Gleichberechtigung im Museum Männer ins Depot?

Werke von Männern werden abgehängt, reine Frauenausstellungen konzipiert: Museen bemühen sich, weibliche Kunst zu fördern. Doch auf dem Markt bleibt es knallhart: Verkauft wird, was männlich ist.

Evamaria Schaller

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Andrea Lehnert ist eine Künstlerin, die man als etabliert bezeichnen darf: Sie kann von ihren Gemälden leben. Lehnerts Werke, zumeist Malerei in Öl, werden von einer Galerie in New York verkauft. Sie hatte Einzelausstellungen in Berlin, Düsseldorf, Luxemburg, in den Niederlanden. Es läuft gut, findet Lehnert, auch wenn es immer besser sein könnte.

Bis zum Erfolg war es ein harter Weg, denn dazu gehören nicht nur Talent und Fleiß, sondern auch Beziehungen. "Ich wollte einfach gute Bilder malen. Meinen Weg gehen. Doch ich merkte bald, dass das für eine Frau schwieriger ist als für einen Mann", sagt die 44-Jährige. An der Hochschule in den Neunzigerjahren habe es deshalb unter Frauen enormen Konkurrenzdruck gegeben, während sich die Männer prima verstanden hätten. Es sei fast unmöglich gewesen, Frauennetzwerke aufzubauen.

Das Problem ist ein strukturelles - dass Frauen es im Kunstbetrieb schwer haben, ist keine Neuigkeit. Zunehmend versuchen aber Ausstellungshäuser, männlich dominierte Sichtweisen aufzubrechen. Das Zeitgenössische Museum Ikob im belgischen Eupen etwa hat gerade alle Werke männlicher Künstler ins Depot geräumt und zeigt in der Ausstellung "4 von 10" unter anderen eine Neuerwerbung von Andrea Lehnert. "Wir hängen das nicht an die große Glocke", sagt Kuratorin Miriam Elebe, "deshalb werden einige Besucher vielleicht nicht merken, dass es eine reine Frauenausstellung ist".

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Gleichberechtigung: Kunst von Frauen

Elebe möchte nicht, dass ihre Schau als Kampfansage an Männer gesehen wird. "Manche empfinden Feminismus als überflüssig, weil Gleichberechtigung eigentlich Konsens ist. Doch wir brauchen ihn immer noch, Männer wie Frauen. Deshalb stehen alle unsere Ausstellungen in diesem Jahr unter diesem Oberthema." Auch einen feministischen Kunstpreis will das Museum vergeben - "für den sich natürlich auch Männer bewerben können".

"4 von 10" heißt die Ikob-Ausstellung, weil das Museum bereits zu 40 Prozent Werke von Frauen im Bestand hat. Das ist überdurchschnittlich - aber eben auch noch nicht gleichberechtigt. "Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?" fragte die feministische Gruppe Guerilla Girls schon in den Achtzigerjahren und machte darauf aufmerksam, dass 1989 im Metropolitan Museum in New York nur fünf Prozent der Werke von Frauen stammten, während 85 Prozent der Akte weiblich waren.

Tate Britain: Frauenquote 100 Prozent

Seitdem hat sich die Frauenquote vielerorts verbessert - auch dank einzelner Akteurinnen, die es an die Spitze von Institutionen geschafft haben und dort starke Signale setzen. Maria Balshaw, Direktorin der Tate Britain, hat im April alle Männer der Abteilung britischer Kunst seit 1960 ins Depot schaffen lassen. Balshaw sagte dem "Guardian", sie hoffe, dass den Leuten gar nicht auffalle, dass sie die Werke der Männer abgehängt habe, da Künstlerinnen ein zentraler Teil der neueren Kunstgeschichte seien.

In Paris versucht das Centre Pompidou ebenfalls, Kunstgeschichte weiblicher zu machen. Die Non-Profit-Organisation AWARE arbeitet in einem Dokumentationszentrum und einem Onlinearchiv die Biografien von Künstlerinnen auf, die zwischen 1860 und 1972 geboren wurden.

