Globalisierung Wir sind alle Ausbeuter. Auch Sie

Unser Glück ist das Unglück der anderen. Um unseren eigenen Wohlstand zu sichern, lagern wir soziale Probleme und Umweltschäden einfach an andere aus. Willkommen in der neuen Dienergesellschaft.

Fast so etwas wie Familienmitglieder, aber keine Rechte: Nannies bei der Arbeit mit Kleinkindern im Park
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Fast so etwas wie Familienmitglieder, aber keine Rechte: Nannies bei der Arbeit mit Kleinkindern im Park

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Zum Beispiel der Rio Doce. Im November 2015 brachen die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwässer einer Eisenerzmine im brasilianischen Mariana gesammelt wurden. 60 Millionen Kubikmeter schwermetallhaltigen Schlamms ergossen sich über umliegende Dörfer und flossen in den Rio Doce, ein roter Strom aus Rückständen von Blei, Zink und Nickel, ein giftiges Gemisch vom Volumen 25.000 olympischer Schwimmbecken. Es verwüstete ein ganzes Ökosystem, eine Viertelmillion Menschen wurde vom Trinkwasser abgeschnitten.

Der Soziologe Stephan Lessenich stellt die Katastrophe sinnbildlich seinem Buch "Neben uns die Sintflut" voran, und er pocht darauf, dass es sich dabei nicht um eine Naturkatastrophe handelt, sondern um eine von Menschen gemachte. Um ein kalkuliertes Risikogeschäft, bei dem die Unwägbarkeiten auf dem einen Teil der Welt gelagert sind, während die Gewinne im anderen abgeschöpft werden.

Aber ist der ökologische Kahlschlag nicht wenigstens eine Chance für Schwellenländer, den Anschluss an die Industrienationen zu erlangen? Im Gegenteil, meint Lessenich. Es sei ein ungleicher Tausch, bei dem nur der eine Partner gewinnt: wir.

Es folgt ein Katalog der Globalisierungsgrausamkeiten. Es geht um den Sojaanbau in Argentinien, wo man eine Fläche insgesamt so groß wie Rumänien in eine ökologisch verheerende Monokultur umgebaut hat. Es geht um die Palmölindustrie, für die in Indonesien große Teil des Regenwaldes brandgerodet und Kommunen umgesiedelt werden. Es geht um die hyperbeschleunigte Garnelenzucht etwa in Thailand, wo für den Exportschlager Krustentier ein Drittel aller Mangrovenwälder gefällt wurden.

Das Personalpronomen ist Lessenich wichtig. Sein "Wir" hat es in sich, weil es die Distanzierung von den krummen Geschäften der Globalisierung unmöglich macht. Es ist somit ein ganz anderes "Wir" als das, was vor fünf Jahren die Occupy-Bewegung mit dem Spruch "Wir sind die 99 Prozent" etablierten. Die Antiglobalisierungsaktivisten beriefen sich auf die weltweite Vermögensungerechtigkeit und schlussfolgerten ein bisschen zu selbstgefällig: Sind wir nicht alle arme Schweine im Vergleich zu dem einen Prozent reicher Säcke?

Eben nicht. Meint jedenfalls Lessenich, der mithilfe von Statistiken ganz andere Relationen im Wohlstandsgefälle aufzeigt. So zähle etwa das einkommensschwächste Zehntel in Norwegen global immer noch zu den wohlhabendsten zehn Prozent. Andererseits zählten 80 Prozent der äthiopischen Bevölkerung zum weltweit ärmsten Zehntel. Sorry, kein Opferstatus für Europäer.

Zwar betont Lessenich unermüdlich, er wolle nicht moralisieren, seine mit dem alten Marx und dem hippen Piketty operierende Analyse läuft aber immer wieder auf den Punkt zu, wo er den Leser empfindlich bei der eigenen Lebenswirklichkeit packt. Einfaches Beispiel: Unsere für alle Bevölkerungsteile erschwingliche, proteinreiche Ernährung mit Soja- und Krustentierprodukten in der Discountertruhe fußt oft auf Umweltzerstörung, eben in Argentinien oder Thailand. Die Schäden, die unser Lebensstil mit sich bringt, lagern wir aus.

