S.P.O.N. - Der Kritiker Wenn die Sprache zum Skandal wird

Ohne dass wir es recht gemerkt haben, ist die Krise zum Dauerzustand geworden. An der Sprache lässt sich jedoch ablesen, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Der zweite Teil eines Glossars - von Notfall bis Zeit.

Eine Kolumne von


Wenn die Worte ihre Bedeutung verlieren, passiert etwas mit der Wirklichkeit: Sie löst sich auf, nach und nach, und nimmt eine neue Gestalt an: Das kann gewollt sein oder einfach Geschichte - die Veränderungen an der Sprache, so oder so, markieren eine neue Zeit.

Die vergangenen Monate waren so ein Bruch. Griechenland war nur das Exempel. Man kann es Staatsstreich nennen oder "marktkonforme Demokratie" - die Praxis der Politik und das Reden darüber haben sich so nachhaltig verschoben, dass sich in der Sprache die Lüge nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden ließ.

Auch deshalb war der Schock - und die Faszination - so groß, als jemand wie Yanis Varoufakis kam und auftrat als Herold genau der Wahrheit, die andere seit Langem und systematisch aufgekündigt hatten: Die Sprache war das Mittel, mit dem er provozierte, er brach die rhetorischen Konventionen des diplomatischen "double talk" und gefährdete das herrschende Euro-System damit mehr als durch seine ökonomischen Steilpässe.

Diesen Punkt hat gerade wieder der ökonomische Chefberater der Allianz gemacht, Mohamed El-Erian, in seiner "Verteidigung von Yanis Varoufakis" - es war sein Stil, der so verstörte, schrieb El-Erian im "Guardian", "indem er offen und ehrlich sagte, was er meinte".

Wenn die Sprache aber zum Skandal wird und die Wahrheit zur Gefahr, zeigt sich das Wesen des gegenwärtigen Regimes: Die Worte meinen nicht mehr, was sie bedeuten - alles Reden wird zur nutzlosen Routine.

Wenn die Diskussion aber endet, endet auch die Demokratie. Sie beruht darauf, dass Worte eine Bedeutung haben und dass man sich über diese Bedeutung streiten kann. Im Versagen der Begriffe zeigt sich das Versagen der Politik.

Das Glossar der Krise, Teil 2:

Notfall: Der Notfall kommt aus der Sprache der Feuerwehrleute und Sanitäter. Das Wort schafft Distanz zwischen Ursache und Wirkung, es legt nahe, dass es eine Kraft gibt, die größer ist und für diesen Notfall gesorgt hat, eine Art Unfall also. Tatsächlich, das hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben gezeigt, ist das Reden vom Notfall vor allem eine Herrschaftspraxis: Der Notfall wird mit der -> Zeit Realität.

Oxi: Das Nein ist das neue Ja, je nachdem, wie man darauf schaut. Das Nein ist meistens der Anfang von etwas und nicht das Ende. Das Nein hat eine lange Tradition in der -> europäischen Kulturgeschichte, es ist der Beginn des kritischen Denkens.

Programm: Was früher Plan hieß, heißt heute Programm. Der Unterschied ist, dass bei einem Plan ein Ziel formuliert wird, bei einem Programm sind eher die einzelnen Schritte wichtig. Ein Programm ist das, was man zum Beispiel bei den Anonymen Alkoholikern macht, zwölf Schritte zur Besserung. Ein Plan ist das, was die Amerikaner nach dem Krieg in Europa und besonders in Deutschland machten, der Marshall-Plan. Ein Programm wird, wie früher Schallplatten, aufgelegt. Wenn es zu Ende geht, dann tut es das, was früher Coca-Cola-Flaschen taten: Es läuft aus.

Reformen: Das Wort der Nullerjahre. Davor gab es nur das Reformhaus. Die Reform impliziert, dass es etwas gibt, das verdient, verändert zu werden. Die Veränderung selbst liefert die Begründung für das, was verändert werden soll. Man könnte das einen Zirkelschluss nennen. Reformen sind das Gegenteil von Revolutionen, sie sind dazu da, diese zu verhindern. Das Wort ist also gleichzeitig positiv besetzt und wertneutral. Ein Widerspruch, der das Wort attraktiv macht für den heutigen Politikerdiskurs.

Rettungsschirm: Der Schirm ist Schutz, unter den Schirm kann man "kriechen" oder besser "schlüpfen", er ist da, der Schirm in seiner ganzen Schirmhaftigkeit, generelle Generosität. Die Meinungen darüber, was die Rettung für das jeweilige Land bedeutet, gehen auseinander. Eines scheint aber klar: Derjenige, der gerettet wird, zahlt mit Dankbarkeit oder seiner Altersversorgung.

Schulden: Schulden sind eine Tatsache im real existierenden Kapitalismus. Schulden sind in mancherlei Hinsicht eine Voraussetzung dafür, dass Gewinn entsteht. Schulden sind zu unrecht negativ besetzt. Schulden sind der Keilriemen des Kapitalismus. Aber weil darin das Wort von der Schuld versteckt ist, wird es moralisch aufgeladen und zu einem Vergehen. Schulden schaden. Schuldner tragen eine Schuld. Schuld muss beglichen werden. Es ist die Sprache, die hier eine pädagogische Funktion übernimmt, die ökonomisch gar nicht notwendig wäre.

