Gleichberechtigung von Frauen Bis es wehtut

Woran denken Sie beim Stichwort "Feminismus"? Brennende BHs, Oben-ohne-Demos von Femen oder den Frauenstreik in der Schweiz? Erwischt! Über die Formen und Fallen des feministischen Protests.

Feministischer Streik in Zürich am 14. Juni
Arnd Wiegmann/ REUTERS

Feministischer Streik in Zürich am 14. Juni

Eine Kolumne von


Heute finde ich es ausnahmsweise schade, diese Kolumne von meinem Schreibtisch aus zu schreiben und nicht live vorzutragen, weil ich am liebsten mit einem kleinen Spiel anfangen würde, und das ginge so: Schließen Sie die Augen, ich sage Ihnen ein Thema, und Sie sagen mir, welches Bild Sie dazu vor Augen haben. Thema: Feministischer Protest. Was stellen Sie sich vor?

Wie viele von Ihnen haben sich wütende Feministinnen vorgestellt, die ihre BHs verbrennen? Wie viele haben an twitternde Feministinnen gedacht, wie viele an den Women's March, wie viele an Femen, und wie viele an den Frauenstreik in der Schweiz vom vergangenen Freitag?

Gut, Sie werden es mir nicht sagen können, während ich schreibe (aber schreiben Sie es gern ins Forum). Ich kann nur vermuten, dass viele Menschen heute immer noch schnell an BH-Verbrennungen denken, wenn sie sich feministische Proteste vorstellen. Das ist ein bisschen lustig, weil die Sache mit der BH-Verbrennung zum Teil auf einem Mythos beruht.

Es gab zwar 1968 eine Veranstaltung, bei der Feministinnen verschiedene Dinge in eine "Freedom Trash Can" warfen - darunter Wischmops, Playboy-Magazine, Lockenwickler, und eben auch BHs, aber die Demonstrantinnen durften die Tonne nicht anzünden. Es gab dann zwar einige darauffolgende Aktionen, bei denen dann auch mal BHs brannten, aber die ersten Zeitungsmeldungen über die angeblichen "bra-burners" waren schlicht Fake News. Trotzdem muss man sagen: Gemessen an ihrer Wirkungskraft war die "Freedom Trash Can" eine gelungene Aktion.

Der Frauenstreik in der Schweiz ist vielen Menschen in Deutschland komplett entgangen, obwohl er riesig war. Zehntausende Frauen demonstrierten am Freitag für mehr Anerkennung für die Arbeit von Frauen, gegen ungleiche Bezahlung und sexuelle Belästigung. Nun könnte man sagen: Ist doch gut - und egal, wenn Deutsche das nicht mitkriegen. Der Schweizer Streik hatte wohl kaum das Hauptziel, in Deutschland wahrgenommen zu werden, und in der Schweiz war er allemal ein Thema. Die Schweiz hat es bitter nötig, in Sachen Gleichberechtigung voranzukommen, da ist es erst mal egal, ob man das in anderen Ländern mitbekommt.

Ich wage die Annahme, dass die Schweizer Frauen, wären sie nicht in Violett auf die Straße gegangen, sondern nackt, wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregt hätten. Allerdings wären dann die Schlagzeilen gewesen: "Halbe Schweiz heute nackt! Hier die besten Fotos" Und nicht: "In der Schweiz kriegen Männer nach Geburt ihres Kindes nur einen Tag frei" oder "Schweizerinnen erhalten im Schnitt nur halb so hohe Renten wie Schweizer" - was uns zu der Frage führt: Wie sollte feministischer Protest heute aussehen, um möglichst viel Wirkung zu erzeugen?

Man kann es nie allen recht machen

Dazu zunächst eine unangenehme Feststellung: Gemessen an den Medienberichten der vergangenen Jahre, erzeugt feministischer Protest die größte Aufmerksamkeit, wenn entweder Brüste, Genitalien oder Sex darin vorkommen, oder das Anliegen als grotesk darstellbar ist. Was noch lange nicht heißt, dass der Protest dann eine Wirkung erzielt, die über kurzfristige Aufmerksamkeit hinausgeht. Feministische Wut kann schnell kurze Wirkungen erzielen - so schnell, dass einige Firmen, wenn sie sexistische Werbung platzieren, auf Shitstorms zu hoffen scheinen.