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Globalisierungskritik: Der neue Feudalismus

Gibt es denn kein Entkommen aus dieser, wie Lessenich sie nennt, Externalisierungsgesellschaft? Nein, der Auslagerungsvorgang ist ihm zufolge umfassend, er ist sowohl in unserer Wirtschaft als auch in unserem persönlichen Verhalten angelegt. Denn er bezieht sich nicht nur auf die Gewinnung von Erzen und Ölen, von Ballaststoffen und Proteinen anderswo auf der Welt, sondern genauso auf Dienstleistungen. Um unseren hohen Lebensstandard zu sichern, sind wir auf Arbeitskräfte angewiesen, die zur Sicherung des eigenen, erheblich niedrigeren Lebensstandards, Aufgaben für uns übernehmen. Putzen, kochen, pflegen.

Die Arbeitsverhältnisse sind fast immer prekär. Aber ist es nicht in Ordnung, wenn man die "Perle" - Achtung, gefährliches Wort! - fair behandelt und bezahlt? Kann daraus nicht ein Leistungsverhältnis entstehen, bei dem beide Seiten gewinnen? Keine Chance, so Lessenich.

Gleichstellung auf die perfide Tour

An dieser Stelle ist er in seinem Buch schon derart heißgelaufen, dass er in Polemik verfällt: "Das heimische Erwerbspotenzial gut gebildeter Frauen wird ausgeschöpft, die Sorgearbeit durch billige und zuverlässige Arbeitskräfte erbracht, die sozialen Folgen des Schöpfens aus dem Vollen einer globalen care-industriellen Reservearmee hingegen können ausgeblendet bleiben." Da liegt ein perfider Dreh in der Argumentation: Geschlechtergleichstellung ist demnach auch nur ein weiterer Schritt in die unentrinnbare Externalisierungsspirale. Was bleibt, ist eine mächtige moralische Diffusion.

Die kann auch der Autor Christoph Bartmann nicht ausräumen. In seinem Buch "Die Rückkehr der Diener - das neue Bürgertum und sein Personal" beschreibt der Germanist und Kulturmanager ebenfalls, wie sich in Wohlstandsgesellschaften unweigerlich ein gewisser Neofeudalismus breitmacht. Allerdings setzt er nicht bei der Systemkritik an, sondern mit einer rigorosen Selbstbefragung.

Bartmann leitete bis vor Kurzem das Goethe-Institut in New York und lebte in dieser Zeit mit seiner Familie in der Upper Westside. Ein Umfeld, in dem die Auslagerung von Aufgaben Lebensprinzip ist. Hier gibt es Diener für alles, fürs Baby-, aber auch fürs Hundesitten, fürs Kochen, aber auch fürs Kochzutatenhochschleppen. Fast alle Diener tragen spanische Namen, sie kommen aus Mexiko, Puerto Rico oder der Dominikanischen Republik.

In seinem gnadenlos eleganten, elegant gnadenlosen 300-Seiten-Essay beschreibt Bartmann die Wonnen einer 24/7-Serviceökonomie und Rundumbetreuung bei gleichzeitigem Zweifel, unter welchen Bedingungen diese am Laufen gehalten werden.

Keine Rechte, kein Schlaf

New York ist die Stadt, von der man sagt, sie schlafe nie. Für die vielen kleinen, prekären Dienstleister trifft dieses Schlafdefizit auf jeden Fall zu. Verbindliche Arbeitszeitregeln gibt es nicht, inzwischen hat sich der Begriff "Clopening" etabliert. Er bezeichnet den Vorgang, dass derselbe Angestellte, der das Restaurant, den Coffeeshop oder die Wäscherei in der Nacht geschlossen hat, am nächsten Morgen auch wieder aufmacht. Bartmann schreibt: "Die Folgen eines solchen Arbeitszeitregimes werden privatisiert, zu Lasten der Arbeitnehmer, denen bei Protest erklärt wird, sie könnten sich ja einen anderen Arbeitsplatz suchen."