Sparen: Sparen ist gut. Sparen ist ein klares deutsches Wort, hell, ein weites a in der Mitte, offen, ohne Widerspruch, ein Wort ohne Feinde. Sparen ist sprachlich positiv besetzt, selbst der sprichwörtliche Schwabe wird erst belächelt, dann bewundert. Es ist eine Art deutsche Theologie, die in diesem Wort steckt, vom Protestantismus über das Biedermeier bis zur Theologentochter Angela Merkel. Sparen, so der Glaubenssatz, kann nie falsch sein. Geld für etwas auszugeben, das man nicht braucht, kann ein Fehler sein. Geld nicht auszugeben, kann eigentlich kein Fehler sein. Fehler geschehen erst, wenn man etwas tut. Es ist schwer zu verstehen, dass es auch ein Fehler sein kann, nichts zu tun.

Tür: Die Tür ist das Pendant zur Brücke, die eine geht auf und zu, die andere bricht ein oder wird wieder aufgebaut. Sigmar Gabriel zum Beispiel ist ein Brückenabbrecher, andere in der SPD sahen lange die Tür noch offen. Wie so vieles in dieser -> Krise ist das Rhetorik aus dem Legokasten, die eine grundsätzliche Ratlosigkeit markiert.

Ultimatum: Ein Ultimatum ist dazu da, gebrochen zu werden. Es gleicht damit dem -> Tag X. -> Zeit spielt in dieser -> Krise eine große Rolle, gerade weil sie in ihrer Relativität sichtbar wird.

Varoufakis: Ein Name wie ein Donnerhall. Die Medien standen Kopf. Varoufakis redete wie noch kein Politiker vor ihm, direkt und angstfrei, er misstraute der diplomatischen Geheimnistuerei, er wollte -> Europa verändern und Griechenland auch. Er musste scheitern, und hat so gewonnen. Er war der Polit-Playboy, der alle verrückt machte. Er brachte Glamour, Provokation und Verwirrung in die geordnete Vollzugswelt von -> Brüssel. Am Ende, nach dem -> Oxi, stieg er auf seine -> Yamaha und fuhr in den Sonnenuntergang. Seither macht sich die Welt Gedanken, ob er ein Schurke war oder ein Held.

Wir: Zu Wir gehört Die, es ist eine Front, die aus Sprache besteht: Die -> Krise hat den Kontinent polarisiert und das nationale Kollektiv wieder zu einem Akteur der -> europäischen Politik gemacht, jedenfalls in der Rhetorik. Es ist eine imaginäre Größe, die durch die -> europäische Einigung eigentlich überwunden werden sollte.

Tag X: Immer wieder gab es neue Ultimaten, immer wieder wurde beschrieben, was am Tag X möglicherweise passieren würde und was nicht - aber der Tag X selbst trat bislang noch nicht ein, was in seinem Wesen liegt, denn das Neue, das dieses X verspricht, gibt es nicht. Der Tag X ist damit ein eschatologisches Moment in der europäischen Politik, eine fast theologische Heilserwartung knüpft sich daran. Eschatologie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie die "Lehre vom Weltende und Anbruch einer neuen Welt".

Yamaha: siehe -> Varoufakis

Zeit: Die Zeit spielt entweder für einen oder gegen einen. Die Zeit ist dabei keine objektive Größe. Die Zeit kann gedehnt oder verkürzt werden. Fristen sind nur so lange Fristen, wie sie der Logik der Verhandlungen gehorchen. Was -> wir gesehen haben in der Krise, ist ein neuer Zeitbegriff: Hinter jedem Ende kommt ein neuer Horizont. Als wäre es ein Musical von Udo Lindenberg.

Glossar der Krise, Teil 1.



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hschmitter 31.07.2015
1.
Reform war schon im Deutschland der 90-er Jahre eine Umschreibung für Bedrohung: Gesundheitsreform. Die gab es ja immer wieder als real existierende Verschlechterung des Systemes. Ich würde auch unbedingt das Wort Troika, besonders bei ostsprachenungewöhnten Poltikern und Journalisten herrlich falsch ausgesprochen, hinzufügen. Davor kannte das doch keiner, der keine DDR-Vergangenheit hatte.
hschmitter 31.07.2015
2. Troika
Trio von Gruppen, untereinander auch nicht einig, planlos, konzeptlos, sich gegenseitig auch mal ausbremsend, aber verbunden in dem Gedanken, auf einen anderen gnadenlos einprügeln zu müssen.
ClausWunderlich 31.07.2015
3.
Der Mensch ist die Ursache der Dauerkrise! Seit ich lebe gibt es immer irgendwelche Krisen. Die gute alte Zeit gab es nie und wird es nie geben. Wir sollten uns damit Abfinden das Mensch = Krise bedeutet und das wohl ein Teil unseres Seins ist.
klogschieter 31.07.2015
4. Berücksichtigen Sie bitte meinen Nick und üben Nachsicht
Der Plural von "Wort" ist in diesem Fall "Wörter". "Worte" sind etwas anderes. Wäre mir ja wurscht, aber wenn ein Text so auf der Sprache rumreitet, geht halt der Deutschleistungskursler mit mir durch.
Norbert Rost 31.07.2015
5. Kategoriedenken
Eine schöne Kolumne. Sie zeigt auch, in welcher Form wir meist denken: In Substantiven. In Dingen. In toten Sachen, die kaum leben. Worte, die fließende, sich bewegende und verändernde Dynamiken beschreiben, sogenannte "Verben", auch Tu-Wörter, weil sie handelnde Menschen beschreiben, kommen kaum vor. Die Bürokratie hat mit ihrem Kategorisierungswahn uns das Substantiv als totes Denkelement gegeben. So sieht unsere Welt dann eben auch aus...
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