Global City Hamburg Beim Kugelwechsel

Warum der Münchner Axel Hacke die Hamburger beneiden muss


Die Alster, natürlich, wenn ich sagen sollte, worum ich Hamburg beneide (und ich soll es hier nun), fällt mir als Erstes die Alster ein. Im Mai war ich in Hamburg, wohnte an der Alster und joggte morgens um sie herum, bitte: Es war ein Fest. Diese in Blüten explodierenden Bäume - entschuldigen Sie das Rauschhafte. Ich machte die Alsterrunde gleich zweimal, die Außenalster meine ich, fast zu viel für mich, aber gut.

Ich keuchte vor Neid.

Überhaupt: das viele Wasser. In München haben wir den Kleinhesseloher See, rührend und bloß knietief. Und den Eisbach. Dann die Isar. Die wird gerade umgebaut, sie bekommt richtige Strände, von denen aus man im Fluss wird baden können, herrlich. Aber man kann auf der Isar nicht Boot fahren, und sie wird nicht von Schiffen benutzt wie die Elbe, das ist es eben.

Die Elbe finde ich langweilig, wie alle breiten Flüsse, aber es können Schiffe darauf fahren, und das neide ich den Hamburgern: dass sie, wann immer ihnen danach ist, riesige Schiffe angucken können. Mir ist oft auch danach, dann fahre ich weit raus zum Chiemsee und betrachte ratlos Segelboote, wie es sie in Hamburg mitten in der Stadt gibt. Stehe neben einem, der aus Leverkusen stammt und vom "hohen Freizeitwert" Münchens spricht. Das ist mir zuwider. Dass gewissen Leuten zu meiner Stadt nicht mehr einfällt als "der hohe Freizeitwert" und "dass man so schnell in Italien ist". Solche Menschen sind ein Grund, München nicht zu mögen, fast der einzige, aber das nur nebenbei. Darum geht es hier ja nicht. Ich soll Hamburg beneiden.

Und da sage ich: Es wäre schön, wenn auf der Isar mal ein richtiger Sensationspott durch die Stadt fahren würde, jedoch, das lässt sich nicht einrichten, man kann nicht alles haben, Hauptsache, man ist gesund, wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Wenigstens steht neben dem Deutschen Museum seit zwanzig Jahren der Seenotrettungskreuzer "Theodor Heuss", ein Anblick, der schwermütig stimmt. So ein schöner Kreuzer und nirgendwo ein kleines bisschen Seenot.

Übrigens heißt es, die Hamburger seien dezenter, nicht so prahlerisch. Eine angenehme Eigenschaft, auch wenn ich das Gefühl habe, manche Hamburger prahlten damit, dass sie nicht so prahlerisch seien. Wobei die Leute, die in München prahlerisch auftreten, in der Regel keine Münchner sind, sondern zugezogene Düsseldorfer. Der Münchner ist eigentlich ein leiser, leicht melancholischer Mensch. Und die Leute mit den größten Klappen sind alle in Berlin.

Es scheint, als hätten die Hamburger ständig Angst, gleichzeitig von Fernweh und Appetit überfallen zu werden.

Ganz toll an Hamburg: Geschäfte, die es nirgendwo anders gibt und die niemand zu brauchen scheint, Tropenausrüstungsfachläden zum Beispiel. Dieses gleichzeitig Geschäftstüchtige und irgendwie Nutzlose, ich mag es. Dann die Vielfalt von Imbissen, äthiopisch, pakistanisch, solche Sachen. Man hat den Eindruck, die Hamburger hätten ständig Angst, gleichzeitig von Fernweh und Appetit überfallen zu werden, und wenn sie dann nicht sofort was Fremdländisches zu essen bekommen ... Auch dass der HSV nicht überall so verhasst ist wie unser lieber FC Bayern, tja - Neid.

Eine stille Freude habe ich an Hamburger Straßennamen. In München heißen Straßen und Plätze, wie Straßen und Plätze eben heißen, Marienplatz oder Müllerstraße. Dann gibt es den Stachus, der gar nicht Stachus heißt, sondern Karlsplatz. Und die Paradiesstraße. Und die Milchstraße. Beides kurze Seitenstraßen.

Aber Hamburg! Eine Milchstraße gibt es auch, in Pöseldorf. Aber dann geht es überhaupt erst los. Fettstraße, Speckstraße. Heimat, Toller Ort, Zur Guten Hoffnung, Herrlichkeit. Hühnerposten, Haanbalken, Fuchsversteck. Beim Kugelwechsel, das ist in Poppenbüttel. Schulterblatt, Ellenbogen. Rutschbahn. Letzter Heller. Auf der Strenge ... Man kann gar nicht aufhören. Großer Burstah, Kleiner Burstah. Viele Hamburger Straßennamen klingen wie alles Mögliche, nur nicht wie Straßennamen, ja, die besten klingen wie überhaupt nichts. Oder wie Geräusche.

Nöpps. Ploot. Schwübb. Iloh. Trillup. Wölprie. Was für Adressen! Und alle in Hamburg.

Axel Hacke, 51, ist Kolumnist ("SZ", "Tagesspiegel") und schreibt Bücher, zuletzt "Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück".



insgesamt 1 Beitrag
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Godwael, 21.08.2007
1. Charmant. Besonders der Spruch mit der Seenot.
Aber den besten Straßennamen hat er verpasst: Hollwören, in Niendorf.
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