Die Rechtelosigkeit ist eine Sache; eine andere ist, dass hispanische Nannies oder Haushälterinnen gleichzeitig so etwas wie Familienmitglieder sein sollen. Wie geht das zusammen? Wenn Bartmann diese paradoxe Kombination von knallharter prekärer Schattenwirtschaft und herbeiorganisiertem privaten Wohlfühlambiente ausleuchtet, hat sein Buch die stärksten Momente. Für affektive Dienstleistung an der Familie, also Kinderbetreuung oder Altenpflege, werden oft Frauen engagiert - die dafür wiederum ihre eigenen Familien vernachlässigen.

Eine globale Dynamik, die sich in Deutschland vor allem in einer anderen Care-Ökonomie niedergeschlagen hat: Hier pflegen Frauen aus Osteuropa vor allem Alte - und lassen dafür, zumindest zeitweise, Kinder und Großeltern zurück. Natürlich muss in Deutschland jeder im konkreten Fall in der Familie klären, ob man einen Umgang damit findet, Opa oder Oma von einer polnischen oder ukrainischen Pflegekraft umsorgen zu lassen, der sich fair anfühlt.

Das Skandalöse ist, und hier schließt Lessenich mit seiner Unser-Glück-euer-Unglück-Systemkritik wunderbar an Bartmanns Selbstbefragung an, dass die Externalisierungslogik der Schattenwirtschaft längst in die BRD-Gesundheitspolitik eingegangen ist. Die gesetzliche Pflegeversicherung, so Lessenich, würde ohne die Auslagerung an osteuropäische Frauen nicht funktionieren. Hier lautet die Formel zum ungleichen Tausch: unsere Alten, eure Last.