Über die Aktionen von Femen wird regelmäßig berichtet, was definitiv unter anderem daran liegt, dass die Aktivistinnen oft oben ohne auftreten. Über Marlies Krämer, die auf Sparkassen-Formularen als Kundin bezeichnet werden will, wurde auch viel berichtet, teils mit einer gewissen Neugier, warum eine Frau bis vors Gericht zieht, um ihr Anliegen durchzusetzen, und oft beachtlich wohlwollend: Sicher auch, weil die 82-Jährige für niemanden wirklich gefährlich wird.

Es gibt einige wenige feministische Forderungen, die sich durchsetzen ließen, ohne dass irgendwem etwas wehtut, hauptsächlich sprachliche Änderungen. Natürlich gäbe es Leute, die behaupten würden, dass ihnen die Augen und Ohren bluten, wenn Formulare, Nachrichten und andere Texte grundsätzlich geschlechtergerecht formuliert wären, aber das wäre vernachlässigbar, denn wer sich von D-Mark auf Euro und von Telefon auf iPhone umstellen kann, kann sich auch von Bürger auf Bürger*innen umstellen.

Die allermeisten feministischen Forderungen können allerdings nur durchgesetzt werden, wenn irgendwem etwas wehtut: weil Menschen Macht, Geld und Privilegien abgeben müssen. Man kann es in diesem Sinne als Feministin nie allen recht machen, aber das war ja auch nie die Idee von Feminismus. Es gibt nicht erst seit #MeToo Männer, die behaupten, dass der Feminismus zu weit gegangen sei und man heute als Mann nichts mehr sagen dürfe. Das stimmt natürlich nicht, aber tatsächlich würden wir in Sachen Gleichberechtigung einen riesigen Schritt vorankommen, wenn all diejenigen, die in Interviews und Feuilletons erklären, dass man heute zu Geschlechterfragen nichts mehr sagen dürfe, wirklich nichts mehr sagen würden.

Sexstreik? Nicht die allerschlauste Protestform

Darüber hinaus haben natürlich die allermeisten Menschen die Möglichkeit, feministisch zu protestieren, ob allein oder in Gruppen. Sie können Veränderungen von Politiker*innen fordern, etwa wenn Frauenärztinnen zu Geldstrafen verurteilt werden, weil sie angeblich "Werbung" für Abtreibungen gemacht haben. Sie können Podien boykottieren, bei denen nur Männer eingeladen sind zu sprechen. Sie können Petitionen und offene Briefe schreiben. Bis heute ist es in Deutschland immer noch nicht strafbar, Frauen in der Öffentlichkeit unter den Rock zu fotografieren oder zu filmen. Es gibt eine Onlinepetition dagegen, die bisher wenig Aufmerksamkeit erhält, aber immerhin.

Die zwei größten Fehler, die man bei feministischen Protesten machen kann, bestehen darin, entweder so zu tun, als würde man für Feminismus einstehen, und dann bestimmte Frauen davon auszuschließen - oder Frauen durch Symbolik oder Methoden auf bestimmte Eigenschaften zu reduzieren. Wer auf einer Pride-Demo mit transfeindlichen Schildern rumläuft, wer gegen sexuelle Belästigung mit Vulva-Symbolik für alle Frauen kämpfen will, der versucht, gegen eine Art von Gewalt vorzugehen, indem er eine andere Art der Gewalt aufruft. Als neulich in den USA die Idee eines Sexstreiks aufkam - es ging darum, wie man gegen verschärfte Abtreibungsverbote protestieren kann -, erkannten zum Glück viele, dass das vielleicht nicht die allerschlauste Protestform ist, die Frauen wählen können, auch wenn es eine Aktionsform mit langer Tradition ist.

