Glücksdebatte im TV Die Vernunft muss dran glauben

Wenn die Krise tobt und die Ängste wachsen, ist spirituelle Erbauung gefragt. Bei Sandra Maischbergers TV-Talk ließ sich studieren, wie kurz der Weg vom Jenseits ins obskurante Abseits sein kann. Selten kam Sinnsuche peinlicher daher.
Von Henryk M. Broder

Viele Wege führen zum Glück, aber nur einer ins Fernsehen. Man muss ein Erweckungserlebnis gehabt haben, das einen auf den richtigen Weg geführt hat. Und man muss das dringende Bedürfnis haben, es allen mitzuteilen, damit auch sie den richtigen Weg finden und ebenso glücklich werden. Denn ganz für sich allein das neue Glück zu genießen, das scheint genauso unmöglich, wie mit sich selbst in der letzten Reihe im Kino zu knutschen.

Einen Menschen, der sein Glück gefunden hat, erkennt man daran, dass er immer lächelt, ein gütiges, nachsichtiges Lächeln, in dem man auch das Mitleid für denjenigen erkennen kann, der sein Glück noch nicht gefunden hat.

Gestern Abend war es wieder soweit, das große ultimative Glück war zum Greifen nah, diesmal bei Maischberger. Verkörpert wurde es durch drei Konvertiten - eine ältere Frau, die Indianerin geworden war, eine ehemalige MTV-Moderatorin, die zum Islam konvertiert war und einen ehemaligen "Stern"-Reporter, der nach einem Besuch in Baghwans Camp selber ein Sanyassin wurde.

Man könnte über ein solches Angebot hinweggehen und es unter dem kölschen Spruch "Jedem Tierchen sein Pläsierchen" abhaken, wenn es nicht einen Trend illustrieren würde: den zum Obskurantismus. Oder um es mit dem englischen Schriftsteller und Erfinder von "Pater Brown" zu sagen: Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sie glauben allen möglichen Unsinn.

Von der Leere zur Lehre

Das freilich trifft für Kristiane Backer (früher MTV, heute Mohammed) nur bedingt zu. Sie hatte "alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann": einen tollen Job, viele Freunde und ein ordentliches Einkommen. Aber am Ende des Tages saß sie "allein im Hotelzimmer" und war "nicht erfüllt".

Was ihr fehlte war "die ultimative Liebe, die Liebe zu Gott". Und die fand sie ausgerechnet auf einer Reise nach Pakistan, wo sie "bitterarme Menschen" kennenlernte, "mit einem Leuchten in den Augen". So hat sie im "Islam den Sinn des Lebens gefunden".

Jetzt betreibt sie "Entertainment mit Innertainment" und spricht Sätze, wie sie auch jede Weinkönigin aus dem Moseltal nach ihrer Krönung sagen würde: "Ich möchte für meinen Geist geschätzt werden, nicht für meinen Körper."

Auf die Frage nach der Behandlung der Frauen im Islam antwortet sie mit dem selben Lächeln, mit dem sie über ihre Liebe zu Gott erzählt: "Ich hätte keine Religion gewählt, wo Frauen zweite Klasse sind."

So ein Satz ist allererste Klasse, beweist er doch, dass Glaube und Logik sich bestenfalls im Unendlichen treffen. Und dass Kristiane Backer die Welt noch nie mit den Augen einer Burka-Trägerin gesehen hat.

Die Sendung mit der Fledermaus

Auch Christa Yellowtail, Schamanin und Heilerin, verbreitete nichts als gute Laune, vermischt mit Weihrauch aus Salbei und Wacholder, mit dem sie die Schwingungen im Studio "reinigen und klären" wollte. In ihrem früheren Leben war sie Chefsekretärin, hatte einen Mann und drei Kinder, bis sie einen Crow-Indianer traf, dessen "Ehefrau und Schülerin" sie wurde. Der brachte ihr Weisheiten bei wie "Gedanken sind Fledermäuse, die vertrieben werden müssen". Seitdem praktiziert sie indianische Alternativmedizin, glaubt aber, dass sie "eigentlich Psychotherapie" macht.

Jörg Andrees Elten, der frühere "Stern"-Reporter, der vor über 40 Jahren aus Schwabing nach Poona aufbrach, bot ebenfalls eine Theorie zum Glücklichsein an: "Erst wenn die Gedanken aufhören, befinde ich mich im Hier und Jetzt." So ähnlich hatte es schon Gottfried Benn gesagt, aber ganz anders gemeint: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück."

Elten, der inzwischen Seminare zur Sinnsuche veranstaltet, wurde dann doch kurz ungehalten, als er von Werner Schneyder nach den 92 Rolls Royce Autos gefragt wurde, die der Sekten-Chef Osho sein eigen nannte. Die seien erstens nur geleast gewesen und zweitens "eine geniale Werbeidee", erwiderte Elten: "Der Mann hatte eine Botschaft, da musste er sich was einfallen lassen, um ins Gespräch zu kommen."

Unglaubliche Glaubensgenossen

Man sah es Werner Schneyder an, wie sehr er sich beherrschen musste, um im Hier und Jetzt die Contenance nicht zu verlieren: "Wenn man das zurecht rücken wollte, käme man um eine Aggression nicht herum", stellte er mit gedämpfter Stimme fest. Er warte nur darauf, bis auch die als friedlich geltenden Buddhisten zuschlagen würden. "Es ist nur eine Frage der Zeit." Und: "Alle Religionen gehen mir auf die Nerven." Das klang wie ein "Verfluachtundzugnaht" mitten im Vaterunser und schaffte für einen Moment Klarheit.

Esther Villar, die vor Jahrzehnten schon Alice Schwarzer zur Raserei gebracht hatte, durfte auch in dieser Runde den Advocatus diaboli spielen. Es sei doch alles komisch, "was in der Religion passiert, alles Schwachsinn, wir leben in einer gigantischen Irrenanstalt", im Himmel gehe es schlimmer zu als in der Hölle und: "Religion ist das Glück der Sklaven."

Da half auch der Weihrauch aus Salbei und Wacholder nicht weiter, die Frage, ob Glaube der Weg zum Glück sein könnte, blieb unbeantwortet im Raum stehen. Und so warten alle auf eine Fortsetzung der Diskussion, mit Wahrsagern, Kartenlegern und Wunderheilern, die wie Fledermäuse im gedankenfreien Raum flattern. Notfalls auch gebührenpflichtig in der ARD.

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