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wjr69 13.10.2016
1. Und?
Oh Gott, da suhlt sich mal wieder einer in seiner vermeintlichen moralischen Überlegenheit. Er unterliegt der Illusion, dass es den Menschen in der sog. 3. Welt bevor der böse Westen kam, auch nicht wirklich besser ging, die paradiesischen vorkapitalistischen Zustände sind nichts als eine linke Illusion. Dann gibt es eigentlich ja nur eine Lösungsmöglichkeit: Zurückdrehen des Lebensstandards auf das Niveau zur Zeit Karls des Großen (und schon dort gab es den bösen Einfluss des Westens über Kriege und Handelsbeziehungen) oder ein kollektiver Massenselbstmord. Den Menschen in der dritten Welt, die hier mal wieder von einem Soziologen gerettet werden soll, würde das aber auch nicht helfen.
weltverkehrt 13.10.2016
2.
Ich habe den Artikel zwar noch nicht gelesen, werde ihn gleich aber erwerben, obwohl schon der Anrisstext vollkommen falsch liegt. Wir lagern aus, um uns an anderen zu bereichern? Umgekehrt wird ein Schuh draus. Es gab hier mal zigtausend Beschäftigte z.B. in der Textil-, Kohle- oder Stahlindustrie, sowie in anderen produzierenden Gewerben, die alle entlassen wurden, weil sie zu teuer waren oder genauer: Weil andere sich billiger angeboten haben. Diese Beschäftigten, ob bei Nokia oder Textilherstellern, haben keineswegs freiwillig auf ihre Jobs verzichtet, damit andere ihnen "dienen" würden. Für manch einen ist eine solche These ein Schlag ins Gesicht.
weltverkehrt 13.10.2016
3.
Auch nach dem Lesen des Artikels und angesichts dessen, dass es sich um Buchbesprechungen handelt, bleiben die Thesen schwer erträglich. Da wird aus Sicht einer privilegierten (Ober-)Schicht in New York eine ihr vorbehaltene Dienstleistungsgesellschaft angeblich nur auf Kosten von Latinos kritisiert, als gäbe es keine einheimische Schicht dort, die sich ebenfalls mit mehreren Jobs über Wasser halten muss, erst recht abseits der Metropolen, wo die Mieten noch bezahlbar sind. Als ob nur Latinos solche Jobs machen würden. Oder es wird auf die osteuropäischen Pflegekräfte verwiesen, die natürlich alle ihre eigenen Familien vernachlässigen würden, obwohl auch für diese gilt, dass sie nur 3 Monate am Stück häusliche Pflege machen dürfen und dann einen Erholungsausgleich in der Heimat haben, oftmals oder keinesfalls immer selbst im Alter sind, zu Hause Verwandte pflegen zu müssen. Dass die einheimische Pflegekraft die gleichen miesen Arbeitszeiten hat, ohne Auslandsaufenthalt, aber ohne Erholungsausgleich, spielt keine Rolle. Dass bei einer Verlagerung des Wohnsitzes von Mann und Familie nach hier, auch diese wiederum im Alter diese Leistungen beanspruchen können - egal. Dass es solche Arbeitszeitmodelle und Auslandsaufenthalte nur bei Nannies und in der Pflege gibt, nicht schon seit Ewigkeiten z.B. zur See oder im Transportwesen (wo auch immer mehr Deutsche ihre Jobs verlieren) oder in jedem anderen Business, aber vor allem auch Ostdeutsche seit der Wende "auf Montage" zu durchaus gutbezahlten Jobs pendeln - und nicht nur die... All das gibt es nicht.
anonymousx 13.10.2016
4. Endlich!
Endlich wird das Thema mal beim Namen genannt Jeder, der das verneint betreibt realitätsverweigerung, man will doch nur nicht die eigene komfortzone verlassen. Wo kommen denn die ganzen seltenen erden her, viele der Rohstoffe, die es hier nicht gibt, Bananen und andere Früchte. Unsere Klamotten. Das wird alles von armen Schweinen woanders hergestellt und abgebaut. Super wir haben wieder den T-Shirt dreierpack für 10 Euro erworben, scheissegal, dass dann in Bangladesh wieder mal ein Gebäude die Mitarbeiter begräbt. Wundert mich ja wirklich so einen Artikel hier zu lesen.
weltverkehrt 13.10.2016
5.
@anonymousx Wo sollen denn die Rohstoffe sonst herkommen, als von dort, wo es sie gibt? Alles andere, von Nahrung über Kleidung bis Industrie- und Luxusgüter wurden in Deutschland bis Mitte-Ende des letzten Jahrhunderts selbst hergestellt. Wenn Sie als Veganer exotische Früchte im Salat haben - Bitte! Kein Landwirt hat her freiwillig die Produktion eingestellt, kein Textilunternehmen hat hier freiwillig eingestellt oder Pleite gemacht. Stahlproduktion, Bergbau, Tagebau (Braunkohle) wollen doch genau SIE hier nicht und wird/wurde eingestellt. SIE lagern aus, weil SIE die heimische Produktion nicht wollen. Nicht die Beschäftigten. SIE wollen lieber als Umweltfreund, dass die Kohle aus China oder Afrike eingeschifft wird und nicht her abgebaut wird, dass die Lebensmittel nicht hier hergestellt werden und deren Erzeuger bezeichnen SIE auch noch als Grund allen Übels. Wird es dann in Afrika hergestellt, erzählen SIE etwas von Dienstleistungsgesellschaft, Versklavung und Ausbeutung. Dann müssen Sie auch Einfuhrzölle fordern, damit hier die vorhandenen Rohstoffe ab- und die Nahrungsmittel angebaut werden.
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