Der dritte größte Fehler, den feministischer Protest begehen kann, ist, zu schnell aufzugeben. Viele der Missstände, gegen die Feministinnen protestieren, sind im Großen und Ganzen bekannt. Frauen verdienen weniger Geld, sie arbeiten im Schnitt länger unbezahlt und werden oft sexuell belästigt, offline und online. Die Kunst liegt darin, auch bekannte Fakten immer und immer wieder vorzubringen.

"Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor", schrieb Hedwig Dohm vor 110 Jahren. "Es liegt an der Taktik unserer Gegner, die wieder und wieder dieselben Behauptungen aufstellen, unter absoluter Ignorierung unserer Widerlegungen, und uns damit nötigen das zehnmal Gesagte noch einmal zu sagen." Die allerwichtigste feministische Tugend ist leider immer noch Geduld. Und der feste Wille, sich zur Not zigmal zu wiederholen.

insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
arzt2 18.06.2019
1. Was soll dieser Artikel
Wieder werden hier Behauptungen über Benachteiligung von Frauen aufgestellt, die frei erfunden sind. Wenn eine Frau den gleichen Beruf ergreift wie ich als Mann (Zahnarzt) kann sie auch genauso viel Geld verdienen wie ich. Sie muss sich auch von keinem (Ehe-) Mann unterdrücken lassen. Dies ist ein freies Land. Niemand zwingt sie Kinder zu bekommen, um ihre Karriere zu gefährden. Niemand zwingt sie, sich einem Mann sexuell zu unterwerfen. Sie kann alleine bleiben wenn sie meint ein Mann unterdrücke sie. Frauen sind immer freiwillig mit Männern zusammen, jedenfalls in Deutschland. Manche Frauen ärgern sich lediglich über den Verrat ihrer Geschlechtsgenossinnen. Das ist alles. Frauen sind nicht solidarisch miteinander, das ist ihr Problem. Das wird sich auch nie lösen lassen. Die Biologie läßt sich nicht betrügen.
spon_4_me 18.06.2019
2. Feministischer Protest?
Mir fielen spontan Frauen in Saudi-Arabien ein, die vor ein paar Wochen gegen gewisse Kleidungsvorschriften ihres Landes protestiert haben. Dann dachte ich an junge Frauen in Nigeria, die während ihrer Menstruation zur Schule gehen wollten und für den freien Zugang zu Hygieneprodukten protestierten. Gut, die Themen rocken nicht die Ladies in Kreuzburg und der Schanze. Aber: Brennende BH? Sind denn schon wieder die 70er? Toll, die wollte ich immer schon mal bewusst erleben. Liebe Margarete, im Ernst: Das mit den Brüsten und Muschis und dem Sex - das gibt es heute an jeder Strassenecke, angeblich sogar bis zum Abwinken an einem Ort namens Internet. Das gibt immer ein hübsches Motiv für Pressefotographen, wenn ihr blankzieht, aber schockierend? Ich bitte Sie, Gnädigste. Die gute alte Idee der Lysistrata, da allerdings haben Sie, 2500 Jahre nach Aristophanes, einen Fund gemacht. Das Thema würde ich politisch aktivieren. Die No-sex-we're-serious-Partei, Wahlspruch: Wenn Deine Vulva heut nicht will, stehen alle Räder still. Go 4 it.
taglöhner 18.06.2019
3.
Autofahrende Araberinnen, Kopftuch-Schwingende Perserinnen und lachende Schulmädchen.
pulverkurt 18.06.2019
4. Beim Wort "Feminismus"...
... denke ich inzwischen vor allem an diese Kolumne. Da haben Sie ja ganz schön was erreicht, Frau Stokowski!
Ishibashi 18.06.2019
5. Selbstkritik
Frauen hätten es ja in der Hand wenigstens ihre Kinder geschlechhterneutral zu erziehen. Dann wäre wenigstens in einer Generation mehr Gleichheit gegeben. Aber nein, die Mädchen werden immer noch auf schön getrimmt und und studieren Exotik Fächer mit wenig Aufstiegspotential.
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