Auch in Deutschland ist das Geschlechterverhältnis schon seit Längerem ein Thema, die Zahl an female-only Gruppenausstellungen hat stark zugenommen. Die Alte Nationalgalerie in Berlin etwa holt in diesem Jahr Gemälde von Frauen aus dem Depot, die sie zwar seit Jahrzehnten besitzt, aber noch nie gezeigt hat. Die Werke werden von Oktober an unter dem Titel "Kampf um Sichtbarkeit" präsentiert.

"Ins eigene Depot zu schauen und vernachlässigte Kunst ans Licht zu bringen, ist zwar ein richtiger Schritt, der ein Umdenken signalisiert", sagt die Kölner Bildhauerin und Dozentin Karin Hochstatter, 59. Frauen aber als special interest auszustellen, sei nicht unbedingt zielführend. "Langfristig ist das keine Perspektive, Institutionen darauf hinweisen zu müssen, auch Frauen im Bestand zu sichten."

Wie Andrea Lehnert glaubt auch Hochstatter, dass Frauen männliche Machtstrukturen erst verinnerlichen mussten und sich untereinander zu wenig unterstützten. Hochstatter versucht nun, mit ihrer Initiative "Equality for Women in Visual Arts (EWVA)", Frauen besser zu vernetzen und Künstlerinnen sichtbarer zu machen. Um Fragen der Gleichberechtigung im öffentlichen Raum zu thematisieren, hat EWVA auf Einladung des Deutschen Künstlerbunds gerade 800 Plakate in der Berliner Innenstadt aufgehängt, von vier Künstlerinnen gestaltet.

Dem Kunstmarkt kann man keine Quote aufzwingen

Denn was das Missverhältnis monografischer Schauen angeht, muss noch viel mehr passieren, als Depots neu zu sichten. Im Sprengel Museum Hannover und in den Hamburger Deichtorhallen liegt der Anteil der Einzelausstellungen von Frauen bei etwas unter 30 Prozent. "Das spiegelt gefühlt die Sichtbarkeit von Frauen im Kunstbetrieb, etwa ihre Präsenz in großen Galerien, Sammlungen, Messen oder Kunstmagazinen", sagt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen. "Doch der Kunstbetrieb hat viele Akteure und leidet immer noch an vielen Zugangsbeschränkungen. Das muss sich ändern."

Eine verpflichtende Quote für Ausstellungen staatlich geförderter Museen wäre eine Möglichkeit. Feministin Hochstatter sieht eine Quote allerdings nur als Vehikel. "Ziel ist es natürlich, dass sie sich erübrigt. Quoten funktionieren außerdem nur in Institutionen. Galeristen und Sammlern kann man nichts vorschreiben."

Der Kunstmarkt ist tatsächlich noch stark männlich dominiert: Laut einer Untersuchung der Tate Modern achten etwa in der Kunstmetropole London nur fünf Prozent der Händler auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis. Und auf dem aktuellen Index der 50 gefragtesten Künstler, den der Ökonom Roman Kräussl anhand von Preisindizes aus Daten von 700 Auktionshäusern entwickelt, finden sich gerade mal zwei Frauen, posthum (Joan Mitchell und Georgia O'Keeffe).

In einer seiner Studien hat Kräussl festgestellt, dass in Auktionen Werke von Frauen geringere Preise erzielen. Das hat auch mit Vorurteilen zu tun. Sammler empfinden ein Werk als weniger wertig, wenn sie denken, dass es von einer Frau stammt - das haben Experimente gezeigt, in denen Betrachter Werke beurteilen und dazu das Geschlecht der Urheber raten sollten.

Malerin Andrea Lehnert ist schon froh, nicht in den Sechzigern gelebt zu haben, als sich Frauen hinter männlichen Pseudonymen versteckten, um ihre Bilder verkaufen zu können. Trotzdem will sie nicht von einer Quotenregelung profitieren. "Ich habe das ungerechte System schon so verinnerlicht, dass ich glaube, dass ich mir meinen Platz allein erkämpfen muss. Deshalb finde ich solche Ausstellungen wie in Eupen großartig. Es ist immerhin eine Chance, ein Anfang."



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