Globales Rettich-Rezept World Wide Wurzelchen

Am Ende des Oktoberfestes wird die Gesamtzahl der verzehrten Grillochsen, Bratwürste und Bierliter statistisch erfasst. Wie viele Rettiche gegessen wurden, will keiner wissen - dabei verkörpert kein Schmankerl die Internationalität der Wiesn so gut wie der Radi.

Kochtext / Peter Wagner

Von Hobbykoch


Obwohl in Bayern eine Brotzeit ohne einen in Kringel oder Scheiben geschnittenen, großzügig gesalzenen und meist von einer Laugenbrezel begleiteten Raphanus sativus kaum denkbar ist, zählt das Südvolk bei seiner Zentralfestivität nur die Bier oder Fleisch gewordenen Sünden akribisch mit. Beim Oktoberfest 2008 spülten sechs Millionen Besucher 104 Ochsen, 53.736 Schweinshaxen und 116.758 Bratwürste mit 6,5 Millionen Liter Bier herunter. Nicht erfasst wird der Radi, obschon der auf jeder Wiesnzeltspeisekarte als einer der erschwinglichsten Posten zu finden ist und kaum eine andere Oktoberfest-Spezialität die Multinationalität dieses Events derart perfekt widerspiegelt.

All die krachledern verkleideten Italiener oder Asiaten kennen den Rettich aus vielen eigenen Nationalgerichten; in etlichen italienischen Regionen zum Beispiel wird geriebener Radi gern zu Fisch gereicht, Korea und Japan glänzen gar durch den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch der gesunden Wurzel.

Radi wirkt antibakteriell

Wer nicht gerade wegen Magenproblemen empfindlich auf rohen Rettich reagiert, tut sich mit dem Verzehr nur Gutes. Neben Vitamin C in hoher Dosierung wirkt er durch Senföle antibakteriell und schleimlösend - schon Hildegard von Bingen empfahl einen Sud aus Rettichsaft, Wein und Honig gegen Husten. Nebenbei regt er die Gallen- und Lebertätigkeit an, wirkt krampflösend und soll sogar das Blasenkrebsrisiko bei älteren Männern signifikant senken. Weitere Inhaltsstoffe wie essentielle Aminosäuren, B-Vitamine, Karotin, Kalzium, Natrium, Magnesium, Kalium, Phosphor und Eisen verschaffen den vom ausgiebig Maß-Halten in den Festzelten ausgemergelten Körpern einen Ausgleich.

Und das gilt für alle Erscheinungsformen vom gemeinen deutschen Bierrettich über Radieschen, roten und schwarzen Rettich, Eiszapfen bis hin zum japanischen Daikon mit seiner besonders langen und fast zylindrisch geformten Wurzel, weißem Fleisch und leicht pfeffrigem Geschmack.

Der Globalisierungsgewinner Oktoberfest

Rettich in Begleitung seines Namensvetters Meerrettich ist in extrem unterschiedlichen Aggregatszuständen auch die Kernzutat von "Radi Internazionali", unserer heutigen Hommage an den Globalisierungsgewinner Oktoberfest: Italien spielt mit in der Form eines hauchdünnen, in Balsamico und Olivenöl marinierten Carpaccios. Österreich steuert mild gegartes Kalbfleisch und eine spitz-cremige Kren-Mayonnaise bei, die arabische Welt steckt ein knallrotes Granatapfel-Rettichsegel oben drauf, während Japan neben Sakewürfeln seine wichtigsten Sashimi-Zutaten beisteuert - Wasabi und Thunfisch.

Letzterer wird nun wieder häufiger auf den Speisekarten der Welt auftauchen, von denen ihn umweltbewusste Gastronomen in den vergangenen Jahren wegen bestandsgefährdender Überfischung gestrichen hatten. Der Grund: Einem australischen Meeresfarm-Unternehmen ist es erstmals gelungen, den beliebten Blue Fin Thuna in einer Qualität in ihren Aquakulturen zu züchten, die sogar von Tokioter Spitzen-Sushimeistern akzeptiert wird - und die daher auch dem heutigen Rezept gerecht werden kann (Vertrieb in Deutschland derzeit leider nur für die Gastronomie oder über die Filialen von "Frischeparadies" in Berlin, Essen, Köln, Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart und Wien).

Solchermaßen gediegen gestärkt, halten Außerbayrische auch der in München ortsüblichen Begrüßungsformel stand: "Saupreiß, japanischer!"



insgesamt 3 Beiträge
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mavoe 04.10.2009
1. Ich lebe Rettich!
Zitat von sysopAm Ende des Oktoberfestes wird die Gesamtzahl der verzehrten Grillochsen, Bratwürste und Bierliter statistisch erfasst. Wie viele Rettiche gegessen wurden, will keiner wissen - dabei verkörpert kein Schmankerl die Internationalität der Wiesn so gut wie der Radi. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,652762,00.html
Danke, Herr Wagner. Diesmal ohne zu exotische Zutaten :)
lorn order 04.10.2009
2. Wenigstens kein Bier-Gelee
Sake Gelee hatte Herr Wagner ja schon öfter. Zwar weiss niemand, warum, aber was solls? Aber wenigstens konnte er sich heute beherrschen und bot uns kein Gelee vom Oktoberfestbier an.....
oekotourist 04.10.2009
3. Warum immer Thunfisch?
Obwohl viele Ihrer Rezepte in dieser Kolumne künstlich wirken, so gibt es doch immer wieder auch sehr gute. Sehr angetan bin ich z.B. vom einfachen Rettich-Salat (warum muss aber heutzutage alles Dünngeschnittene als -Carpaccio oder -Sashimi daherkommen). Auch der "gefüllte" Kalbsbratenaufschnitt ist in jedem Fall einen Versuch wert, variiert dies doch das gängige Gericht mit Kochschinken, Spargel und Meerrettich auf schöne Art und Weise. Aber wieso das Thunfisch-Rezept? Thunfisch ist nun mal eine extrem stark vom Aussterben bedrohte Fischart, nicht zuletzt durch die weltweite Verbreitung pseudo-japanischer Esskultur. Ich bin doch immer wieder erstaunt darüber, wie viele ambitionierte (Profi-)Köche mit erhobenem Zeigenfinger mahnen, in unseren Kindern ein Bewusstsein für nachhaltige, saisonale und regionale Lebensmittel zu schaffen, gleichzeitig aber solche Rezepte kreieren und publizieren. Es gibt kein Leben im Falschen!
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