos nicht lächeln, müssen sich anhören, dass sie verbitterte Trockenpflaumen sind. Autoren, die auf Fotos nicht lächeln, fallen keinem Schwein auf. Frauen dürfen und sollen auch "was fürs Auge" bieten, das ist so eklig, wie es klingt, solange es nicht auch von Männern erwartet wird.

Von Frauen wird oft eine Mehrzweckfunktion erwartet

In einer neuen Studie  haben Organisationspsychologinnen herausgefunden, wie unterschiedlich Frauen und Männer in Arbeitszusammenhängen beurteilt werden. Sie untersuchten, welche Eigenschaften Menschen zugeschrieben wurden, die im Technologiebereich erfolgreich sind. Unter den Männern waren es die, die als selbstbewusst galten. Bei Frauen reichte das nicht: Sie wurden einflussreicher, wenn sie zusätzlich noch als fürsorglich und warmherzig galten. "Um voranzukommen, müssen sich Frauen um andere kümmern, während sich ihre männlichen Kollegen auf ihre eigenen Ziele konzentrieren", sagte die Berliner Leiterin der Studie, Laura Guillén.

Nun könnte man sagen, das ist etwas anderes: ob man von Frauen Schönheit erwartet oder eine soziale Ader. Aber ganz so anders ist es nicht, denn in beiden Fällen geht es darum, anderen das Leben angenehm zu machen. Von Frauen wird oft eine Mehrzweckfunktion erwartet, die für Männer nicht gilt: Sie sollen arbeiten, aber auch dekorativ sein und Harmonie versprühen.

Wer Männern härtere Kleidungsvorschriften macht als Frauen - egal ob im Feuilleton, als Arbeitgeber oder in Straßenumfragen -, bei denen nur lange Hosen und lange Hemden als Auswahl bleiben, stützt letztlich diese Form der Arbeitsteilung: Männer arbeiten in möglichst neutraler Erscheinungsform, Frauen arbeiten und machen alles schön. Wollen wir das? Nein.

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